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28.05.2012

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Ausland
Jugendliche in Ägypten
Ein Jahr Arabischer Frühling: Ernüchterung bei der Jugend
Perspektiven nach dem Arabischen Frühling

"Unsere Revolution beginnt erst jetzt"

Vor einem Jahr trat Ägyptens Präsident Mubarak zurück - auf massiven Druck hunderttausender Demonstranten. Auch anderswo wurden langjährige Herrscher aus dem Amt gejagt - in Tunesien, im Jemen, in Libyen. Eine ganze Region ist im Umbruch. Wie sehen junge Araber ihre Welt heute?

Von Simon Kremer für tagesschau.de

Über Jahrzehnte hatte sich der Zorn angestaut, doch er schwelte gut versteckt unter der Oberfläche: Noch im Winter 2010 machten sich die wenigsten jungen Menschen - ob in Mauretanien, Ägypten, Tunesien oder Syrien - Hoffnung auf eine bessere, demokratischere Zukunft: "In zehn Jahren wird Ägypten genauso sein wie heute auch. Dieses Land ist gefangen in seinen Traditionen", brachte der junge Ägypter Tarek damals das Lebensgefühl seiner Generation auf den Punkt.

Link:

Arabischer Frühling Link 2010: Hoffnungsträger ohne Hoffnung Nur ein Jahr vor dem Arabischen Frühling waren die Generation "unter 30" überzeugt: Nichts wird sich jemals ändern.

"Wir haben die Ketten gesprengt"

Nur ein Jahr später stürzten die Diktatoren. 18 Tage lang demonstrierte das Volk auf dem Tahrir-Platz gegen "Pharao" Hosni Mubarak und brachte ihn schließlich zu Fall. Heute, noch einmal ein Jahr später, ist die Anfangs-Euphorie der jungen Revolutionäre allerdings verflogen. Nicht nur auf dem Tahrir-Platz in Kairo, sondern auch in Libyen, Syrien und weiteren arabischen Ländern.

Link:

Arabischer Frühling Link 2012: One Year After Wie junge Menschen die Situation ein Jahr nach dem arabischen Frühling einschätzen.

Was hat sich 2012 verändert? Die Antworten auf diese Frage spiegeln die Zerrissenheit der jungen Revolutionäre wider. Da ist zum Beispiel Samia Fekih Ahmad, 29 Jahre alt, aus Tunesien. Sie sagt: "Ich fühle mich jetzt das erste Mal frei. Ich fühle mich zum ersten Mal stolz, Tunesierin zu sein."

Selbst Muhammad*, 35, der in Damaskus lebt, wo das Regime von Präsident Baschar al Assad die Proteste brutal niederschlagen lässt, hat Hoffnung - obwohl er nach einer Demonstration verhaftet und gefoltert worden war: "Wir waren gefesselt - und haben die Ketten gesprengt." Und: "Ich habe den Glauben an mein Volk wieder gefunden."

  • "Wir haben die Ketten gesprengt" - Muhammad, 35, Syrien.
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Ernüchterung bei den Revolutionären

Doch in die Euphorie mischt sich auch Ernüchterung: "Wir haben die Zeit nicht wirklich genossen", sagt die 30-jährige Maha Ouelhezi aus Tunesien ein Jahr nach dem Sturz von Präsident Zine al Abidine Ben Ali. "Es gab weiterhin Korruption, dazu Gangs."

  • "Wir haben die Zeit nicht unbedingt genossen" - Maha, 30, Tunesien
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Die Lage scheint heute weit weniger sicher zu sein, als sie es unter Tunesiens Machthaber Ben Ali oder Ägyptens Präsident Mubarak war. Es scheint sich jetzt zu bewahrheiten, was die arabischen Potentaten - wenn auch nur zum Machterhalt - immer wieder gepredigt hatten: Entweder wir oder die Islamisten. Zudem stieg die Kriminalität im gleichen Maße, wie sich die Wirtschaftslage verschlechterte.

Die Tahrir-Stimmung verblasst

Jüngst trat in Kairo das neue, frei gewählte Parlament zusammen. Auch die junge Revolutionärin Dalia Ziada wollte dabei sein, die Ideen des Tahrir-Platzes unter die Abgeordneten tragen. Ihre Partei "Hizb al Adl", die "Partei der Gerechtigkeit", ist das, was man als die ägyptische Piraten-Partei bezeichnen könnte: "Wir sind modern anstatt links oder rechts, uns können die Leute vertrauen", sagt Ziada. Sie bloggt, sie twittert, verbreitet die Botschaft der jungen Revolutionäre im ganzen Land. Allerdings mit mäßigem Erfolg, denn in Ägypten liegt die Analphabetenrate bei knapp 40 Prozent. Ihre Partei bekam dann auch nur 0,4 Prozent der Stimmen und zwei Sitze im Parlament - von insgesamt 498.

  • "Die Menschen engagieren sich jetzt mehr" - Mahmud, 21, Ägypten
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Der Tahrir-Platz, der während der Proteste eine solidarische und eigenständige Republik zu sein schien, mit Frisören, Ärzten und Köchen, geht mittlerweile wieder im Trubel der Millionenmetropole Kairo unter. Die Menschen dort warten auf Reformen, auch unter einer religiös geprägten Regierung: "Wenn im Parlament Rechte, Linke, Liberale und Islamisten vertreten sind, dann ist das gut. Dann gibt es eine echte Diskussion", meint etwa der Ägypter Yasser Khalil.

Abgeklärtheit in den reichen Golfstaaten

Die Proteste in Tunesien, vor allem in Ägypten, mögen eine Initialzündung für die gesamte Region gewesen sein - aber der Frühling treibt sehr unterschiedliche Blüten. In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa verfolgt die Jugend die Proteste in den Nachbarstaaten zwar intensiv, bleibt aber aktionslos: "Immer, wenn in der arabischen Welt etwas passiert, haben alle so ein Gefühl von Einheit und Beistand", sagt Maitha al Mehairbi. Aber angesichts des Wohlstandes in den Emiraten würden die Menschen dort letztlich doch nicht von den Protesten inspiriert.

  • "Ich hätte nie im Leben gedacht, dass Mubarak zurücktritt" - Maitha, 23, Vereinigte Arabische Emirate
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Ähnlich abgeklärt zeigt sich der 30-jährige Ayman aus Saudi-Arabien: Hier hielten sich die Veränderungen in Grenzen, sagt er. Frauen dürften nun in Behörden arbeiten und könnten in den Schura-Rat, das saudi-arabische Oberhaus gewählt werden. Das sei aber auch schon alles.

In der Tat ist das saudische Königshaus sehr bedacht darauf, dass die Revolution nicht ins eigene Land überschwappt. Als im Frühjahr 2011 auch im Nachbarstaat Bahrain die Menschen auf die Straße gingen, beendeten Panzer aus Saudi-Arabien die Proteste. Die Opposition agiert derzeit nur digital. Einige Schiiten aus dem Osten des Landes und ein paar Frauenbewegungen haben sich per Facebook vernetzt - und werden noch geduldet.

  • "Unsere Revolution beginnt erst" - Hamdi, 25, Jemen
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Die arabische Welt ist tief gespalten. Während am einen Ort täglich für einen Systemwechsel gekämpft wird, etwa in Syrien, geben sich die Menschen in anderen Ländern mit Reformen zufrieden und warten erst einmal ab. Und ganz neu müssen sich die Länder strukturieren, in denen die Herrscher gestürzt wurden. Hier kommt es vor allem darauf an, wie schnell die neuen Regierungen für Stabilität sorgen können, denn viele derjenigen, die für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen sind, sind mittlerweile enttäuscht. "Demokratie allein reicht den Menschen nicht. Sie wollen auch Wohlstand", fasst es der libysche Botschafter in Deutschland, Ali Masednah al Kothany, zusammen. Oder, wie es ein junger Jemenit ausdrückt: "Eine Revolution endet nicht mit dem Sturz des Diktators. Unsere Revolution beginnt erst jetzt!"

*Name von der Redaktion geändert

Stand: 11.02.2012 11:46 Uhr
 

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