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Zehn Jahre nach Start des Bologna-Prozesses ziehen die Bildungsminister Bilanz. Sie räumen zwar Fehler ein, wollen aber feiern, weil sie die wichtigsten Ziele erreicht sehen. Die Studierenden sind anderer Meinung. Sie klagen über fatale Folgen der Reform.
Von Jörg Paas, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa
[Bildunterschrift: Viele Studierende sehen die Folgen des Bologna-Prozesses kritisch. ]
Europaweit vergleichbare Abschlüsse, Gleichwertigkeit von Lehrplänen und mehr Mobilität für Studenten innerhalb Europas. Das waren die wichtigsten Ziele in der sogenannten Bologna-Erklärung vom Juni 1999. Doch was vor zehn Jahren als großer bildungspolitischer Sieg des vereinten Europa gedacht war, hat vielfach Ärger und Probleme gebracht.
Wenn heute Abend die Bildungsminister aus 46 Ländern - aus Budapest kommend - in der Wiener Hofburg den Bologna-Prozess feierlich begießen, dann wird es deshalb draußen vor dem Ballsaal laute Proteste geben. Die Studentenvertreterin Sigrid Maurer kündigt an: "Es wird eine große Demonstration geben und es wird Blockaden geben, von Seiten der Studierenden, um ihren Unmut darüber auszudrücken, dass die Minister feiern gehen, obwohl es eigentlich gar nichts zum Feiern gibt."
Die unzufriedenen Studenten sagen "Basta Bolognese". Österreichs Wissenschaftsministerin Beatrix Karl sieht hingegen die wichtigsten Anliegen des Bologna-Prozesses als erfüllt an. "Es hat vor allem für die Studierenden ein Mehr an Mobilität und damit mehr Chancen sowohl während des Studiums als auch nach Abschluss des Studiums gebracht", erklärt sie.
Nach außen sichtbarste Veränderung im Zuge des Bologna-Prozesses ist das neue, dreigliedrige Studiensystem mit den Abschlüssen Bachelor, Master und Promotion. Dass bei der Umsetzung Fehler gemacht wurden, gesteht allerdings auch die Ministerin ein: "Zum Beispiel darin, dass etwa achtsemestrige Diplomstudien in sechssemestrige Bachelor-Studiengänge hineingedrängt wurden. Hier sind die Studien inhaltlich überfrachtet."
Die Auswirkungen solcher Umsetzungsprobleme müssten im Wesentlichen die Studierenden ausbaden, in Österreich wie anderswo in Europa auch, sagt Studentenvertreterin Maurer. Bei der Umsetzung des Bologna-Prozess habe man sich nie Gedanken darüber gemacht, wohin man damit eigentlich wolle. Und man habe die Universitäten gezwungen, das in sehr kurzer Zeit zu machen.
Die Kritiker sehen als Ergebnis des Bologna-Prozesses überfüllte Hörsäle, unübersichtliche Studienabschlüsse und halbgare Akademiker. Fehlende Vorgaben der Politik seien im Lauf der Jahre durch Überregulierung in einzelnen Fächern und Hochschulen kompensiert worden, klagen die Studenten. "Das bedeutet, dass ich im Endeffekt nicht mehr so wie früher studieren kann, wie es mir gerade passt und ich die und die Lehrveranstaltung mache, die ich gerade wichtig finde", bemängelt Maurer. "Sondern das ist ein von vorn bis hinten vorgegebener Stundenplan in manchen Studienrichtungen, wo ich dann unter Umständen ein Jahr warten muss, wenn ich ein Seminar versäume, weil ich zum Beispiel mehr als zweimal krank war."
Auch die Universitäten klagen teilweise, dass sie bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses im Stich gelassen wurden. Einer der namhaftesten Kritiker in Österreich ist der Philosoph und Publizist Konrad Paul Liessmann. "Ich denke, dass man versucht hat, unterschiedlichste Studien an unterschiedlichsten Universitäten mit unterschiedlichsten Traditionen alle einer einheitlichen Norm zu unterwerfen. Das kann nicht gut gehen", sagt er. "Und das zweite ist, dass der Zeitraum, der für die Erstellung neuer vernünftiger Bologna-konformer Studienpläne zur Verfügung stand ,vor allem für kompliziertere Studienrichtungen extrem kurz war."
Eines steht fest: Die Wiener dürften froh sein, wenn die Bildungsministerkonferenz morgen Nachmittag zu Ende geht. Bis dahin nämlich ist laut Polizei wegen der Sicherheitsmaßnahmen und der angekündigten Proteste mit massiven Verkehrsbehinderungen zu rechnen.
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