Atomkraftwerk in Tihange | Bildquelle: dpa

"Schlamperei" in belgischem AKW Alle Mitarbeiter müssen zur Nachschulung

Stand: 08.08.2015 16:53 Uhr

Im belgischen AKW Tihange haben Mitarbeiter mehrfach Sicherheitsregeln ignoriert. Der Vorwurf der Aufsichtsbehörde: "Schlamperei". Sie zog vier Angestellte aus dem Verkehr - und verordnete der ganzen Belegschaft eine Nachschulung.

Von Malte Pieper, MDR-Hörfunkstudio Brüssel

Man ist hier in Belgien bemüht, das Ganze möglichst nicht zu hoch zu hängen. Zwar schaltete die Atomaufsichtsbehörde erstmals in der Geschichte des Landes die Staatsanwaltschaft ein, zugleich bezeichnete man das, was im Kernkraftwerk Tihange passiert war, lediglich als "Schlampereien".

Wie das aus ihrer Sicht zusammenpasst, erklärt Sprecherin Nele Scheerlinck im flämischen Fernsehen wie folgt: "An sich sind das sicherlich keine schweren Fehler. Keiner der Vorfälle hätte zu einem Kernunfall führen können. Aber es ist die Aneinanderreihung menschlicher Fehler, die uns dazu veranlasst hat zu sagen: Halt, Jungs, das müsst ihr mal anpacken!"

Konkret geht es offenbar um die Einhaltung gewisser Sicherheitsvorschriften. Allein in den vergangenen sechs Wochen habe es sechs Verstöße gegeben, die zum Teil von Electrabel, dem Betreiber des Atomkraftwerks, selbst gemeldet wurden.

Die Arbeit offenbar nicht ernst genommen

Aber auch die Aufsichtsbehörde stellte bei Überprüfungen immer eine gewisse "Nonchalance" in Tihange fest, wie sie es selbst nennt. Oder anders ausgedrückt: Nicht jeder AKW-Mitarbeiter nimmt seine Arbeit offenbar so ernst, wie sich das viele wünschen.

So wurde beispielsweise eine Pumpe, die eigentlich nur vier Stunden außer Betrieb sein darf, erst viel später wieder eingeschaltet, heißt es. Der Sprecher des Kernkraftwerks von Tihange, Serge Dauby, räumt die Vorwürfe ein: "Klar, ist das schlimm. Aber in meinen Augen wollte die Atomaufsicht vor allem ein deutliches Zeichen wegen der Wiederholung der Vorfälle setzen. Wir verstehen das." Sein Unternehmen werde bei den umzusetzenden Maßnahmen eng mit den Behörden zusammenarbeiten, ergänzte er.

Vier Mitarbeiter dürfen nun bis auf weiteres ihre Arbeit im Kontrollraum des Atomkraftwerks nicht mehr ausüben. Sie müssen wie alle ihre anderen rund 1000 Kollegen zur Nachschulung. Thema: Sicherheit beim Umgang mit Kernenergie.

Etliche Pannen in der Vergangenheit

Dass die Atomaufsicht nun für belgische Verhältnisse hart durchgreift und sogar die Abschaltung von Tihange androht, wenn sich am Engagement der Mitarbeiter nichts ändert, dürfte auch mit unzähligen Pannen in der Vergangenheit zu tun haben. 2010 beispielsweise lief säurehaltiges Wasser aus dem AKW in den nahen Fluss Maas.

2012 wurden erstmals kleinste Risse im Mantel eines Reaktorblockes festgestellt, die inzwischen sogar noch größer geworden sein sollen. Und im rund 150 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Doel an der niederländischen Grenze musste vergangenes Jahr ein Block sogar komplett abgeschaltet werden: offenbar wegen Sabotage.

"Technologie, die nicht zu 100 Prozent funktioniert"

Für Eloi Glorieux von Greenpeace zeigt auch der jüngste Vorfall: "Das ist eine derartige Technologie, die man einzig und allein anwenden kann, wenn alles hundertprozentig funktioniert. Genau das ist hier eindeutig nicht der Fall." Da die Atomkraft nach 40 Jahren immer noch nicht sicher sei, müsse man darüber nachdenken, die Kraftwerke abzuschalten.

Doch davon kann im Moment keine Rede sein. Belgiens neue Mitte-Rechts-Regierung kassierte vielmehr den vor Jahren vollmundig ausgerufenen Atomausstieg de facto wieder ein. Der Grund: Das Land ist momentan noch zu rund 50 Prozent von der Kernkraft abhängig. Und so entschieden die Minister in Brüssel, dass Meiler, die eigentlich längst abgeschaltet werden sollten, zehn Jahre länger laufen dürfen. Gegen massiven Protest auch aus Nordrhein-Westfalen.

Zwischenfälle in belgischem AKW Tihange
Malte Pieper, ARD Berlin
08.08.2015 16:05 Uhr

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