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22.03.2010

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60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz
Gedenkstätte Auschwitz in Finanznot
Gedenkstätte Auschwitz in Finanznot

Die Erinnerungen an das Grauen nicht verfallen lassen

Heute, am Holocaust-Gedenktag, erinnern viele Veranstaltungen an die Opfer des Nationalsozialismus. Vor 64 Jahren, am 27. Januar 1945, hatten Truppen der Roten Armee Auschwitz befreit, das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager. Auschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust und die Ermordung von Millionen Menschen, vor allem Juden, durch die Nazis.

Von Jan Friese für tagesschau.de

Heute ist Auschwitz-Birkenau ein Mahnmal - ein Ort, an dem die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten wird. Orte wie Auschwitz wollen begreifbar machen, wie sich Hundertausende am Massenmord beteiligen oder wegsehen konnten.

Zitat:

"Andere sagten: Ihr kommt hier nicht mehr lebendig heraus. Heraus kommt man durch die Schornsteine dort."
Quelle: Annetje Fels-Kupferschmidt (1914-2001), Überlebende von Auschwitz-Birkenau

Jedes Jahr besuchen über eine Million Menschen aus aller Welt Auschwitz. Es sind vor allem junge Menschen. Viele von ihnen versuchen, an diesem Ort die Grausamkeit der Täter zu begreifen, die sie sonst nur aus Geschichtsbüchern kennen. Doch der Erhalt einer Gedenkstätte kostet viel Geld - daran fehlt es in Auschwitz an allen Ecken.

Kampf dem Vergessen - Kampf dem Verfall

Schuhe im Auschwitz-Museum (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gesammelte Schuhe der Opfer im Auschwitz-Museum ]
Auf dem riesigen Areal des ehemaligen Lagers (200 Hektar) befinden sich laut der Gedenkstätten-Verwaltung bis zu 155 Objekte und 300 Ruinen. Die Nazis hatten die meisten dieser Gebäude aber nicht dafür geplant, die Zeit zu überdauern - die Backsteinbauten und Holzbaracken waren nur als Provisorien gedacht, als kurzzeitige Unterbringungsmöglichkeiten für die Gefangenen bis zur ihrer Ermordung. Deswegen verfallen seit Jahrzehnten die Bauten. Nässe und Kälte sprengen Bodenplatten, Risse ziehen sich durch die Wände und der Schimmel greift Stützpfeiler und Decken an.

Mit jedem zusammengestürzten Gebäude und mit jeder verschwundenen Ruine schwinde nach und nach beim Besucher auch das Gefühl für die ganzen Ausmaße des Konzentrations- und Vernichtungslagers, meint Rafal Pioro, Konservator der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: "Um die Geschichte dieses Lagers zu verstehen, reicht es nicht, nur eine Baracke zu erhalten. Es ging gerade um den industriellen Massenmord, deswegen ist die Erhaltung von vielen Baracken wichtig. Wir ergänzen nicht. Wir erhalten das Original, das Authentische. Denn nur so können wir vermitteln, wie es damals wirklich war." Doch zu vermitteln, wie es wirklich war, kostet viel Geld. Ohne zusätzliche Finanzierung kann nur ein kleiner Teil der Gebäude erhalten werden.

"Wir bräuchten 60 Millionen Euro"

Jährlich stehen der Gedenkstätte knapp 6,3 Millionen Euro zu Verfügung. Die setzen sich seit mehr als sechzig Jahren zur Hälfte aus polnischen Steuergeldern zusammen und zur anderen Hälfte aus Museumserlösen, durch Führungen und Bücherverkäufe. Deutschland hatte Anfang der 90er Jahre 30 Millionen Mark (ca. 15 Millionen Euro) für den Erhalt beigesteuert.

Gefangene im Konzentrationslager Auschwitz (Foto: Lapresse Girella) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gefangene in einer der Baracken ]
Doch für die umfangreichen Konservierungsmaßnahmen, Sicherungen der Ruinen und Erhalt der Ausstellungen genüge dieses Geld nicht, sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees: "Wir bräuchten derzeit circa 60 Millionen Euro für eine langfristige Sicherung des Geländes und der Gebäude." Die wirklichen Kosten sind dabei aber nur schwer abzuschätzen, denn viele Fragen bleiben bislang offen. "Es ist überhaupt nicht klar, wie sichert man das Krematorium auf lange Sicht und wie die ganzen Schornsteine aus Backstein. Denn die sind von den unzähligen Holzbaracken erhalten geblieben und stehen auf dem Gelände wie Ausrufezeichen der Geschichte," sagt Heubner.

Wie sich diese Ausrufezeichen bestmöglich erhalten lassen, untersuchen derzeit Historiker und Konservatoren. Deutschland will sich in jedem Fall an den künftigen Sanierungsmaßnahmen beteiligen: "Es ist wohl selbstverständlich, dass wir diesem Ort des Gedenkens eine sehr große Bedeutung beimessen und dass sich die Bundesregierung hier auch in der Pflicht sieht, die polnischen Partner zu unterstützen," erklärt Jens Plötner, Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Hintergrund:

Auschwitz (Foto: PAP)
Weitere Meldungen Das präzedenzlose Verbrechen Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Allerdings begann der Holocaust weder in dem Lager - noch endete er dort. [mehr]

Konservieren statt Restaurieren und Rekonstruieren

Warum eine langfristige Sicherung so wichtig und zugleich so schwierig ist, erläuterte der Historiker und Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge im Deutschlandradio Kultur: "Jeder Renovierungs-, jeder Restaurierungs-Prozess vernichtet historische Spuren und die historischen Spuren sind das wirklich Eindrückliche. Wir brauchen kein Disney-Land." Der Erhalt der Gedenkstätten sei überall in Europa schwierig, verantwortlich dafür seien vor allem schlechte Bausubstanzen und marode Materialien. Knigge ist der Meinung, die Gebäude und Ruinen sollten nach Möglichkeit konserviert werden: "In keinem Fall Rekonstruktion, die dann doch nur nach Neubau und Baumarkt aussieht. Das wünschen wir uns nirgendwo."

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Gleise für die "Sonderzüge" in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. ]
Um die notwendigen Gelder für die Sicherung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau auf Dauer zu sichern, wurde in Polen eine Stiftung gegründet. Das Ziel: Einen 120-Millionen-Euro-Fonds zu schaffen. Mit dessen Zinsen von jährlich drei bis fünf Millionen Euro sollen die Projekte zum Erhalt der historischen Gebäude und Archive finanziert werden.

Historische Belege

Gedenkstätten wie Auschwitz-Birkenau können kaum durch Denkmäler, Parks oder Kunstwerke ersetzt werden. Denn historische Gedenkstätten sind authentische Belege der Geschichte und zugleich Orte des Erinnerns wie auch des Begreifens. Selbst Menschen, die seit Jahren mit diesen Orten vertraut sind, so wie Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, erleben hier immer wieder, wie groß das Leiden war, das hier Menschen anderen Menschen zugefügt haben.

"Bei der Sicherung der Gaskammer und des Krematoriums wurden kürzlich ein Fingerhut und eine kleine Porzellan-Katze entdeckt. Die hat vermutlich ein Kind bis zum Ende umklammert gehalten. Da wird einem dann begreiflich, dass hier Menschen waren."

Stand: 27.01.2009 01:36 Uhr
 

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