Streetart-Menschen auf Wand

Kunst in Kabul Artlords statt Warlords

Stand: 04.03.2017 03:44 Uhr

Sprengschutzmauern, Panzer und immer wieder Anschläge: In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist die Gewalt allgegenwärtig. Die Künstlergruppe "Artlords" kämpft mit bunten Bildern und subtilen Botschaften gegen die Tristesse - und begibt sich damit immer wieder selbst in Gefahr

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu Dehli

Omaid Sharifi steht in einem Hinterhof. Über seinen Kopf donnert ein Militärhubschrauber hinweg, das ist der Sound Kabuls. Auf einer rot-bunt bemalten Begrenzungsmauer scheint ein schlicht weiß gemalter Tänzer zu schweben. Es ist Rumi, Afghanistans Nationaldichter. "Mit diesem Bild wollten wir Rumi jungen Afghanen wieder näher bringen", erzählt Omaid. "Viele junge Leute kennen ihn nicht, also bringen wir ihn zurück auf Kabuls Straßen."

Omaid würde gerne noch andere Orte zeigen, an denen er gemalt hat. Zum Beispiel die Außenmauer der Geheimdienstzentrale oder die Sprengschutzmauern am Botschaftsviertel. Leider geht es nicht. Es ist zu gefährlich. Der Präsidentenpalast, der Geheimdienst oder das Polizeihauptquartier seien extrem sensible Gegenden. "Wenn da etwas passiert, haben wir keinerlei Schutz. Wenn wir trotzdem mit unseren Pinseln, Leitern und Farbeimern dort sind, dauert es nicht lange, bis schwer bewaffnete Wachen kommen und uns ausfragen. Das sind Hochsicherheitszonen", so Omaid.

Artlords: Künstler vor Wandmalerei
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Der afghanische Künstler Omaid vor seinem Porträt des afghanischen Nationaldichters Rumi.

Kabul - ein Gefängnis

Dem Geheimdienst hat Omaid zwei große Augen auf die Mauer gemalt: "Wir sehen alles!" - sagen die Augen. Angesichts der vielen Extremisten, die trotzdem in Kabul Anschläge verüben, ist das eher ironisch. Die beiden Augen sind das berühmteste Gemälde der "Artlords", einer Künstlergruppe, die Omaid mitbegründet hat.

"Wir wollen das schöne englische Wort 'Lord' wieder positiv besetzen", begründet Omaid den Namen der Gruppe. "Wir haben Warlords, wir haben Druglords. Wir wollen dagegen konstruktive Lords sein." Die Idee dahinter ist einfach: Omaid ist in Kabul aufgewachsen und hat immer hier gelebt - und er konnte immer überall hin. "Aber plötzlich kamen diese hässlichen Sprengmauern. Kabul wirkt wie ein Gefängnis. Die Straßen sind blockiert und alles ist grau. Also haben wir uns gesagt: Lasst uns diese Mauern einreißen. Und der einzige Weg, das zu tun, ist, sie zu bemalen."

Ein zäher Kampf für die Kunst

In Kabul braucht man dafür einen sehr langen Atem. 2014 startete die Gruppe - mit Hindernissen. Man brauche Genehmigungen und müsse ständig Leute anrufen, Papierkram erledigen, sagt Omaid. Doch selbst das sei es schwierig: "Als ich am Präsidentenpalast gemalt habe, forderte mich ein Soldat auf, zu gehen. Ich sagte: Aber ich habe die Erlaubnis des Präsidenten. Doch er antwortete: Wenn Du nicht gehst, dann erschieße ich Dich. Ich entgegnete nur: Dann mach‘ es. Und siehe da: Ich bin immer noch hier."

Feinde hat Omaid viele, denn seine Bilder haben Botschaften. Da ist die Polizistin, eine Frau in Uniform. Für Omaid ist sie eine Heldin - für Hardliner das Gegenteil. Einige Inschriften wenden sich gegen Korruption und treffen Politiker. Der Geheimdienst fand die beiden Augen auf seiner Außenmauer nicht lustig und ließ sie entfernen, aber Omaid drohte, daraus einen Skandal zu machen, und malte sie aufs Neue.

Streetart- Fussballspieler
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"Das Fußballteam oder die Kricketspieler machen uns glücklich". Deswegen sind sie Omaids Helden.

"Ich habe ständig Angst"

"Jeder kann mich stoppen. Deswegen habe ich ständig Angst. Meine Familie hat Angst, meine Frau hat Angst", so Omaid. Wenn er aus dem Haus gehe, wisse er nicht, ob er abends wieder zurück komme. Es gibt Anschläge, Entführungen, gezielte Morde. "Aber wir wollen trotzdem ein Lächeln schenken, Hoffnung, ein Zeichen gegen diese dunklen Mächte setzen. Wir machen ganz bewusst weiter. Denn wir sehen uns als eine Art Widerstand."

Ein wiederkehrendes Motiv sind rote Herzen. Als Kontrast zu Handgranaten, Gewehren, Bomben. Und es geht um Helden. Neben der Polizistin aus Kabul sind das zum Beispiel Sportler. "Bisher hat man den Afghanen die Helden aufgezwungen. Menschen, die Kalaschnikows tragen oder ein Schwert. Uns wurde gesagt: Hier, das ist Euer Held. Zeigt ihm Respekt! Aber meine Helden, das ist das Fußballteam oder die Kricketspieler - die machen uns glücklich", sagt Omaid. "Wir wollen den Leuten zeigen, dass sie sich ihre Helden selbst wählen können."

Streetart-Dromedar mit Herzen
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Rote Herzen - ein immer wiederkehrendes Motiv.

Kunst soll nicht mehr elitär sein

Manchmal malen die Bürgerinnen und Bürger Kabuls einfach mit. Omaid und die anderen Künstler führen dann Regie und weisen ihnen kleine Flächen des Gemäldes zu. Kunst war in Afghanistan bisher nur etwas für eine kleine, reiche Elite. Das will er ändern: "Am Anfang fanden die Leute es merkwürdig. Sie sprachen mich auf Englisch an, weil sie dachten, wir seien Ausländer. Als ich in ihrer Sprache antwortete und ihnen sagte, dass ich ein Kind dieser Stadt bin, waren sie überrascht. Und dann begannen sie, mitzumachen. Straßenkinder, Minister, Botschafter, alle."

Omaid ist derzeit vielleicht Afghanistans bekanntester Künstler. Jeden Tag wechselt er seine Routinen, seine Wege nach Hause und ins Atelier, um möglichen Feinden zu entkommen. Dieser Alltag, in den Omaid etwas Farbe bringen will, macht selbst ihn manchmal ein wenig müde. "Wir Afghanen sind zähe Leute. Doch ich habe manchmal wirklich schlechte Tage. Nichts ist einfach hier. Aber wir lassen nicht locker. Wenn immer jemand uns die Genehmigung verweigern will, machen wir trotzdem weiter." So lange, bis dieser jemand mit ihnen zusammen arbeitet.

Die Artlords von Kabul
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
04.03.2017 01:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. März 2017 um 05:49 und 08:39 Uhr.

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