Abdelhamid Abaaoud | Bildquelle: AP

Tod von Drahtzieher bestätigt Abdelhamid Abaaoud ist tot

Stand: 19.11.2015 20:06 Uhr

Bei der gestrigen Razzia im Pariser Vorort Saint-Denis wurde auch der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge in Paris getötet. Laut Innenminister Cazeneuve spielte Abdelhamid Abaaoud eine "entscheidende Rolle". Die Nationalversammlung stimmte derweil einer Ausweitung des Ausnahmezustands zu.

Der als Drahtzieher der Terroranschläge von Paris geltende Abdelhamid Abaaoud ist tot. Er sei bei der gestern im Pariser Vorort Saint-Denis durchgeführten Razzia der Polizei getötet worden, teilte die französische Staatsanwaltschaft mit. Wie genau Abaaoud ums Leben kam, blieb noch unklar.

Bei der rund sieben Stunden dauernden Polizeiaktion waren zwei Menschen ums Leben gekommen. Deren Identität war aber zunächst unklar. Erst die Untersuchung der Leichen habe die Identität des 28 Jahre alten Abaaoud bestätigt, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Seine Leiche war in der von den Einsatzkräften gestürmten Wohnung und "von Einschüssen durchsiebt" gewesen, sagte Molins weiter. Ob er durch die Polizisten, durch eigene Leuten oder durch eine Sprengstoffweste ums Leben kam, ist weiter unklar.

Innenminister: Abaaoud spielte "entscheidende Rolle"

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve zufolge spielte Abaaoud "eine entscheidende Rolle" bei den Anschlägen in Paris. Das sagte der Minister nun bei einer Pressekonferenz am Nachmittag. Die Ermittlungen würden nun "die genaue Beteiligung" Abaaouds klären, sagte Cazeneuve. Abaaoud habe außerdem vermutlich bei vier von sechs seit Anfang 2015 in Frankreich vereitelten Anschlägen die Fäden gezogen, sagte der Innenminister. Dabei gehe es vor allem um den geplanten Angriff auf den Thalys-Zug Ende August im belgisch-französischen Grenzgebiet und das geplante Attentat auf zwei Kirchen in Villejuif im Süden von Paris.

Dass sich Abaaoud in Europa aufhielt, sei den französischen Behörden vor dem 13. November nicht bekannt gewesen. "Kein europäisches Land hat uns informiert, dass er hindurchgereist sei, bevor er in Frankreich ankam", sagte Innenminister Cazeneuve. "Erst am 16. November, nach den Anschlägen, hat uns ein Geheimdienst außerhalb Europas signalisiert, dass man wisse, dass er in Griechenland gesehen wurde." Man ging davon aus, dass Abaaoud in Syrien sei.

Auf die Spur kamen die Ermittler Abaaoud erst durch ein Telefongespräch mit Hasna Aitboulahcen. Sie ist offenbar die Cousine von Abaaoud. Aitboulahcen war das zweite Todesopfer beim Zugriff auf die Wohnung in Saint-Denis. Sie hat sich vermutlich mithilfe einer Sprengstoffweste selbst in die Luft gesprengt.

Ellis Fröder, ARD Paris, zur Lage in Frankreich
tagesschau 20:00 Uhr, 19.11.2015

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Späte Bestätigung aus taktischen Gründen?

Mit ihrer Bestätigung des Todes hatte sich die Staatsanwaltschaft zunächst zurückgehalten - sie gab lediglich bekannt, dass Abaaoud nicht zu den acht Verdächtigen gehöre, die während der Razzia festgenommen wurden. Die Gründe für das Abwarten könnten aus Sicht von ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard auch einen ermittlungstaktischen Hintergrund gehabt haben. Eine Quelle im US-Außenministerium habe ihm gesagt, man habe dort gestern konkrete Hinweise auf Abaaouds Tod gehabt. Vielleicht wollten die französischen Ermittler dessen Umfeld mit der aktuellen Unklarheit beunruhigen.

Mindestens zwei Mal in Deutschland gewesen

ARD-Terrorexperte Rainald Becker berichtete, Abaaoud sei mehrfach in Deutschland gewesen. Im Jahr 2007 habe dieser sich im Großraum Köln aufgehalten und 2014 sei er am Flughafen Köln/Bonn kontrolliert worden. Möglicherweise sei Abaaoud auch über Deutschland nach Österreich gereist. Was er bei diesen Aufenthalten in Deutschland machte, sei aber unklar.

Hat sich Abaaoud in Deutschland aufgehalten? - R. Becker, ARD Berlin, mit Informationen
tagesschau 15:00 Uhr, 19.11.2015

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Frankreich fordert bessere Zusammenarbeit - Ausnahmezustand verlängert

Angesichts der Tatsache, dass Abaaouds Aufenthalte in Deutschland, Griechenland und Frankreich zu spät oder gar nicht bekannt waren, fordert Frankreichs Innenminister nun eine stärkere Zusammenarbeit in Europa: "Jeder muss verstehen, dass Europa sich dringend verbessern, organisieren und gegen die terroristische Bedrohung verteidigen muss", sagte Cazeneuve. Bis Ende des Jahres müsse sich die EU auf die umstrittene Auswertung innereuropäischer Fluggastdaten, eine stärkere Kontrolle der EU-Außengrenzen und eine weitergehende Koordinierung im Kampf gegen den Waffenhandel verständigen. Deshalb rufe er "alle betroffenen Minister und Parlamentarier zu kollektiver Einsicht auf".

Derweil billigte die französische Nationalversammlung eine Verlängerung des Ausnahmezustandes über den 26. November hinaus um drei Monate. Die von der Regierung erbetene Maßnahme muss noch vom Senat verabschiedet werden, bevor sie in Kraft treten kann. Eine entsprechende Sitzung wird für Freitag erwartet. Die Vollmachten erlauben es der Polizei unter anderem, Verdächtige leichter festzunehmen und Razzien auszuführen. Außerdem sollen Gruppierungen, die als "schwere Gefährdung der öffentlichen Ordnung" eingestuft werden, während des Ausnahmezustands aufgelöst werden können.

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