Neues Gesetz in Bolivien Kinderarbeit - ganz legal

Stand: 27.07.2014 05:44 Uhr

Mit zehn Jahren arbeiten? In Bolivien ist das künftig erlaubt. Anfang August tritt ein neues Gesetz in Kraft, das Kindern erlaubt, unter "außerordentlichen Umständen" Geld zu verdienen.

Von Julio Segador, ARD-Hörfunkstudio Buenos Aires

Anfang August tritt in Bolivien ein Gesetz in Kraft, das von der Regierung als wirksames Mittel gegen die Ausbeutung von Kindern angesehen wird, Kritiker dagegen sprechen von einem Rückschritt ins Mittelalter. Es geht um das Gesetz, das die Kinderarbeit in Bolivien regelt.

"Es geht hier um ein Gesetz, das den Kindern zugutekommt", sagt Rodolfo Calle, Abgeordneter der Regierungspartei MAS. Er ist einer der Architekten des umstrittenen Gesetzes. "Sie erhalten endlich die soziale Absicherung, die allen Menschen zusteht, nicht nur den Erwachsenen. Das Gesetz regelt auf vernünftige Art und Weise, dass die Kinder einer Arbeit nachgehen."

Ein Mädchen in Bolivien arbeitet in der Landwirtschaft. | Bildquelle: dpa
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Fast jedes dritte Kind geht in Bolivien zur Arbeit statt zur Schule.

850.000 Kinder und Jugendliche arbeiten

Bolivien ist das Armenhaus Südamerikas. Nach Angaben der Regierung arbeiten in dem Land rund 850.000 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren anstatt zur Schule zu gehen. Fast jedes dritte Kind.

Auch José, ein Schuhputzer aus La Paz, musste schon früh Geld verdienen. "Mein Vater starb vor fünf Jahren, ich wurde Waise. Mir blieb nur meine Mutter. Und ich sah, wie sie schuftete, dabei war ich doch der Mann im Haus. Deshalb begann ich eben mit sieben Jahren zu arbeiten."

Das Gesetz erlaubt Ausnahmen vom offiziellen Mindestarbeitsalter von 14 Jahren. So dürfen Kinder ab zehn Jahren bereits selbsttätig arbeiten, wenn die Eltern es erlauben und auch ein Ombudsmann zustimmt. Den Arbeitgebern schreibt es vor, auf die Gesundheit der Kinder zu achten und sie nicht auszubeuten. Gefährliche Arbeiten in der Landwirtschaft oder dem Bergbau sind verboten.

Der Staatspräsident war selbst arbeiten als Kind

Prominentester Unterstützer des Gesetzes ist Staatspräsident Evo Morales, der als Kind von klein auf selbst arbeiten musste: in einer Bäckerei, bei der Herstellung von Bauziegeln, bei der Zuckerernte. "Man sollte die Kinderarbeit nicht verteufeln. Denn es ist so, dass sie aus familiären Gründen, oft weil sie Waisen werden, gezwungen sind zu arbeiten", sagt Morales. "Wenn wir ihnen die Arbeit aber offiziell verbieten, stärkt das die illegale Arbeit, wo sie in vielen Fällen ausgebeutet werden."

Boliviens Staatspräsident Evo Morales. | Bildquelle: AFP
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"Man sollte die Kinderarbeit nicht verteufeln", sagt Staatspräsident Morales.

Dass das neue Gesetz die Ausbeutung der Kinder verhindert, bezweifelt die Internationale Arbeitsorganisation ILO, die Bolivien scharf kritisiert. Doch auch im Land selbst gibt es Ablehnung. Für den Bürgerbeauftragten Rolando Villena verstößt Bolivien mit dem neuen Gesetz gegen internationale Abkommen: "Es scheint so, dass die Anwendung des Gesetzes wichtig ist und nicht der Schutz der Kinder. Das ist ein klarer, schwerwiegender und völlig unverständlicher Rückschritt mit Blick auf die weltweit gültigen Menschenrechte."

Ein 15-Jähriger als Gewerkschaftsführer

Angestoßen haben das Gesetz unter anderem die Kinder selbst. In Bolivien haben sich mehr als 10.000 minderjährige Arbeiter in sogenannten Kindergewerkschaften organisiert. Lautstark und vehement setzten sie sich in den vergangenen Monaten für ihr Recht auf Arbeit ein. Ein Recht, das gerade armen Familien das Überleben sichern soll. Der 15-jährige Rodrigo Medrano ist einer der Gewerkschaftsführer aus La Paz.

Er ist zufrieden mit dem neuen Gesetz zur Kinderarbeit: "Wenn das Gesetz so umgesetzt wird wie wir uns das vorstellen, werden die Kinder geschützt. Man kann sie nicht zur Arbeit zwingen, sie machen es freiwillig, und nicht einmal die eigenen Eltern können sie zur Arbeit zwingen."

Dieser Beitrag lief am 23. Juli 2014 um 05:49 Uhr im Deutschlandfunk.

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