Belgischer Polizist bei Durchsuchungen in Brüssel | Bildquelle: REUTERS

Nach Anschlägen in Brüssel Neue Festnahmen, weitere Durchsuchungen

Stand: 25.03.2016 11:10 Uhr

Die Brüsseler Polizei hat in der Nacht und am Morgen weitere Verdächtige im Zusammenhang mit den Anschlägen vom Dienstag festgenommen. Über ihre Identität ist noch nichts bekannt. Zugleich gibt es neue Vorwürfe im Fall Abdeslam.

Mit weiteren Durchsuchungen und Festnahmen versucht die Brüsseler Polizei, die Hintergründe der Anschläge in der belgischen Hauptstadt aufzuklären. Am Morgen wurde nach Medienberichten ein Mann im Stadtteil Forest in Gewahrsam genommen. Über seine Identität ist bislang nichts bekannt.

Am späten Donnerstag hatten die Ermittler sechs Verdächtige festgenommen. Auch zu ihrer Identität gibt es keine Auskünfte der Behörden. Die Zeitung "De Staandard" meldet aber, unter ihnen befinde sich ein Mann, der von Überwachungskameras am Anschlagstag in der Brüsseler Metro neben dem Selbstmordattentäter Khalid El Bakraoui gefilmt worden sei. Bestätigt ist diese Meldung bislang aber nicht.

Die Polizei hatte am Donnerstag Gebäude in der Brüsseler Innenstadt sowie in den Stadtbezirken Schaerbeek und Jette durchsucht. Drei der Verdächtigen wurden festgenommen, als sie mit einem Auto in unmittelbarer Nähe der Staatsanwaltschaft unterwegs waren.

Festnahmen von Terrorverdächtigen in Belgien und Frankreich
tagesschau 11:00 Uhr, 25.03.2016, Sonja Keilmann, ARD-aktuell

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Weiterer Attentäter identifiziert?

Nach Informationen der belgischen Zeitung "De Morgen" haben die Ermittler zudem einen weiteren Beteiligten an den Anschlägen identifiziert. Es handele sich um einen 28-jährigen Syrer, dessen Name sich auf einer Liste befunden habe, die die Sicherheitsdienste von anderen europäischen Ländern nach den Anschlägen erhalten hätten.

Auf dieser Liste hätten sich auch die Namen der Selbstmordattentäter Najim Laachroui und Khalid El Baraoui sowie von Mohamed Abrini gefunden. Letzterer gilt als möglicher dritter Attentäter vom Brüsseler Flughafen, nach ihm wird gefahndet.

Türkei weitet Vorwürfe aus

Ibrahim El Bakraoui, einer der Selbstmordattentäter vom Flughafen, ist möglicherweise im vergangenen Jahr gleich zweimal aus der Türkei abgeschoben worden. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters und beruft sich dabei auf Verlautbarungen aus türkischen Regierungskreisen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor erklärt, seine Land habe El Bakraoui im vergangenen Jahr abgeschoben und die belgischen Behörden vor ihm gewarnt. Danach, so heißt es bei Reuters weiter, sei er erneut in die Türkei eingereist und abermals des Landes verwiesen worden.

Belgien wehrt sich indes gegen Vorwürfe, die türkischen Warnungen vor dem Selbstmordattentäter in den Wind geschlagen zu haben. Die Behörden seien von der Türkei sehr spät über die Abschiebung El Bakraouis informiert worden, erklärte Justizminister Koen Geens. Die Nachricht habe man erst erhalten, als der Mann bereits auf dem niederländischen Flughafen Schiphol gelandet sei.

El Bakraoui war 2010 in Belgien zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden und vorzeitig freigekommen - offenbar trotz negativer Beurteilung der Gefängnisdirektion. Hätte er seine Strafe vollständig absitzen müssen, wäre er heute noch in Haft. Stattdessen wurde er im Juni 2015 an der türkisch-syrischen Grenze aufgegriffen und danach ausgewiesen.

Drei Männer mit Gepäckwagen - zwei davon mit je einem Handschuh | Bildquelle: AFP
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Die Attentäter vom Flughafen - der Mann rechts könnte der flüchtige Abrini sein.

Abdeslam nur einmal verhört?

Auch im Fall des Terrorverdächtigen Salah Abdeslam gibt es neue Vorwürfe gegen die belgischen Behörden. Abdeslam sei zwischen seiner Festnahme und den vier Tage später folgenden Anschlägen in Brüssel nur einmal verhört worden. Sven Mary, der Rechtsbeistand des 26-jährigen Franzosen, habe dies am Donnerstag bestätigt, berichtete das Nachrichtenportal "Politico".

Laut zwei Quellen aus Ermittlungskreisen gab es demnach gesundheitliche Gründe dafür, dass die Vernehmung nur etwa eine Stunde dauerte. So habe Abdeslam, der bei seiner Festnahme am Freitag leicht am Bein verletzt und anschließend operiert worden war, während des Verhörs in seinem Gefängnis in Brügge "sehr müde gewirkt". Das Verhör am Samstag habe keinerlei Hinweise auf die bevorstehenden Anschläge in Brüssel ergeben, sagten beide Informanten dem Bericht zufolge. Das habe vermutlich daran gelegen, dass die Ermittler bei der Befragung chronologisch vorgegangen seien und Abdeslam zunächst nur zu den Pariser Anschlägen vom 13. November vernommen hätten.

Die belgischen Behörden und die Regierung stehen erheblich unter Druck. Der Innen- und der Justizminister reichten ihre Rücktritte ein. Premier Charles Michel wies die Gesuche jedoch zurück. Unter Druck geriet die Führungsebene zum Beispiel durch die Erklärung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, sein Land habe im Sommer 2015 einen der El-Bakraoui-Brüder abgeschoben.

Bettina Scharkus, ARD Brüssel, zu den Festnahmen in Belgien
Tagesschau 01:15 Uhr, 25.03.2016

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