Polizisten versuchen, die Menschenmassen bei den Silvesterfeierlichkeiten im indischen Bangalore zu trennen  | Bildquelle: AFP

Übergriffe an Silvester "Die Horrornacht von Bangalore"

Stand: 05.01.2017 05:52 Uhr

Die Szenen rufen Erinnerungen an die Kölner Silvesternacht vor einem Jahr wach: Frauen, die von Männerbanden verfolgt, sexuell belästigt und bestohlen werden. Sie spielten sich diesmal im indischen Bangalore ab. Nun hat die Polizei Ermittlungen eingeleitet.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Seit Tagen dominieren die Vorfälle in der Silvesternacht in der indischen Großstadt Bangalore die indischen Medien - jetzt hat die Polizei die Ermittlungen aufgenommen und nach eigenen Angaben bereits sechs Verdächtige festgenommen. Sie sollen an der massenhaften sexuellen Belästigung von Frauen beteiligt gewesen sein, die sich bei den Feierlichkeiten zum Jahreswechsel auf den Straßen der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka zugetragen haben.

Zahlreiche Frauen - wie viele genau, ist noch unklar - waren von Männern in Gruppen sexuell belästigt worden. Die Täter hatten die Frauen umzingelt und begrapscht und versucht, sie gegen ihren Willen festzuhalten und zu entkleiden. Mehrere Fälle sind sogar auf Überwachungskameras dokumentiert.

"Kleidungsstil ist schuld"

Viele Bewohner von Bangalore sind schockiert, denn bislang galt die Stadt im Süden des indischen Subkontinents als vergleichsweise sicher für Frauen. "Wenn ich diese Aufnahmen sehe, dann komme ich zu dem Schluß, daß es keine Bewegungsfreiheit mehr gibt für Frauen. Die Regierung muss unbedingt etwas dagegen unternehmen", sagt eine Passantin. Und eine andere fügt hinzu: "Das war brutal. Diese Idioten müssen unbedingt bestraft werden. Wenn die Polizei nichts dagegen unternimmt, geht das immer so weiter."

Tausende Menschen feiern Silvester auf den Straßen von Bangalore | Bildquelle: dpa
galerie

Tausende Menschen hatten auf den Straßen von Bangalore den Jahreswechsel gefeiert.

Der Polizeichef von Bangalore, Praveen Sood, kündigte an, alle Fälle untersuchen zu lassen und die Schuldigen zu bestrafen. "Wir haben keine Zeit verloren. Wir haben auf eigene Initiative die Ermittlungen aufgenommen und werden dafür sorgen, dass die Verbrecher so schnell wie möglich geschnappt werden."

In den indischen sozialen Netzwerken kursieren Videoaufnahmen, von weinenden und laut um Hilfe rufenden Frauen. In den Kommentaren ist unter anderem die Rede von der "Nacht des Horrors von Bangalore". Für große Empörung sorgte der Innenminister des Bundesstaates  Karnataka mit der Äußerung, Schuld an den sexuellen Übergriffen sei der westliche Kleidungsstil von Frauen gewesen. Von der Zentralregierung wurde er dafür scharf kritisiert.

Keine Hilfe von Augenzeugen

Die Frauenaktivistin Brinda Adige kritisierte hingegen die anderen Teilnehmer der Silvesterfeierlichkeiten. Denn offenbar war niemand den belästigten Frauen zu Hilfe gekommen: "Ich glaube, wir als Einwohner von Bangalore sollten uns schämen. Dafür, dass niemand von den Zuschauern, den Augenzeugen der Vorfälle irgendwelche Schritte unternommen hat, um den betroffenen Frauen zu helfen."

In Indien gibt es immer wieder Berichte über schwere sexuelle Übergriffe auf Frauen und über Vergewaltigungen. Medienberichten zufolge gab es allein im Jahr 2015 34.000 gemeldete Fälle. Im Dezember 2012 war in Neu Delhi eine Studentin Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung geworden. Sie starb wenige Tage später an ihren schweren Verletzungen. Danach ging eine Protestwelle durch das Land, die entsprechenden Gesetze wurden verschärft. Sexuelle Gewalt gegen Frauen bleibt aber verbreitet, und die Täter gehen oft straflos aus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2017 um 23:37 Uhr.

Darstellung: