Blick ins Dorf für Obdachlose | Bildquelle: WDR

Obdachlosendorf in Austin Die Familie, die sie nie hatten

Stand: 01.12.2017 07:46 Uhr

Manche haben Jahrzehnte auf der Straße verbracht. Am Stadtrand von Austin im US-Bundesstaat Texas entsteht ein elf Hektar großes Obdachlosendorf, das vielen Bewohnern zum ersten Mal im Leben Halt gibt. Idylle oder isolierte Insel?

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Penny ist endlich zu Hause - ein stolzer, fremder Begriff für sie. Etwa 40 Jahre lang hat sie überwiegend auf der Straße gelebt. Von der Mutter von klein an schwer misshandelt, entschied sie sich als Zehnjährige, dass die Straße nur besser zu ihr sein konnte.

Stattdessen ist sie da draußen jahrelang durch alle Tiefen von Gewalt, Missbrauch und Drogen gegangen, die ihr immer noch deutlich anzusehen sind. Nicht über alle Wunden kann sie schon sprechen, aber sie hat ein ganzes Dorf gefunden, das ihr dabei helfen will.

Dorfbewohnerin Penny | Bildquelle: WDR
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Penny hat 40 Jahre auf der Straße gelebt.

Alan steht im Dorf für Obdachlose | Bildquelle: WDR
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Alan Graham hatte die Idee zu dem einzigartigen Dorf.

Bunte Mini-Holzhäuser und Wohnwagen

"Community First! Village" heißt das bunte Gebilde aus Wohnwagen und sogenannten Micro-Homes, eigens von Architekten entworfenen Mini-Holzhäusern. Rund 180 Obdachlose leben bereits hier an der Stadtgrenze von Austin, und es wird permanent weiter gebaut.

Die Idee zu dem in den USA einzigartigen Modell hatte Alan Graham. Seit 20 Jahren versorgt er mit seiner christlichen Organisation "Mobile Loaves and Fishes" die Obdachlosen von Austin mit Essen. Irgendwann war ihm das nicht mehr genug: Seit zwei Jahren baut er jetzt mit der Hilfe von Großspendern an seinem Dorfprojekt.

Alan glaubt, dass der eigentliche Ursprung von Obdachlosigkeit in dramatischen Familienereignissen liegt: "Häuser allein werden nie Obdachlosigkeit heilen. Das kann nur die Gemeinschaft." Alan lebt mit seiner Frau selbst auf dem Gelände, so wie viele freiwillige Helfer.

Blick auf das Dorf für Obdachlose | Bildquelle: WDR
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Das Obdachlosendorf aus der Luft - ein Mikrokosmos auf elf Hektar.

Gemeinschaftsidee in der Architektur

Alans Gemeinschaftsidee kann sich keiner im Dorf entziehen, sie steckt schon in der Architektur: Die Mini-Häuser haben keine Hintertüren, sondern nur Eingänge und Terrassen nach vorne. Der eigene kleine Rückzugsraum muss verlassen werden, denn Küchen und Sanitäranlagen sind Gemeinschaftseinrichtungen.

Der Mikro-Kosmos hat eine Kirche, einen Dorfladen, eine Krankenstation, Gemüsegärten, Werkstätten und ein Freiluft-Kino. Austins Bürger kommen gerne zu den Gratis-Kino-Vorstellungen, stündliche Busverbindungen binden das Dorf an die Stadt an.

"Ich komme hier zur Ruhe", sagt J.R., der nach seiner Scheidung obdachlos wurde und erst jetzt wieder Kontakt zu seinen Kindern hat. Für den 64-jährigen Arnold ist der größte Luxus der eigene Schlüssel zu seinem Zehn-Quadratmeter-Häuschen. Er konnte hier auf die Ersatzdroge Methadon umstellen.

Arnold - Bewohner des Dorfs für Obdachlose | Bildquelle: WDR
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Arnold (64) konnte im Community First! Village auf Methadon umsteigen.

90 Prozent halten durch

Und doch ist so viel Idylle nicht für jeden Bewohner einfach auszuhalten, denn viele bringen ihre Probleme von der Straße mit: Nicht jeder kann sich an all die Regeln halten, die für das Zusammenleben im Dorf gelten. Immerhin 90 Prozent der Bewohner haben es bislang geschafft und bleiben. Vor allem ältere Obdachlose kommen hier unter.

Die Stadt Austin schlägt besonders bedürftige Menschen vor, die letzte Auswahl trifft aber Alans Organisation. 200 bis 400 Dollar Miete müssen die Bewohner für die Unterkunft zahlen. Allerdings bekommt auch jeder eine Arbeit vermittelt mit etwa 850 Dollar Lohn, mitfinanziert durch Spenden.

Bewohner des Dorfs für Obdachlose | Bildquelle: WDR
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Zur Ruhe kommen: Vor allem ältere Obdachlose leben hier.

Das Dorf

"Ich habe mit mir gekämpft, ob ich bleibe oder nicht. Ist das wirklich mein Zuhause, werden die mich nicht rausschmeißen? Durch solche Gedanken muss man erstmal durch, wenn man so viel rumgeschubst wurde wie ich und dich nie jemand haben wollte", sagt Penny. Für sie ist das Dorf inzwischen die fürsorgliche Familie, die sie nie hatte.

Die 53-Jährige nennt den nur wenige Jahre älteren Alan "Papa". Der will gemeinsam mit den Bewohnern im Dorf alt werden. "Wenn jemand ausziehen und sein eigenes Leben führen will, werden wir mit ihm feiern und ihm alles Gute wünschen", sagt Alan. "Aber eigentlich ist meine Idee, dass wir zusammenbleiben. Das sind meine Freunde, ich vermisse sie, wenn sie gehen."

Dorf-Idylle? - "Community First! Village" gibt Obdachlosen eine Heimat
Morgenmagazin, 01.12.2017, Verena Bünten, ARD Washington

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