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09.09.2010

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In Tschechien wird die Bibel zum Bestseller
Heilige Schrift in moderner Sprache

In Tschechien wird die Bibel zum Bestseller

Von Religion will die Mehrheit der Tschechen eigentlich nichts wissen: Zwei Drittel bezeichnen sich als Atheisten. Und die meisten geben zu, noch nie im Leben eine Bibel aufgeschlagen zu haben. Umso erstaunlicher: Die heilige Schrift ist in Tschechien in diesem Jahr ein Bestseller. Im Frühjahr erschien eine neue Übersetzung in moderner Sprache, die erste Auflage war binnen Wochen ausverkauft. Und nun wird die Bibel sogar zum meist verkauften Buch des Jahres.

Von Christina Janssen, ARD-Hörfunkstudio Prag

In der Buchhandlung Kanzelsberger im Prager Stadtteil Smichov herrscht Hochbetrieb. Eine Kundin mit leuchtend rot gefärbtem kurzem Haarschopf legt gerade eine Bibel auf den Tresen - ein unscheinbares Exemplar in hellgrauem Leineneinband. Warum sie dieses Buch kauft? "Die Bibel gehört in jede tschechische Familie", antwortet die Kundin. "Denn das Fundament unserer Kultur ist letztlich das Christentum." Mit ihrem Einkauf betritt die 50-jährige Helena spirituelles Neuland. Sie sei nicht gläubig, sagt sie, aber irgendwie auf der Suche.

Eine poetische Perle, die niemand mehr versteht

So oder so ähnlich geht offenbar vielen Tschechen. Die Bibel 21, wie die Übersetzer sie genannt haben, ist im April erschienen und wurde inzwischen mehr als 80.000 Mal verkauft. Für ein kleines Land wie Tschechien, in dem schon Auflagen mit 30.000 Exemplaren als groß gelten, ist das bemerkenswert. Die erste Auflage der Bibel 21 war binnen vier Wochen ausverkauft. Eine Übersetzung in moderner, zeitgemäßer Sprache - das sei längst überfällig gewesen, sagt Übersetzer Alexander Flek. "Unsere alte Bibelübersetzung war wunderschön, wir haben sie geradezu verschlungen. Aber diese Sprache ist vierhundert Jahre alt." Das sei zwar eine poetische Perle, aber kaum jemand könne das heute noch verstehen. Viele Wörter hätten keine Bedeutung mehr. "Es ist verrückt, sagt Flek, "aber man kann viele dieser Ausdrücke heute einfach nicht mehr benutzen."

Die Heilige Schrift  (Foto: dpa/dpaweb) [Bildunterschrift: Die Heilige Schrift: Alt und schwer verständlich. ]
Die altertümliche Übersetzung war bisher wohl nicht der einzige, aber doch ein Grund für die Bibel-Abstinenz der sonst als Leseratten bekannten Tschechen. 70 Prozent haben jüngst in einer Umfrage erklärt, noch nie eine Bibel aufgeschlagen zu haben. Trotzdem behaupten viele, die Bibel zu kennen - aus Filmen oder aus der bildenden Kunst. Vielleicht wird jetzt auch das Werk an sich wieder attraktiv - wie für den Übersetzer selbst. Alexander Flek ist in der kommunistischen Tschechoslowakei in einer atheistischen Familie aufgewachsen und hat nach der Wende Theologie studiert. Als Priester stand er immer wieder vor dem Problem, den Gläubigen in der Kirche die komplizierten Texte der alten Bibelübersetzung erklären zu müssen. So kam die Idee zustande, es neu und anders zu machen. "Wir möchten die Bibel wieder den ganz normalen Menschen zugänglich machen", erklärt Flek. Das könne aber mit einer archaischen, akademischen Sprache nicht funktionieren. "Diese Bibel ist also für die einfachen Leute bestimmt. Sie sollen verstehen, dass die Botschaft der Bibel etwas mit ihrem Leben zu tun hat."

Neue Bibel-Begeisterung gibt Bischof Hoffnung

Für den Prager Weihbischof Vaclav Maly ist die neue Bibelbegeisterung ein gutes Zeichen. Aber um Tschechien zu einem christlichen Land zu machen, müsste schon eine Art Wunder geschehen. "Ich erwarte nicht, dass unsere Kirche wieder, wie in der Vergangenheit, eine Volkskirche oder eine Nationalkirche wird", sagt Maly. "Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Chance hat." Denn gerade in der jungen Generation beobachtet der Bischof ein wachsendes Interesse an der Religion. "In jeder größeren Pfarrgemeinde gibt es jedes Jahr ein paar Konvertiten. Junge Leute, die den Glauben gefunden haben." Dem Bischof gibt das Hoffnung, dass ein Teil der jungen Generation gläubig ist. 

Die Bibel - keine Chance gegen Harry Potter

Göttinger Gutenberg-Bibel ist Weltdokumentenerbe (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Bibel: In neuer Übersetzung ein Kassenschlager. ]
Gegen Harry Potter hätte die Bibel keine Chance. (Foto: dpa) [Bildunterschrift: Gegen Harry Potter hätte die Bibel keine Chance.]
 

Zumindest für den Buchhandel ist die "Bibel 21" schon jetzt ein Erfolg. Allerdings habe das überwältigende Interesse an der neuen Übersetzung kaum religiöse Gründe. "Die Bibel gilt bei uns als eine Art bürgerliches Lehrbuch, als eine Sammlung von Grundsätzen und Werten", sagt der Soziologe Oldrich Zajic. "Die meisten Tschechen empfinden die Bibel nicht so sehr als ein christliches Werk, sondern vielmehr als ein Buch der Bücher, in dem man Antworten auf viele Fragen finden kann, denen man in verschiedenen Lebensabschnitten begegnet." 

Die Bibel als praktischer Ratgeber - darauf haben die Tschechen offenbar gewartet. Eine offizielle Bestsellerliste gibt es in Tschechien zwar nicht. Doch einer Erhebung des Literaturmagazins "Grand Biblio" zufolge, ist die "Bibel 21" das meist verkaufte Buch des Jahres. Allerdings nur - gegen die Buchhändler freimütig zu - weil in diesem Jahr kein neuer Band von Harry Potter erschienen ist. Der britische Zauberlehrling hätte die Bibel sonst wohl weit überflügelt.

Stand: 25.12.2009 10:24 Uhr
 

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