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Vor den Parlamentswahlen in Italien
"Berlusconi? Wir sind doch alle so!"
Italiens Ex-Premier Berlusconi polarisiert. Seine Anhänger sehen ihn für die Parlamentswahlen als Hoffnungsträger, dem man so manches verzeiht. Bunga-Bunga? Ja schon, aber der 76-Jährige sei schließlich auch nur ein Mann. Und er stehe für eine liberalere Politik.
Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
Mario Monti habe ihn total enttäuscht, sagt Giuseppe Spoletini, der auch am kommenden Sonntag wieder für Mitte-Rechts stimmen wird. Für Mitte-Rechts, das heißt: für die PdL und für ihren Parteichef Berlusconi.
Spoletini, Pensionär und ehemals Wähler der Postfaschisten, geht zwar nicht davon aus, dass Berlusconi die Wahl gewinnt, aber, so sagt er: "Wenn er wiedergewählt würde, nehme ich mal an, dass er viel aus dem gelernt hat, was sich damals und in der Zwischenzeit ereignet hat. Viel wird trotzdem nicht passieren. Vielleicht werden einige praktische Probleme gelöst." Er glaube stark an das, was Berlusconi zur Abschaffung der Immobiliensteuer gesagt hat.
Zumindest bei Spoletini haben also Berlusconis Wahlversprechen voll gezogen. Dass Berlusconi die verhasste Immobiliensteuer rückwirkend zurückerstatten will - das hat jeder Italiener bemerkt.
Silvio forever! Was Italiener sagen, die Berlusconi wählen
S. Troendle, ARD Rom
21.02.2013 08:31 Uhr
Ein bemerkenswert ehrlicher Satz
Auch Manuela Tanori, eine junge Bauunternehmerin, die Berlusconi und seine Schwächen billigend in Kauf nimmt, weil sie auf eine liberalere Politik hofft. Monti hat alles abgewürgt, sagt sie: "Klar, man kann die Steuerflucht bekämpfen. Nur wenn eine Wirtschaft hauptsächlich auf Steuerflucht basiert, dann macht man damit alles kaputt, was es gibt. Die Leute haben heute keine Arbeit mehr und sitzen zu Hause."
Das ist ein bemerkenswert ehrlicher Satz. Steuersenkungen und ein flexiblerer Umgang mit Einstellungen und Kündigungen - das bräuchte es ihrer Meinung nach, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Mitte-Links oder dem Monti-Bündnis traut sie dies nicht zu. "Es ist offensichtlich, dass Berlusconi für mich eine sehr charismatische Figur ist. Und ich denke, dass er zumindest in seinem Leben bewiesen hat, dass er etwas geschafft hat - im Gegensatz zu vielen Politikern, sei es im Parlament oder auf lokaler Ebene", erzählt sie weiter. Berlusconi sei weniger Politiker als eine Persönlichkeit, die viele Arbeitsplätze geschaffen hat. "Er hat Verstand. Wie er das alles gemacht hat, ist ein anderes Paar Stiefel. Aber er hat es gemacht."
Das Gerangel um die Macht in Italien
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.02.2013, Peter Dalheimer, ARD Rom
Sie wisse ganz gut, wie so was läuft, sagt Tanori: Berlusconi persönlich habe nichts anderes gemacht als alle anderen. Sie zeichnet ein Bild, das ihrem Land nicht gerade zur Ehre gereicht: "Korruption und Schmiergeld gibt es doch überall. Klar, er vertritt die Regierung, aber er ist eben auch das Spiegelbild des Durchschnitts-Italieners. Die Italiener sind doch alle so. Er müsste total sauber sein, weil er dieses Amt ausübt, aber so ist es nicht. Wir sind eben so. Ich schäme mich nicht, Italienerin zu sein, weil wir Berlusconi haben, sondern weil das italienische Volk so ist, wie es ist. Wenn du klauen kannst, klaust du, wenn du Steuern hinterziehen kannst, hinterziehst du Steuern. Das passiert auf allen Ebenen."
Das beantwortet vielleicht nicht die Frage, warum man dann für Berlusconi stimmen kann, aber es gibt einen kleinen Einblick, wie Italiener denken, wenn sie ganz offen sind. Tanori ist eine junge und sehr hübsche Frau. Da bleibt die Frage, ob sie sich nicht vor einem inzwischen 76-Jährigen ekelt, der Bunga-Bunga-Parties mit Escort Girls feiert, die zudem minderjährig sind. Tanori sagt trocken, sie würde sicher nicht mit einem 70-Jährigen gehen, aber Berlusconi sei da wohl nicht der erste und vor allem auch nicht der letzte. Das verrät ziemlich viel über das Männer-Frauen-Verhältnis in Italien.
"Ich glaube nicht, dass er ihnen die Pistole an die Schläfe gehalten hat. Morgen könnte ein 80-Jähriger kommen, der mir einen Antrag macht und mich mit Gold überschüttet. Aber dann liegt es auch an mir zu entscheiden, ob oder ob nicht. Ein bisschen Verantwortung haben die Frauen schließlich auch - da spielt auch ziemlich viel Geldgier mit", meint die Bauunternehmerin.
Berlusconi: Stationen und Skandale seiner Karriere
Stationen und Skandale seiner politischen Karriere
"Diese Minderjährigen - wer sind die eigentlich?"
Spoletini hat zwei Töchter. Auf die Bunga-Bunga-Frage gibt er eine für einen Familienvater wirklich bezeichnende Antwort: "Das hat mich nur wenig gestört, weil diese Minderjährigen - wer sind die eigentlich? Die vom Bunga-Bunga, die Rubacuori. Auf den ersten Blick würde ich die schon mal nicht als minderjährig bezeichnen. Minderjährigkeit hat für mich nichts damit zu tun, ob jemand 18, 17 oder 16 ist. Klar ist Berlusconi der Repräsentant der italienischen Regierung. Aber er ist auch ein Mann."
Berlusconi habe der Politik in Italien ein menschlicheres Gesicht gegeben, sagt Spoletini, Das ist eine Aussage, die in Deutschland vermutlich Hohngelächter auslösen dürfte.
Beide Berlusconi-Anhänger sehen die Zukunft übrigens eher düster: Berlusconi wird verlieren, die neue Regierung wird instabil, in sechs Monaten gibt es Neuwahlen. Dass vor allem Berlusconi mit seinen populistischen Wahlkampfversprechungen daran schuld sein könnte, sehen beide natürlich ganz anders. Berlusconi sei vielmehr 20 Jahre lang von der Justiz verfolgt und durch eine Pressekampagne vernichtet worden. Was aber in Sachen Wirtschaftskrise passieren dürfte, wenn Berlusconi die Wahlen überraschend gewinnt, darüber haben sich weder Spoletini noch Tanori bisher Gedanken gemacht.
Stand: 22.02.2013 14:39 Uhr
