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Raus aus Bangalore
Tausende Menschen fliehen nach Droh-SMS
Bangalore ist das indische "Silicon Valley" - eine moderne Stadt mit zahlreichen Software-Firmen, in der mehr als 250.000 Menschen aus ganz Indien arbeiten. Nun aber versuchen Tausende zu entkommen, nachdem sich eine SMS verbreitete: Menschen aus dem Nordosten würden gezielt angegriffen. Weil so viele Menschen zu den Bahnhöfen gestürmt sind, setzte die indische Bahn Sonderzüge ein.
Von Silke Diettrich, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi
Tausende Menschen balancieren Koffer und Rucksäcke über dem Kopf und quetschen sich am Gleis zusammen, um in den Zug zu steigen. Sie klettern durch die Notausgänge und Fenster, obwohl eigentlich gar kein Platz mehr im Abteil frei ist.
Dicht an dicht stehen sie im Zug. Ein junger Mann schaut schwitzend durch das Gitter des Fensters: "Alle sagen, die Leute aus dem Nordosten Indiens würde umgebracht, ich habe auch Angst. Sie haben meinen Freund geschlagen. Wir arbeiten alle zusammen in einem Call-Center."
Tausende Arbeiter fliehen aus Bangalore
S. Diettrich, ARD Neu Delhi
17.08.2012 08:59 Uhr
Nicht mehr sicher in der Stadt?
Per SMS und in sozialen Netzwerken hatten sich die Gerüchte verbreitet. Menschen aus dem Nordosten Indiens sollten Bangalore bis zum 20. August verlassen. Sie seien nicht mehr sicher in der Stadt. Daraufhin haben Tausende Menschen spontan versucht, Fahrscheine zu bekommen.
Studenten, Familien, Arbeiter, darunter viele Menschen aus Assam, ein Bundesstaat im Nordosten Indiens, befinden sich auf der Flucht. Einer von ihnen berichtet: "Ich versuche, Tickets zu bekommen, um zurückzugehen, weil die Menschen aus Assam bedroht werden. Ein Junge aus Assam ist zusammengeschlagen worden. Deswegen und wegen der Drohungen fahren wir alle zurück."
Bereits Ende Juli hatte es große Ausschreitungen in Assam gegeben: mehr als 80 Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht. Gewaltsame Zwischenfälle sind im Nordosten Indiens weit verbreitet. In dieser Region leben rund 200 Ethnien.
Wegen der letzten Krawalle seien die Leute noch immer unter Schock, sagte der indische Innenminister Suschil Kumar Schinde, der extra zum Bahnhof gekommen war: "Wer immer auch hinter den Drohungen steckt, wir werden sie hinter Gitter bringen. Auch die Leute, die Gerüchte streuen und Unsicherheit verbreiten, werden bestraft."
Noch ist unklar, wer hinter den Gerüchten steckt, die sich wie eine Welle verbreitet haben. Laut Polizei hat es auch noch keine Übergriffe in Bangalore gegeben.
Beruhigende Worte aus allen Richtungen
Die spontane Flucht der Menschen ist jedenfalls Thema Nummer Eins in den indischen Medien. Die Fernsehsender setzen alles daran, die Menschen zu beruhigen. Politiker, Hilfsorganisationen und Polizisten kommen zu Wort. Sie alle bestätigen, dass die Menschen aus dem Nordosten des Landes in Bangalore sicher seien und nicht nach Hause fahren sollen.
Auch religiöse Führer schalten sich ein und sagen den Menschen: "Sie sind hier willkommen. Und diese Nachricht soll die ganze Nation hören: Wir wollen eine Gesellschaft, in der wir einander helfen, egal welcher Religion man auch angehört. Alle Menschen bekommen Schutz - ob in einer Moschee oder einem Tempel."
Viele Arbeiter im "indisches Silicon Valley"
Viele Menschen aus dem Nordosten Indiens arbeiten oder studieren in Bangalore. Es ist eine kosmopolitische, moderne Stadt - die drittgrößte Indiens, die auch den Beinamen "indisches Silicon Valley" trägt, weil zahlreiche Software-Unternehmen hier ihren Sitz haben.
Viele Eltern hätten ihren Kindern Geld überwiesen, damit sie sofort nach Hause kommen, erzählt ein Student. Eine Reise von über 3000 Kilometern, quer durch Indien. Er wiegt sich in Sicherheit: "Die Eltern zwingen ihre Kinder nach Hause zu kommen. Das ist lächerlich. Wir genießen das Leben hier. Ich fühle mich sicher und bin glücklich hier!"
Nicht alle Menschen sehen das so. Inzwischen berichten die Medien, dass auch in anderen Großstädten die Menschen aus dem Nordosten Indiens auf der Flucht seien.
Stand: 17.08.2012 10:37 Uhr
