Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, Archivbild | Bildquelle: AFP

Terrormiliz in Nigeria Ist Boko Haram wirklich am Ende?

Stand: 03.01.2017 18:27 Uhr

Boko Haram gilt als eine der tödlichsten Terrormilizen der Welt. Nigerias Regierung hatte angekündigt, die Gruppe endgültig zerschlagen zu wollen. Mit der jüngsten Offensive soll das gelungen sein. Aber ist Boko Haram wirklich am Ende?

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

"Technisch betrachtet haben wir den Krieg gegen Boko Haram gewonnen", sagte Nigerias Präsident Muhammadu Buhari vor mehr als einem Jahr in einem Interview. Jetzt hat er diese Aussage wiederholt.

Muhammadu Buhari | Bildquelle: AP
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Nigerias Präsident Buhari glaubt, dass Boko Haram besiegt ist.

Der Grund: Der jüngste militärische Schlag, die Eroberung des über 1300 Quadratkilometer großen Sambisa-Waldes, eines der wichtigsten Rückzugsgebiete von Boko Haram.

"Boko Haram ist zerschlagen!"

Die Terrorgruppe sei endgültigen zerschlagen, beteuerte der Präsident. Hunderte Kämpfer seien festgenommen worden, andere befänden sich auf der Flucht - ohne sich irgendwo verstecken zu können.

Ein Soldat behauptete: "Durch das Durchhaltevermögen meiner Truppen konnten wir die Lage in den Griff kriegen und 23 Dörfer befreien."

2000 Zivilisten sollen die Soldaten befreit haben. Auch die letzten 218 der vor drei Jahren entführten 276 Schülerinnen aus dem Ort Chibok sollten im Sambisa-Wald gefangen worden sein - von ihnen fehlt jedoch weiterhin jede Spur, wie auch von Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau, der schon mehrfach für tot erklärt wurde.

Doch fast wie jedes Mal, wenn Nigerias Militär einen Erfolg gegen die Terrorgruppe vermeldet, meldete sich Shekau in einem Video zu Wort. Gesund sei er und Boko Haram nicht vertrieben worden, die Kämpfer seien immer noch gut verborgen.

Boko-Haram-Anführer Shekau
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Boko-Haram-Anführer Shekau: "Ich bin gesund!"

Dazu sagte Sicherheitsexperte Kabiru Amadu aus der Hauptstadt Abuja: "Solange die Führung von Boko Haram am Leben ist, ist Boko Haram nicht besiegt."

Immer wieder sagen Beobachter das Ende der Terrorgruppe voraus. Doch auch wenn Boko Haram militärisch zurückdrängt werden konnte und keine Landstriche mehr kontrolliert, eine der größten Schwierigkeiten Nigerias bleibt - die zurückeroberten Gebiete auch sicher zu halten.

Der Terror ist geblieben

Die Selbstmordattentate und Angriffe auf Dörfer und Städte bleiben. Allein im Dezember sprengten sich mehrere Frauen auf Märkten im Nordosten des Landes in die Luft und rissen mehrere Menschen mit in den Tod.

Stichwort: Boko Haram

Die Gruppe Boko Haram kämpft seit ihrer Gründung 2002 für einen islamischen Gottesstaat im muslimischen Norden Nigerias. Immer wieder verübt sie blutige Anschläge auf Kirchen, Schulen, Sicherheitskräfte, Politiker oder Behördenvertreter und entführt Menschen.

Der Name der Gruppe bedeutet in einem örtlichen Dialekt "Westliche Bildung ist eine Sünde". Seit 2010 tragen sie auch den arabischen Namen "ǧamāʿat ahl as-sunna li-d-daʿwa wa-l-ǧihād" - übersetzt etwa "Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad". Die Mitglieder sehen sich selbst als "Nigerianische Taliban". Boko Haram wird verdächtigt, Verbindungen zum nordafrikanischen Arm des Al-Kaida-Netzwerks und zur islamistischen al-Shabaab-Miliz in Somalia zu unterhalten.

Lange galt die Gruppe als internes nigerianisches Problem. Doch mittlerweile schlagen die Terroristen auch in den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad zu.

Zwar starben 2016 weniger Menschen durch Boko Haram als im Vorjahr, sagte Sicherheitsexperte Amadu, dennoch dürfe die Regierung nicht nur militärisch gegen Boko Haram vorgehen: "Sie müssen anfangen, die Missstände auszumerzen, die eine Art Unterstützung für Boko Haram hervorgerufen haben. Armut, schlechte Regierungsführung - das sind alles Probleme abseits der Militäroperationen. Und erst wenn die Regierung das angeht, wird sie erfolgreich gegen den Terrorismus sein."

Boko Haram den Nährboden entziehen

Außerdem solle die Regierung islamische Gruppen im Land stärken, die sich gegen Boko Haram ausgesprochen haben, um der Ideologie der Terrorgruppe den Nährboden zu entziehen. Amadu rechnet weiterhin mit Terroranschlägen.

Denn Boko Haram gilt als zersplittert. Eine zweite Gruppe, die sich dem sogenannten Islamischen Staat angeschlossen hat, wütet in der Nähe des Tschadsees - und dieses Gebiet sei wesentlich schwieriger zugänglich als der Sambisa-Wald.

Und: Boko Haram ist nicht nur eine nationale Bedrohung. Die Terrormiliz kämpft außer in Nigeria auch im Norden Kameruns und in der Region Diffa im Niger.

Karte: Nigeria mit Abuja und dem Sambisa-Wald
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Sambisa-Wald, eines der wichtigsten Rückzugsgebiete von Boko Haram.

Karte Nordafrika mit Gebieten von IS, Boko Haram und Al Kaida
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Mehrere Terrorgruppen sind im Norden und Westen Afrikas aktiv.

Ist die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria wirklich am Ende?
D. Sadaqi, ARD Rabat
03.01.2017 17:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Januar 2017 um 14:10 Uhr

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