Boston: Wie radikalisierten sich die Zarnajew-Brüder?

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Wie radikalisierten sich die Zarnajew-Brüder?

Die Hinweise auf ein islamistisches Motiv für den Anschlag in Boston verdichten sich. Der ältere der verdächtigen Brüder soll bereits in einer Moschee aufgefallen sein. Zudem werfen Bürgerrechtler der islamischen Gemeinde in Boston vor, Verbindungen zu radikalen Islamisten zu pflegen.

Von Timo Fuchs, SR-Hörfunkstudio Washington

Die beiden Verdächtigen kurz vor dem Bombenanschlag von Boston. (Bildquelle: REUTERS)
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Dschochar und Tamerlan Zarnajew kurz vor dem Bombenanschlag von Boston.

Mehr und mehr Details über die Vergangenheit der mutmaßlichen Attentäter von Boston werden mittlerweile an die Oberfläche gespült. Dabei steht vor allem der ältere der Zarnajew-Brüder im Fokus; der 26-jährige Tamerlan, der bei der Flucht vor der Polizei getötet wurde.

Anzeichen für seine Radikalisierung könnte es vor kurzem noch gegeben haben. In der Moschee seiner Gemeinde in Cambridge besuchte Tamerlan vor drei Monaten einen Gottesdienst, das Freitagsgebet. Angeblich stellte der Imam in seiner Predigt den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King als Vorbild dar - an dieser Stelle sei Tamerlan wütend aufgesprungen, wie sich ein Teilnehmer des Gebets nach Medienberichten erinnert. Tamerlan habe gerufen, dass man King nicht nennen dürfe, weil der kein Moslem gewesen sei. "Er hatte eine Wut in sich", bemerkt der Teilnehmer.

Amerikanische Lehre des Islam

Anschließend wurde der 26-Jährige angeblich aus der Moschee geworfen, habe danach aber ohne Zwischenfälle wieder an Freitagsgebeten teilgenommen. Ein Imam der Islamischen Gemeinde von Boston sagt nun, der Vorfall zeige, dass Tamerlan oder ein "radikalisiertes Element" nicht funktionieren könne in den islamischen Institutionen in Boston. Der Imam betont: "Wir sind stolz darauf, dass wir eine amerikanische Lehre des Islam vertreten."

Wie radikalisierten sich die Zarnajew-Brüder?
T. Fuchs, ARD-Hörfunkstudio Washington
22.04.2013 23:16 Uhr

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Dieser gemäßigte, weltoffene Ansatz wird aber seit längerer Zeit in Frage gestellt. Bereits vor acht Jahren berichteten amerikanische Medien über radikale Verbindungen der Bostoner Einrichtung. Dabei ging es vor allem um einen ihrer Gründer, Abdurahman Alamoudi. Er sitzt zur Zeit im Gefängnis, weil er an einem Komplott gegen die saudische Regierung beteiligt war. Die US-Regierung erkannte bereits vor Jahren, dass Alamoudi Geld für Al Kaida sammelte - und zwar für Al Kaida in den USA.

Warnung vor Radikalisierung

Mutmaßlicher Bomenleger gefasst
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In diesem Boot hatte sich Dschochar Zarnajew versteckt.

In der Moschee, die ganz in der Nähe von Tamerlan Zarnajews Wohnung liegt, habe es den Grundsatztext für den Dschihad gegeben, sagt der politische Aktivist Charles Jacobs von der Organisation Americans for Peace and Tolerance. Außerdem seien radikale Prediger in der Moschee aufgetreten. Seit zehn Jahren habe seine Gruppe vor der Moschee gewarnt, sagt Jacobs. Sie sei spezialisiert darauf, Menschen zu radikalisieren.

Die Frage ist außerdem, ob Tamerlan Zarnajew im Ausland mit radikalen Gedanken geprägt wurde. Zurzeit versucht das FBI herauszufinden, wen er auf seiner sechsmonatigen Russland-Reise im vergangenen Jahr getroffen haben könnte. Vor zwei Jahren hatte das FBI schon die Gelegenheit, den 26-Jährigen selbst zu befragen - vermutlich auf Bitten der russischen Regierung verhörten sie ihn. Die ausländische Regierung wollte eine "drastische Veränderung" bei Tamerlan seit 2010 erkannt haben und befürchtete, dass er sich darauf vorbereite, Untergrund-Gruppen beizutreten. Das Gespräch habe allerdings nichts Auffälliges ergeben. Das FBI habe dann in Russland um nähere Informationen gebeten und, so heißt es, bis heute keine bekommen.

Attentäter motiviert durch US-Kriege im Irak und Afghanistan
Ralph Sina, ARD Washington
23.04.2013 19:45 Uhr

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Stand: 22.04.2013 20:39 Uhr

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