Eine Frau demonstriert mit einem Plakat für die Schließung des Lagers auf Nauru.

Australische Flüchtlingslager Nauru - Von einer Hölle in die nächste

Stand: 14.08.2016 18:27 Uhr

Auf der Insel Nauru hat die australische Regierung Flüchtlinge in Lagern untergebracht. Die Lebensumstände dort sind katastrophal, die Menschen verzweifelt. Das belegen 2000 Berichte von Wachleuten, Lehrern und Helfern.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Nauru ist sehr weit weg von allem, 3000 Kilometer von Australien zum Beispiel. Es ist ein kleines kahles Eiland unter brütender Äquatorsonne - kein Ort, an dem man Kinder in ein Lager sperren sollte. Und doch werden hier Babys, Kinder, Frauen und Männer für unbegrenzte Zeit festgehalten, im Auftrag der australischen Regierung.

Die Flüchtlinge leben in entsetzlichen Zuständen - und manche versuchen lieber, dieses Leben zu beenden. "Ich habe Waschmittel getrunken", erzählt ein Teenager über das Internet der britischen Zeitung "The Guardian". "Ich bin des Ganzen hier so müde. Es hat mir die ganze Speiseröhre verätzt", berichtet der Jugendliche.

Menschen werden mit ihrem Trauma allein gelassen

"Das Lager, in dem wir hausen, ist wie ein Gefängnis. Wir leben hinter Gittern", beschreibt ein 13-jähriges Mädchen die Zustände in Nauru. Hätten sie kein Internet, hätte die Welt sie schon vergessen - so denken die Kinder im Camp. Und sie fürchten immer den Moment, wenn die Wachleute ihnen die Mobiltelefone wegnehmen. Und sie damit wieder in ihrer Verzweiflung allein lassen, in dem Trauma, vor dem sie eigentlich fliehen wollten. "Es ist schlimm für Muslime in Myanmar. Für Jungs nicht so sehr, die werden nur getötet, aber Mädchen werden vor den Augen ihrer Eltern vergewaltigt", sagt die 13-Jährige über ihre Heimat.

Aber auf Nauru sind die Flüchtlinge von einer Hölle in die andere geraten. Die 2000 Berichte von Wachleuten, Lehrern und Sozialarbeitern, die der "Guardian" jetzt veröffentlicht hat, künden von der Ausweglosigkeit der Lage. "Die Zustände sind brutal", sagt Reporter Ben Doherty. Ein Flüchtling sei ermordet worden, auf andere habe die Polizei geschossen, zwei Flüchtlinge hätten sich angezündet - einer von ihnen sei an den Folgen gestorben. "Gewalt, sexuelle Übergriffe und Selbstverstümmelung sind an der Tagesordnung", sagt Doherty.

Menschen halten für zwei Flüchtlinge, die sich im Lager auf Nauru selbst angezündet haben, eine Mahnwache ab.
galerie

Nachdem sich im Frühjahr zwei Flüchtlinge im Lager auf Nauru selbst angezündet haben, halten Menschen in Sydney eine Mahnwache ab.

Regierung tut Berichte als nichtig ab

Die Berichte geben Einblick in die tägliche Verzweiflung: Ein zweijähriger Junge spielt mit Kakerlaken, weil er kein Spielzeug hat. Ein Baby schlägt andauernd mit dem Kopf gegen die Wand. Eine Frau sagt, sie wolle ihre Kinder mitnehmen, wenn sie sich im Wasser ertränken werde. Besonders erschütternd ist die hohe Zahl der Berichte, in denen es um Kinder geht: mehr als die Hälfte. Dabei machten sie noch nicht einmal 20 Prozent der Flüchtlinge in Nauru aus.

Solche Vorwürfe sind schon länger aus den Auffanglagern gedrungen, jedoch hat die australische Regierung sie bisher immer als unwahr oder nichtig abgetan. Gillian Triggs, die Präsidentin der australischen Menschenrechtskommission, weist darauf hin, dass den Akten nicht entnommen werden kann, was nach den Berichten geschehen ist - wie oder ob den Vorfällen überhaupt nachgegangen worden sei. "Entscheidend ist, dass das hier kein sporadischer Zustand ist oder etwas, dass nur über eine bestimmte Zeit hinweg geschah, sondern dass hier kontinuierliche Missstände vorliegen", betont Triggs.

UN sprechen von Folter

Eine Krankenschwester, die auf Nauru im Einsatz war, berichtete der ARD, dass die Kinder, die dort auf unbestimmte Zeit festgehalten werden, schwere seelische und körperliche Schäden davontragen. Auch die Vereinten Nationen haben Nauru schon besucht und berichtet: Ihrer Ansicht nach laufen die Zustände auf Folter hinaus. Doch die australische Regierung setzt nach wie vor auf eine Abschreckungswirkung dieser Lager.

Nauru-Files: Von Missbrauch und Verzweiflung in Australiens Lagern
L. Bodewein, ARD Singapur
14.08.2016 15:58 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 10. August 2016 um 17:38 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: