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Mehr als 200 Blogger haben sich zu einer Konferenz in Budapest versammelt. Aus dem Katz- und Maus-Spiel zwischen ihnen und ihren staatlichen Verfolgern ist in vielen Ländern Ernst geworden. Gemeinsam suchen sie nach technischen Möglichkeiten, ihren Zensoren zu entkommen. Denn oft genug riskieren die Aktivisten im Kampf für das Recht auf freie Meinungsäußerung ihre eigene Freiheit und Unversehrtheit.
Von Jan Hendrik Becker, zzt. Budapest, für tagesschau.de
[Bildunterschrift: Teilnehmer der Konferenz zur Meinungsfreiheit im Internet - "Arbeiten für den Weltfrieden"? (Foto: Jan Hendrik Becker) ]
Der Unbequeme trägt die bequemsten Schuhe und er sucht einen Platz zum Frühstücken. Ausgeblichene Jeans, T-Shirt, halblange Haare. Ob er gefährlich ist? Alaa Abdel Fatah muss lachen: "Nein. Ich bin keine Gefahr!" In seiner Heimat Ägypten ist Fatah einer der bekanntesten Blogger. 2006 wurde er bei einer Demonstration verhaftet, verbrachte 45 Tage im Gefängnis, nachdem er sich in seinem Blog für ein unabhängiges Justizsystem eingesetzt hatte. Eine internationale Kampagne zu seiner Freilassung begann im Internet. Über Kontaktpersonen ließ Fatah kleine Zettel nach draußen schmuggeln und hielt so die Welt in seinem Blog über seine Zeit in Haft auf dem Laufenden. Für seinen Einsatz gab es weltweite Anerkennung und Auszeichnungen.
Der elegante Frühstückssaal des Hotels wirkt am Morgen wie die Kantine der Vereinten Nationen: Mehr als 200 Blogger aus über 30 Nationen treffen sich hier. In ihrer Heimat sind sie Buchhalter, Studenten, Zahnärzte oder Hausfrauen. Für manche war es eine lange Reise bis nach Budapest, für einige die erste Reise überhaupt. Eingeladen hat die Organisation "Global Voices", die viele ihrer Beiträge bündelt. Die meisten der Aktivisten kennen sich nur über das Internet: "Das ist Andrej Abozau aus der Ukraine? Ich dachte der wäre viel älter!" Das Touristenpaar an einem der langen Tische fühlt sich sichtbar deplaziert, hat vermutlich keinen Internetanschluss zu Hause. Schnell verschwinden sie aus dem spanisch-englisch-chinesischen Sprachgewirr.
[Bildunterschrift: Blogger Alaa Abdel Fatah saß 45 Tage im Gefängnis, weil er sich für ein unabhängiges Justizsystem in Ägypten eingesetzt hat. (Foto: Jan Hendrik Becker) ]
Fatah ist einer der bekanntesten Teilnehmer der Konferenz. "Es ist schon merkwürdig, soviel Bekanntheit mit etwas erlangt zu haben, das ich nicht getan habe. Immerhin wurde ich verhaftet. Das ist etwas sehr Passives", erklärt er. Die Leichtigkeit, mit der er spricht, verwundert, wirkt fast ansteckend. Wie viele Blogger aus anderen autoritären Staaten ist er hier, um über seine Erfahrungen im Umgang mit Verfolgung und Gefahr zu berichten. "Meine Erfahrung ist: Gerade weil ich nicht anonym geschrieben habe, sondern mich zu erkennen gegeben habe, war ich geschützt."
Der Global-Voices-Gründer Ethan Zuckerman begrüßt herzlich und formlos, "zu dieser Mischung aus Konferenz und Familientreffen." Zusammen mit der ehemaligen US- Auslandskorrespondentin Rebecca MacKinnon hat er vor drei Jahren im Umfeld der Universität Harvard die Webseite "Global Voices" ins Leben gerufen. "Wir sind wie eine Zeitung für Blogger, sammeln ihre Berichte, fassen zusammen, übersetzen und bündeln sie", erklärt er den anwesenden klassischen Journalisten. Die sind einfach zu erkennen, weil sie statt Computern Notizblöcke oder Mikrofone auf dem Schoß balancieren.
[Bildunterschrift: Die 200 Blogger beraten darüber, wie sie die Zensur umgehen können. (Foto: Neha Viswanathan) ]
Die erste Diskussionsrunde, fünf Teilnehmer auf dem Podium, fünf Nationalitäten, Fatah ist einer von ihnen. Über die Leinwand flimmern Youtube-Videos über Menschenrechtsverletzungen. Ein beliebtes Verfahren in autoritären Staaten ist es, in solchen Fällen entsprechende Seiten zu sperren, so geschehen in Tunesien im vergangenen Jahr. In Armenien ließ Präsident Robert Kotscharjan pünktlich zum Ende seiner Amtszeit zahlreiche politische Blogs sperren, die oft die sehr persönliche Meinung der Autoren wiedergaben. China setzt auf elektronische Filter und staatliche Zensoren, um ungewünschte Inhalte aus dem Netz zu verbannen und exportiert diese Technologie. Eigentlich also nur logisch, dass sich auch die Blogger austauschen, ihre Tricks und Techniken miteinander teilen. So ein gemeinsames Netzwerk der Aktivisten sei unumgänglich, "immerhin sind Youtube und Blogger eine Gefahr für jeden Diktator", ergänzt Zuckerman.
Fatah berichtet von einem Klima der Einschüchterung in Ägypten: "Bei uns werden die Seiten nicht gesperrt, sondern es soll ein Klima der Angst entstehen, das zu Selbstzensur führt." So sei den Eltern einer jungen Bloggerin, die Fotos von folternden Polizisten veröffentlichte, von Regierungsseite sehr vage zu verstehen gegeben worden, dass sich die Tochter in Gefahr befinde. "Das ist Druck, der auf eine viel subtilere Art ausgeübt wird, als durch eine Gefängnisstrafe", erklärt Fatah: "Es ist einfacher, sich gegen einen Diktator zu stellen, als gegen den eigenen Vater."
[Bildunterschrift: In Budapest sind die 200 Blogger zusammengekommen, um über sich über ihr Arbeit auszutauschen. ]
Fünf Diskussionsrunden und zehn Stunden später. Es ist halb sieben am Abend, als Fatah das Hotel verlässt. Es muss geregnet haben im Laufe des warmen Sommertages draußen in der Offline-Welt. Per Taxi geht es über die Donau. Der Osteuropa-Korrespondent der BBC, Nick Thorpe, hat um ein Interview gebeten, bei ihm zu Hause. Barfuß öffnet er die Tür, er ist gerade aus Serbien wiedergekommen, schaltet das Aufnahmegerät im großen Wohnzimmer ein.
Die Fragen für das Interview hat er aus der Zentrale in London bekommen, aber schnell findet der BBC-Reporter Interesse am ungewöhnlichen Besuch: Wie sehr das Bloggen sein Leben prägt, fragt der BBC-Mann. "Wenn ich etwas erlebe, was ich für wichtig halte, und dann nicht darüber schreibe, dann fühle ich so was wie Blog-Schuld", erklärt Fatah. "Blog-Schuld?" Thorpe nippt an seinem Tee, schiebt das Mikro dichter an Fatah heran. "Ich glaube wir sind dabei, unsere Gesellschaft grundsätzlich zu verändern, eine Allianz von jungen Aktivisten, Bloggern und traditionellen Medien."
Thorpe selbst sieht das Treiben im Internet kritischer: Die schlechte Qualität und die oft hassvolle Art und Weise der Kommentare zu den Blogs erstaunten ihn. Außerdem sei es für Blogger oftmals unmöglich, in Krisensituationen zwischen den Fronten zu wechseln und so objektiv zu berichten. "Das können sie einfach nicht machen, das bleibt den Korrespondenten vorbehalten." Das Ende der Auslandskorrespondenten sieht Thorpe nicht kommen "Wir werden weniger - aber uns Korrespondenten wird es weiter geben."
Anderthalb Stunden unterhalten sich Fatah und Thorpe, schließlich geht es über die Donaubrücke mit dem Taxi zurück ins Hotel. Fatah will seinen Rechner heute Abend nicht noch einmal anschalten. "Zuhause in Kairo steht mein Computer übrigens im Schlafzimmer." Und von dort wird er seine Gedanken, seine Strategien und Ideen im Streit für die Meinungsfreiheit bald wieder mit der Welt teilen. Auch mit denen, die ihm am liebsten wieder im Gefängnis sehen würden.
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