Auschwitz-Museum in sozialen Medien Anwalt der Opfer im Netz

Stand: 27.01.2018 02:55 Uhr

Das Museum Auschwitz-Birkenau nutzt soziale Medien offensiv, um die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Aber auch gegen die Instrumentalisierung des Holocaust und die Verbreitung von Lügen.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau ist online sehr aktiv: Es gibt Materialien fürs Lernen am Computer heraus, es ist präsent auf diversen Social-Media-Plattformen, und zwar in mehreren Sprachen. Und es ermöglicht auch jenen einen virtuellen Besuch, die nicht in die echte Gedenkstätte kommen können.

"Als wir das virtuelle Panorama schufen", erinnert sich Museums-Mitarbeiter Pawel Sawicki, "stellten wir fest, dass sich sehr viele Menschen aus Argentinien, Südamerika einloggten. Interesse gibt es eigentlich weltweit."

Der schmiedeeiserne Schriftzug "Arbeit macht frei" am Tor des früheren Stammlagers des Konzentrationslagers "Auschwitz-Birkenau" in Auschwitz, Polen.
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Der schmiedeeiserne Schriftzug "Arbeit macht frei" am Tor des früheren Stammlagers des Konzentrationslagers "Auschwitz-Birkenau" in Auschwitz, Polen.

Vor Ort bewusst nur wenig Multimedia

Auch die Ausstellung im früheren NS-Vernichtungslager selbst, die noch von 1955 stammt und im Grunde ein Museum im Museum ist, steht vor einer grundlegenden Neuerung. Hier aber sollen die Mittel moderner Medientechnik nur sparsam eingesetzt werden. Denn, weiß Sawicki, "die Aussagekraft dieser Institution liegt in ihrer Authentizität."

Die Mitarbeiter des Museums erleben es täglich: Menschen aus aller Welt kommen nach Auschwitz, um an den Orten stehen zu bleiben, die sie aus Büchern oder von Erzählungen kennen. Sie sehen die Ruinen der Krematorien, gehen in die Baracken, durch das Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei", sie sehen Tausende erhaltene Objekte.

"Manchmal werden wir gefragt, ob wir nicht Telefonführer oder Tablets anbieten wollen", berichtet Sawicki. "Aber dann würden sich die Menschen auf das Gerät konzentrieren, statt die Gebäude zu beachten oder den Raum zu empfinden. Dann würden wir etwas verlieren." Barcodes also, über die man per Handy Zeitzeugenberichte abhören kann: Ja. Ein Feuerwerk interaktiver und blinkender Bildschirme: Nein.

Kampf gegen Missbrauch und Verleumdung

Doch so zurückhaltend das Museum am historischen Ort ist, so markant tritt es draußen auf, in den Tiefen des weltweiten Webs. Denn der millionenfache Massenmord, für den Auschwitz zur Chiffre geworden ist, ist immer wieder Thema dort, und nicht immer geht es um die Erinnerung.

Als ein rechter polnischer Fernsehsender den historischen Torbogen des früheren Konzentrationslagers per Photoshop in "Reparationen machen frei" umformte, um für eine Sendung zu werben, protestierte das Museum.

Wladyslaw Bartoszewski spricht am 19. April 2015 auf einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Aufstandes im Warschauer Ghetto von 1943. | Bildquelle: REUTERS
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Der Auschwitz-Überlebende Bartoszewski wurde im Netz verleumdet - das Museum griff ein.

Und als ein Moderator des staatlichen Senders TVP auf Twitter das Ansehen des mittlerweile verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Wladislaw Bartoszewski mit Verschwörungstheorien um sein Überleben schmähte, ging das Museum Auschwitz-Birkenau mit der ganzen Autorität seines Namens per Tweet dazwischen.

Ein anderes Beispiel: Vor einiger Zeit wurde das Museum darauf hingewiesen, dass in einem Internetladen eine Maske mit Brandwunde unter dem Namen "Holocaustwunde" verkauft wurde. Das Museum bat den Besitzer des Geschäfts daraufhin, sich das noch einmal zu überlegen. Der entschuldigte sich daraufhin. "Aber wir hätten davon nie erfahren, wenn sich nicht jemand über Social Media gemeldet hätte. Das ist die Kraft sozialer Medien, dass sich Menschen an uns wenden, und die Kraft unserer Autorität helfen kann, bestimmte Dinge zu klären", sagt Sawicki.

Interesse unverändert hoch

Oft postet und twittert das Museum auch Kalenderblätter jenseits der großen Jahrestage. Alltägliche Grausamkeiten, die unter normalen Umständen Schlagzeilen machen würden - aber im gewohnheitsmäßigen Morden jener Zeit quasi untergehen. Ein Retweet des Museums, ein Foto, das lachendes und feierndes KZ-Personal zeigte, erreichte nach Angaben des Museum über drei Millionen "Impressions", erschien also auf Millionen Bildschirmen.

Aber auch die Zahl derer, die sich die tatsächliche Gedenkstätte anschauen, bleibt konstant hoch. Letztes Jahr besichtigten abermals mehr als zwei Millionen Menschen das von den deutschen Besatzern unweit von Krakau erbaute Todes- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Online-Präsenz des Museums Auschwitz-Birkenau
Jan Pallokat, ARD Warschau
26.01.2018 15:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 27. Januar 2018 um 00:20 Uhr.

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