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Libyer stürmen Kaserne in Bengasi
Tote bei Protest gegen radikale Milizen
Seit der Ermordung des amerikanischen Botschafters ist die Lage in Libyen mehr als angespannt. In Bengasi stürmten gestern tausende Demonstranten eine Kaserne radikalislamischer Salafisten und vertrieben die Milizen. Wer aber Extremist ist und wer nicht, ist in der aufgeheizten Atmosphäre offenbar nicht leicht zu unterscheiden.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Vier Tote, mehr als 40 Verletzte - so die Bilanz nach den Ausschreitungen im ostlibyschen Bengasi. Begonnen hatte die Demonstration friedlich: Rund 30.000 Menschen protestierten gestern gegen Extremismus und dagegen, dass vor etwas mehr als einer Woche das US-Konsulat in Bengazi überfallen und der amerikanische Botschafter in Libyen getötet wurde. Manche sagen, dass es im Zuge des Protests gegen den in den USA produzierten islamfeindlichen Film "Unschuld der Muslime" zu dem Gewaltausbruch gekommen sei; andere sagen, hinter dem Überfall auf das Konsulat habe das Terrornetzwerk Al Kaida gesteckt - ein Racheakt für den Tod eines seiner Führungsmitglieder.
Mindestens vier Tote bei Sturm auf islamistisches Milizen-Lager in Bengasi
tagesschau 20:00 Uhr, 22.09.2012, Jörg Armbruster, ARD Kairo
Wie auch immer: Die rund 30.000 Demonstranten, die sich gegen diesen Gewaltakt wandten, zogen gestern zur Kaserne einer Miliz, deren Mitglieder Salafisten sind. Diese werden auch verdächtigt, an dem tödlichen Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen zu sein.
Doch die Demonstration gegen Extremismus wurde extrem: Mit Rufen wie "Libyen, Libyen" oder "Nein zu Milizen" stürmten Tausende mit Schwertern und Fleischerbeilen bewaffnete Demonstranten das Quartier der Salafisten, vertrieben die Milizionäre und setzten die Anlage in Brand.
Angriff mit Hilfe der Armee
Dabei wurden die Demonstranten, die sich selbst als regierungstreu bezeichneten, offenbar von regulären libyschen Sicherheitskräften unterstützt. Ein General erklärte danach: "Eine Gruppe Bürger hat verlangt, dass diese Kaserne der libyschen Armee übergeben wird. Wir haben gekämpft, um hineinzukommen, und jetzt übernehmen wir diese Einrichtung. Und es wird auch noch andere Kasernen geben, die wir einnehmen mit Hilfe des Volkes."
Und genau so kam es: Von den etwa 30.000 Demonstranten spaltete sich eine Gruppe ab und zog vor die Stellung einer anderen Miliz, 15 Kilometer außerhalb von Bengasi. Es gab Schusswechsel, die sich bis in den frühen Morgen hinzogen, schließlich flohen die Milizionäre.
Neue Unruhen in Libyen
B. Blaschke, ARD Kairo
22.09.2012 12:28 Uhr
Die Lage wird unübersichtlich
Das Pikante: Diese Milizionäre sollen - anders als die zuvor verjagten Salafisten - dem Verteidigungsministerium Libyens unterstellt sein. Weshalb die Führung in Tripolis nun auch die Demonstranten dazu aufgerufen hat, zwischen "illegitimen" bewaffneten Gruppen und solchen zu unterscheiden, die der Autorität des Verteidigungs- oder Innenministeriums unterstellt sind.
Innenminister Fausi Abdelali warnte angesichts des aufwallenden Volkszorns vor "Chaos". Doch für dieses Chaos haben die libyschen Behörden im Prinzip selbst gesorgt: Sie konnten sich bisher nicht gegen die Milizen durchsetzen, die gegen Muammar al Gaddafi gekämpft hatten. Nach Gaddafis Sturz behielten die Milizen, die überwiegend aus Familienverbänden bestehen, ihre Waffen und auch zum Teil ihre Stellungen, statt mit den neuen regulären Streitkräften zu verschmelzen.
Gezwungen werden können sie dazu kaum, da die Milizen überwiegend besser ausgerüstet sind als die libysche Armee. Wenngleich sie sich regierungstreu nennen, führen sie mehr oder weniger ein Eigenleben, mit dem die Zivilisten nicht immer zufrieden sind. Dazu kommt aber, dass sich neue Milizen gebildet haben: Sie werden nicht von Familienbanden zusammengehalten, sondern von Interessen: zum Beispiel fanatisch-religiösen. Eine unübersichtliche Situation. Und viele Libyer verlangen deshalb auch zu Recht, dass endlich für Ordnung gesorgt wird. Und sie fordern, dass endlich eine libysche Armee geschaffen wird.
Stand: 22.09.2012 13:01 Uhr
