Asli Erdogan | Bildquelle: AFP

Prozess gegen Asli Erdogan Vorwurf: Terrorpropaganda

Stand: 14.03.2017 11:34 Uhr

Wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda saß Asli Erdogan bereits in U-Haft, nun wird der Prozess gegen die türkische Schriftstellerin fortgesetzt. Der Staatsanwalt fordert lebenslänglich. Sie bestreitet die Vorwürfe, erwartet aber kein schnelles Urteil.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Gut vier Monate saß die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan in Untersuchungshaft. Der Vorwurf wie so häufig in der Türkei dieser Tage: Terrorpropaganda. Die 49-Jährige soll nicht nur Kolumnen für die kurdische Zeitung Özgür Gündem geschrieben haben, sondern auch Mitglied der Terrororganisation PKK gewesen sein.

Viermonatige Untersuchungshaft

Asli Erdogan hatte die Vorwürfe als absurd zurückgewiesen. Erstmals seit ihrer Freilassung kurz vor Silvester steht sie heute vor Gericht. Zuständig für den Fall ist das 23. Schwerstrafengericht im Justizpalast von Istanbul. Das riesige, kreisrunde Gerichtsgebäude ist allein durch seine wuchtige Erscheinung furchteinflößend. Ebenso wie für Asli Erdogan die Vorstellung, eventuell wieder ins Gefängnis zu müssen. Der Gedanke an die gut viermonatige Untersuchungshaft löst bei der Autorin auch heute noch Beklemmungen aus.

"Im Gefängnis blickt man, wenn man aus dem Fenster schaut, auf die Wand und die vergitterten Fenster des gegenüberliegenden Trakts. Dazwischen ein kleiner Innenhof. Schaut man nach oben sieht man durch das Drahtdach des Innenhofs circa 50 Quadratmeter Himmel. Im Herbst kann man die Vögelschwaerme beobachten. Manchmal haben wir auch den Vollmond gesehen. Und einmal sah ich einen Regenbogen. Ansonsten ist alles nur Beton und Eisen", sagt sie.

Erdogan wirkt gefasst, aber auch müde und erschöpft. Die kalten Nächte im Istanbuler Frauengefängnis haben an ihrem Körper gezehrt. Zu kurz für eine richtige Erholung sei die Zeit zwischen Untersuchungshaft und dem heutigen Prozesstag gewesen, sagt ihr Anwalt Erdal Dogan. "Die Anklage an sich und das, was sie in der Haft erlebt hat, haben sie natürlich psychisch belastet. Das wirkt weiterhin. Es ist schon ein großes Trauma, angeklagt und monatelang seiner Freiheit beraubt zu sein. Dazu kommt das Ausreiseverbot und die Tatsache, dass sie sich noch immer nicht im Stande fühlt, ihre literarische Arbeit wieder aufzunehmen", sagt Dogan.

Lebenslange Haft gefordert

Der Staatsanwalt hat lebenslange Haft für Erdogan gefordert. Die Vorwürfe lauten: Terrorpropaganda, Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, versuchter Umsturz der staatlichen Ordnung. Anwalt Dogan hält das für konstruiert: "Ein Blick in die Unterlagen zeigt, dass keine Grundlage für die Anklage der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation oder Terrorpropaganda vorliegt. Es ist offensichtlich, dass Erdogan aufgrund ihrer Artikel auf der Anklagebank eines solchen Prozesses sitzt."

Fortsetzung im Prozess gegen Autorin Asli Erdogan
C. Buttkereit, ARD Istanbul
14.03.2017 10:58 Uhr

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Doch auch das könnte in der heutigen Türkei schon für einen Haftstrafe reichen, fürchtet die angeklagte Autorin. "Es kann durchaus zu einer Verurteilung kommen - vielleicht keine allzu große Haftstrafe. Ich kenne das System mittlerweile - mehr oder weniger kenne ich es. Aber so schnell wird das nicht sein. Der Prozess wird wahrscheinlich noch mindestens ein Jahr oder so dauern."

Für die Haftentlassung der chronisch kranken Autorin hatte sich unter anderem der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eingesetzt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. März 2017 um 10:08 Uhr

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