Boutros-Ghali  | Bildquelle: dpa

Nachruf auf Boutros-Ghali Mutig, unbequem, realistisch

Stand: 16.02.2016 19:07 Uhr

Boutros Boutros-Ghali sah seine Rolle als UN-Generalsekretär immer realistisch. Die einen hielten ihn für mutig, andere warfen ihm das Versagen der UN vor. Der erste Afrikaner an der UN-Spitze starb nun im Alter von 93 Jahren.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Boutros Boutros-Ghali, der einstige Chefdiplomat der Vereinten Nationen, hat seinen Job als UN-Generalsekretär stets realistisch eingeschätzt. Am Ende, sagte der gebürtige Ägypter einmal, zeigten eh alle mit dem Finger auf den UN-Generalsekretär. "Einer der Gründe, warum die Vereinten Nationen gegründet wurden, war doch, dass man einen Sündenbock brauchte, wenn eine Krise eskaliert", sagte er. "Wenn es einfach ist, wollen ja alle anderen gerne vermitteln, um die Lorbeeren einzustreichen.“

Als er 1992 ins Amt gewählt wurde, schien auf den ersten Blick vieles einfach. Der Kalte Krieg war beendet, der Ostblock zerfallen. Bald aber stand der jetzt 93-jährig verstorbene, gelernte Einser-Jurist Boutros Boutros-Ghali vor genau den Problemen, die die Vereinten Nationen bis heute behindern: ein handlungsunwilliger Sicherheitsrat und Krisen, die schneller eskalierten, als die UN in der Lage waren zu handeln.

Versagen in Ruanda, Jugoslawien und Somalia

In Boutros-Ghalis Zeit fielen einige der dunkelsten Kapitel der UN-Geschichte. Der Bürgerkrieg in Somalia, der Krieg in Jugoslawien und vor allem anderen der Völkermord in Ruanda. "Ich behaupte nicht, dass die UN nicht auch Verantwortung für das Versagen in Ruanda, Jugoslawien und Somalia haben", sagte er später. "Aber die Mitgliedsstaaten der UN spielen eben auch eine Rolle. Die Verantwortung muss geteilt werden."

Boutros Boutros-Ghali | Bildquelle: AP
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Boutros Boutros-Ghali wurde als erster UN-Generalsekretär nach nur einer Amtszeit abgelöst.

Boutros-Ghali jedenfalls steht für viele Premieren. Er war der erste Afrikaner an der Spitze der UN, galt als Hoffnung für Afrika. Er war allerdings auch der Erste an der Spitze der Vereinten Nationen, der nur eine Amtszeit absolvierte, auch weil die Amerikaner es so wollten. Die Clinton-Administration war damals frustriert über die scheinbare Untätigkeit des UN-Generalsekretärs. Die damalige UN-Botschafterin Madeleine Albright formulierte es einst so: "Der UN-Generalsekretär ist ein Mann von großem Intellekt, aber er hat die Verwaltung der UN vernachlässigt und er reagiert, statt zu agieren, wenn es um UN-Reformen geht."

Aus Sicht der USA zu unabhängig

Als im Oktober 1993 ein getöteter amerikanischer Marine von einem Mob nackt durch die Straßen der somalischen Hauptstadt Mogadischu gezerrt wird, die Bilder davon um die Welt gingen, war das der Wendepunkt auch für die Zukunft von Boutros-Ghali. Das habe die öffentliche Meinung in den USA verändert, sagte er später. Zuungunsten auch seiner Zukunft als bisher sechster UN-Chef. Den Amerikanern galt der unbequeme Jurist fortan als zu unabhängig.

Ban Ki-Moon, der amtierende Generalsekretär, erinnerte in New York heute auch an diesen Charakterzug des Ägypters. "Er war mutig, indem er schwierige Fragen an die UN-Mitglieder stellte und zurecht auf die Unabhängigkeit seines Amtes und des gesamten UN-Sekretariats pochte", sagte Ban. 

Autor der Agenda für den Frieden

Boutros-Ghali war Autor der Agenda für den Frieden, eines Fahrplans für präventive UN-Diplomatie. Er hat gegen den Hunger in Somalia gekämpft, aber seine Kritiker warfen ihm einst auch mangelnde Empathie beispielsweise für das Leiden damals in Sarajewo vor, als er einmal öffentlich sagte, es gebe Orte, an denen mehr Menschen gestorben seien. 

Die Nachricht seines Todes verkündete in New York der Vorsitzende des Sicherheitsrates, der Venezuelaner Rafael Dario Ramirez Carreno. Er bat um eine Schweigeminute für den Mann, auf den 1996 dann Kofi Annan als siebter UN-Generalsekretär folgte.

UN trauern um früheren Generalsekretär Boutros-Ghali
G. Schwarte, ARD New York
16.02.2016 19:34 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 16. Februar 2016 um 23:50 Uhr im Deutschlandfunk.

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