Flüchtlinge in Nigeria | Bildquelle: dpa

Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria Der ganz andere Flüchtlingsstrom

Stand: 23.09.2015 05:51 Uhr

Wegen der Terrorgruppe Boko Haram haben Millionen Nigerianer ihr Zuhause verloren. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe irren sie im eigenen Land umher. Selbst Hilfsorganisationen kommen nicht mehr nach, den Menschen zu helfen. Die Lage ist dramatisch.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Sie haben sich notdürftig einen Sonnenschutz mit Ästen und ein paar Tüchern gebaut. Eine junge Frau, Fatmata heißt sie, sitzt mit ihrer Tochter darunter im Sand: "Angreifer von Boko Haram haben unser Dorf niedergebrannt und drei Menschen umgebracht. Einer von ihnen war mein Nachbar. Wir sind dann in der Nacht geflohen. Mein Mann ist jetzt zurück gegangen, um zu sehen ob auf unserem Feld noch etwas zu retten ist“

Mehr als 2000 Menschen haben sich in dieses provisorische Lager in der Nähe des Tschad-Sees geflüchtet. Helfer der Vereinten Nationen versuchen im Tschad, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. “Diese Leute haben ihre Inseln im See verlassen, weil sie von Boko Haram angegriffen wurden. Jetzt sind sie hier. Sie haben nichts, sie brauchen Hilfe. Der Bedarf steigt ständig und wir brauchen immer mehr Unterstützung", sagt Adel Sarkozi vom Welternährungsprogramm.

Ihre Mitarbeiter stellen Videos ins Internet, um die Situation zu dokumentieren. Internationale Medien kommen nicht in das kleine Lager in der Nähe des Tschad-Sees. Es zeigt auch nur einen minimalen Ausschnitt des Flüchtlingsproblems in der Region.

Hunderttausende leben unter katastrophalen Bedinungen

Nigeria hat mehr als 2,1 Millionen interne Flüchtlinge. Das Nachbarland Kamerun etwa 200.000.  Im Niger schlagen die Vereinten Nationen Alarm: Allein im Gebiet um Diffa, im Südosten des Landes, leben etwa 340.000 Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen. Alle diese Menschen sind vor den Terror-Angriffen von Boko Haram geflohen.

In Nigeria strömen Flüchtlinge aus dem Kampfgebiet im Nordosten in vermeintlich sichere Zonen anderswo im Land. Nicht einmal zehn Prozent von ihnen leben in Flüchtlingslagern. Alle anderen sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen oder müssen sich irgendeine Unterkunft zurechtzimmern. 

Provisorisches Leben am Straßenrand

Am Stadtrand von Nigerias Hauptstadt Abuja leben Boko Haram-Flüchtlinge seit Monaten in einem Rohbau. Kein Strom, kein Wasser, keine Toiletten. Yusuf hat sich bis hierher durchgeschlagen: "Wir sind etwa 200 Menschen hier. Wenn du rauf gehst, dorthin wo wir schlafen – du würdest nicht glauben, dass da 200 Leute die Nacht verbringen können."

Es ist eine qualvolle Enge in diesem provisorischen Schlafsaal. Die Flüchtlinge bekommen keineswegs regelmäßig zu Essen und zu Trinken. Freiwillige Helfer kleiner Nichtregierungsorganisationen versuchen, das Nötigste heranzuschaffen. "Wir versuchen, was wir können", sagt eine Helferin, "aber es ist wie ein Tropfen im Ozean, solange es nicht wirkliche koordinierte Hilfe gibt. Wir schaffen das nicht ohne die Regierung."

Aber deren Kapazitäten sind offenbar begrenzt, die der internationalen Hilfsorganisationen ebenfalls. Nigerias Regierung hatte im August versprochen, Boko Haram binnen der nächsten drei Monate militärisch zu besiegen. Die Terroristen antworteten darauf unter anderem mit einem Anschlag in einem Lager für interne Flüchtlinge. Die Spirale aus Terror-Angriffen und Flucht dreht sich weiter. Es schauen nur nicht so viele zu wie beim Flüchtlingsdrama in Europa.

Der ganz andere Flüchtlingsstrom – Über 2 Millionen Menschen suchen Schutz vor Boko Haram
J. Borchers, ARD Rabat
23.09.2015 05:55 Uhr

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