Kerzen umrahmen ein Bild des tunesischen Obstverkäufers Mohamed Bouazizi | Bildquelle: REUTERS

Sieben Jahre Arabischer Frühling Die historische Chance - vertan?

Stand: 17.12.2017 11:51 Uhr

Heute vor sieben Jahren begann in der arabischen Welt eine historische Revolution. Freiheit, Arbeit, Mitbestimmung - darum ging es vielen Menschen während des sogenannten Arabischen Frühlings. Was ist davon geblieben?

Von Constantin Schreiber, zzt. ARD-Studio Kairo

Syrien

Syrien ist heute ein Land am Abgrund. Dank der Unterstützung aus Russland sitzt Machthaber Baschar al-Assad inzwischen wieder fest im Sattel. Seine Armee kann immer neue Siege vermelden, während Rebellen und Islamisten derzeit auf dem Rückzug sind.

Schätzungsweise eine halbe Million Tote soll der Bürgerkrieg bisher gefordert haben. Infrastruktur und Städte sind zu weiten Teilen zerbombt und dem Erdboden gleichgemacht, es ist eine der größten humanitären und zivilisatorischen Katastrophen unserer Zeit - mit Folgen, die nachhallen werden: Was nutzen Organisationen wie UN, wenn vor den Augen der Welt, live zu verfolgen im Internet und im Fernsehen, ein solches Kriegsgrauen geschehen kann?. Das fragen sich viele Menschen in der arabischen Welt, aber nicht nur dort.

Mann mit Kind in Aleppo | Bildquelle: dpa
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Traurige Bilanz: Viele Städte in Syrien sind zerstört, zigtausend Menschen wurden getötet - und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Gerade die Katastrophe in Syrien ist inzwischen ein Trauma für die gesamte Region. Denn Syrien galt als Kulturnation, eine Wiege der Menschheit, es war in der arabischen Wahrnehmung "muthaqqafa" - "kultiviert". Für viele war es daher zuvor unvorstellbar, dass diese Kulturnation in einem solch blutigen Krieg gefangen sein würde.

Zu den Anhängern Assads zählen auch viele Christen. Sie machten vor dem Krieg etwa zwölf Prozent der Einwohner Syriens aus. Häufig gehören sie zur intellektuellen und ökonomischen Elite. Viele sagen: Fällt Assad, kommen die Islamisten und dann gibt es keine Zukunft mehr für das Christentum in Syrien.

Eines ist wichtig für den Konflikt in Syrien: Die Vorstellung, da kämpfte "Gut gegen Böse", trifft nicht zu. Richtig ist: Alle sind "böse", das heißt, keine der Parteien will wirklich ein Syrien mit Freiheitsrechten und Teilhabe. Und das macht den politischen Ausblick für Syrien so düster: Egal wer sich am Ende durchsetzt - sollte das Land nicht zerfallen -, scheint eines schon heute sicher: Die Freiheit, für die viele Menschen in Syrien auf die Straße gingen, und die die Triebfeder der Aufstände war, wird in dem Land nicht Einzug halten. Im Gegenteil: Die Lehre, die alle aus dem Bürgerkrieg möglicherweise ziehen, ist: mehr Unterdrückung, damit es nie wieder Proteste gibt.

Constantin Schreiber, zzt. ARD Kairo, zur Lage sieben Jahre nach Beginn der arabischen Revolutionen
17.12.2017

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Jemen

Ebenfalls erschütternd ist die Lage im Jemen. Nur war die Ausgangslage dort ohnehin schon schwieriger als in Syrien. Jemen war bereits vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs das ärmste Land der arabischen Welt, mit einem Bruttosozialprodukt pro Einwohner im Jahr von 430 US-Dollar im Jahr 2009. Und der Jemen hatte bereits eine Geschichte politischer Instabilität und von Bürgerkriegen hinter sich. Einst geteilt in den Nord- und Südjemen, vereinigten sich beide Landesteile im Jahr 1990. Politische Rivalitäten und wirtschaftliche Depression hielten allerdings an.

Rauch steigt hinter einem Gebäude der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf. | Bildquelle: AFP
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Krieg im Armenhaus des Nahen Ostens: Der Jemen versinkt in Gewalt und Chaos.

Heute ist der Jemen am Ende: Zwei Drittel der Menschen sind von Lebensmittelhilfen abhängig. Cholera-Epidemien raffen Tausende dahin. Politisch wird das Land nicht nur vom Bürgerkrieg bestimmt, sondern im Zuge dessen auch zerrieben zwischen den Interessen Saudi-Arabiens und des Iran. Denn längst ist der Jemen-Konflikt auch ein Stellvertreterkrieg. Der Iran unterstützt die sogenannten Huthi-Rebellen, Saudi-Arabien führt eine arabische Militärallianz an.

Kürzlich kam Bewegung in den festgefahrenen Konflikt: Jemens ehemaliger Präsident Abdallah Saleh verkündete einen Seitenwechsel und suchte die Annäherung an die saudische Militärallianz. Diese Ansage bezahlte er mit seinem Leben, nur wenig später wurde er auf der Flucht erschossen. Seitdem sind insbesondere in und um die Hauptstadt Sanaa intensive Kämpfe entfacht. Das in der Antike "Arabia felix" - "glückliches Arabien" - genannte Land versinkt immer tiefer in einem blutigen Konflikt.

Libyen

Ein weiterer Staat, der zu zerfallen droht, ist Libyen. Nach knapp 42 Jahren an der Regierung wurde hier Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 gefangen und getötet. Machthaber im Westen und im Osten Libyens kämpfen seitdem in einem Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in dem Land.

Politisch befand sich das Land bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs in einer schwierigen Situation. Gaddafi zeigte einen immer bizarreren Machtstil. Er übernachtete auf Auslandsreisen in eigens errichteten Zelten, da dies der traditionellen Lebensweise des libyschen Volkes entspreche, und hielt wirre Reden vor der UN. Die Hinweise, dass er als Unterstützer des Terrors agierte, waren deutlich. In seinen letzten Regierungsjahren suchte er dann eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Westen.

Regierungsnahe Kämpfer in Sirte im Gefecht mit dem IS
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In Libyen kämpfen gleich mehrere Regierungen, Milizen und Terrororganisationen um die Vorherrschaft.

Ökonomisch sah es ungleich besser aus: Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges war Libyen dank seiner Erdölvorkommen das reichste Land Afrikas. Es bestand für die Bürger ein für nahöstliche Verhältnisse enges soziales Netz mit umfassendem sozialen Wohnungsbau und Gesundheitsversorgung. Die Infrastruktur war gut ausgebaut.

Inzwischen agieren in dem zerfallenden Staat auch Terrororganisationen wie der "Islamische Staat". Gleichzeitig ist Libyen ein Transitland für zahlreiche afrikanische Flüchtlinge, die dort zu einem großen Teil unter schlimmsten humanitären Bedingungen leben.

Ägypten

"Hätten wir doch bloß Mubarak zurück"- Sätze wie diesen kann man in Ägypten inzwischen häufiger hören. Hinter vorgehaltener Hand, anonym, nicht öffentlich. Die arabische Revolution hatte gerade in Ägypten für große Hoffnungen gesorgt, erschien die Revolution doch zunächst auf einem guten Weg: Der Diktator gestürzt. Es gab freie Wahlen. Persönliche Freiheiten, insbesondere Meinungsfreiheit, entwickelten sich positiv.

Doch mit der Wahl der Muslimbrüder unter Mohammed Mursi drehte sich der Wind. Das Land erlebte eine Zeit, in der der konservative Islam immer mehr das Leben bestimmte. 2013 putschte das Militär nach massiven Protesten in der Bevölkerung, der damalige Militärchef Abdel-Fatah al-Sisi regiert seitdem das Land.

Die politische Instabilität der vergangenen Jahre hat viele Ägypter schockiert. Das volatile Umfeld in Syrien, dem Jemen, Libyen - ebenfalls Länder des Arabischen Frühlings - nährten Ängste, auch Ägypten könnten bürgerkriegsartige Zustände drohen. Das Militär hat daher Freiheitsrechte der Menschen einmal mehr massiv beschnitten. Die namhaftesten Journalisten des Landes wurden inzwischen zum größten Teil des Landes verwiesen oder zumindest vom Schirm genommen. Aber zahlreiche Ägypter unterstützten diesen Kurs. Hartes Durchgreifen sei notwendig für Stabilität, und, so ist häufig zu hören, um Ägypten wieder stark zu machen.

Ägyptische Soldaten an einer Sperre vor dem Tahrir-Platz
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Ägyptische Soldaten an einer Sperre vor dem Tahrir-Platz. Das Militär hat die Bürgerrechte massiv beschnitten.

Gleichzeitig sind zahlreiche Probleme des Landes ungelöst. Ägypten ist das nach wie vor wichtigste Land der arabischen Welt, vor allem wegen seiner Bevölkerungszahl von geschätzt 95 Millionen. Es versteht sich traditionell als gewichtiger Wortführer der Araber. Dabei befindet sich das Land in einer zunehmend prekären Situation. Das Bevölkerungswachstum setzt die Wirtschaft unter Druck. Weite Bereiche sind international nicht konkurrenzfähig. Der Tourismus ist geschwächt. Eliten verlassen das Land auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen.

Wie weit Ägypten inzwischen zurückgefallen ist, wird besonders bei einem längeren Rückblick deutlich. Ägypten entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten und einzigen Industriestaat Afrikas. Während der 1920er-Jahre florierten Wirtschaft, Kunst und Kultur im damaligen Königreich Ägypten. Die Gesellschaft war multikulturell: Zigtausende Italiener, Griechen und Juden waren erfolgreich im Handel und der Verwaltung tätig. Das Wirtschaftswachstum war mit dem europäischer Staaten vergleichbar. Viele der in Ägypten lebenden Minderheiten wurden seit den 1950er-Jahren aus dem Land gedrängt oder vertrieben. Verstaatlichungen ließen Unternehmer das Land verlassen. Ägypten verlor zunehmend den Anschluss an die internationale Entwicklung.

Für die derzeitige Führung heißt die Überlebensfrage: Schafft sie es, die Lebensbedingungen der meisten Ägypter spürbar zu verbessern? Stabilität und Wohlstand erscheinen für viele Ägypter heute wichtiger als persönliche Freiheiten.

Tunesien

Das einzige Land, dessen Status heute besser ist als vor Beginn der arabischen Revolution, scheint Tunesien zu sein. Das Land, in dem am 17. Dezember 2010 die arabische Revolution ihren Ursprung nahm, als der Straßenverkäufer Mohammed Bouazizi sich selbst anzündete - aus Protest gegen die Beschlagnahmung seines Obst- und Gemüsestandes durch die örtliche Polizei. Aus den daraus folgenden Protesten entwickelte sich ein Revolutionssturm, der schließlich weite Teile der arabischen Welt erfasste.

Kerzen umrahmen ein Bild des tunesischen Obstverkäufers Mohamed Bouazizi | Bildquelle: REUTERS
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Gedenken an den tunesischen Obstverkäufer Mohamed Bouazizi. Sein Selbstmord gilt als Auslöser des Arabischen Frühlings.

Tunesien wurde bis dahin bestimmt von dem kleptokratischen, seit 1987 herrschenden Präsidenten Zine al-Abidin ben Ali. Gemeinsam mit seiner Frau setzte er sich im Zuge der Proteste, die zu seiner Absetzung führten, nach Saudi-Arabien ab. Heute steht Tunesien politisch und wirtschaftlich gut da: Nach freien Wahlen wurde 2014 eine neue Verfassung verabschiedet, in der unter anderem Glaubensfreiheit - auch das Recht auf keinen Glauben -  und Gleichberechtigung festgeschrieben sind. Seit der Revolution hat sich eine für die Region pluralistische Medienlandschaft entwickelt, in der ein breites Meinungs- und Diskussionsspektrum abgedeckt sind.

Zumindest für die Einwohner des Ursprungslands der arabischen Revolution scheint sich ihr Leben seitdem verbessert zu haben. Auch woanders haben die Menschen noch Hoffnung. Viele Syrer, Jemeniten und sogar Ägypter sagen heute: "Die Revolution ist ja noch nicht vorbei."

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