Anti-Terror-Einsatz in Brüssel | Bildquelle: dpa

Anti-Terror-Einsatz in Belgien 16 Festnahmen bei Razzien in Brüssel

Stand: 23.11.2015 09:15 Uhr

Bei einer Anti-Terror-Razzia am späten Sonntagabend hat die Polizei in Belgien 16 Personen festgenommen. Der mutmaßliche Komplize der Attentäter von Paris, Abdeslam, ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht darunter. In Brüssel gilt weiter die höchste Terrorwarnstufe.

Die belgische Polizei hat bei Razzien in Brüssel und Umgebung am späten Sonntagabend 16 Personen vorläufig festgenommen. Das teilte die Staatsanwaltschaft bei einer nächtlichen Pressekonferenz mit. 19 Häuser seien durchsucht worden, Waffen oder Sprengstoff seien nicht sichergestellt worden. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Salah Abdeslam sei nicht unter den Festgenommenen. Vermutlich war er an den Pariser Attentaten mit insgesamt 130 Toten beteiligt. Er ist der Bruder eines der Selbstmordattentäter. Zur Identität der Festgenommenen wurden keine Angaben gemacht.

In der Gemeinde Molenbeek, wo bereits kurz nach den Anschlägen von Paris Razzien durchgeführt worden waren, feuerten Polizisten den Angaben zufolge auf ein Fahrzeug, das auf sie zuraste. Das Fahrzeug sei wenig später gestoppt worden, der Fahrer sei verletzt. Ob dieser Vorfall mit den Anti-Terror-Ermittlungen zu tun habe, sei noch offen.

Vor allem in der Brüsseler Innenstadt hatte die Polizeiaktion am Sonntagabend Aufregung ausgelöst. Im bei Touristen beliebten Viertel um den Grand Place waren viele Sicherheitsbeamte zu sehen. Sicherheitskräfte sperrten Straßen und forderten Passanten lautstark auf, sich zu entfernen. Hubschrauber kreisten über den Häusern. Zahlreiche schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten seien im Einsatz, hatte ARD-Korrespondentin Bettina Scharkus die Lage beschrieben.

Bettina Scharkus, ARD Brüssel, zur Sicherheitslage in Brüssel
tagesthemen 22:45 Uhr, 22.11.2015

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Die Polizei hatte über Twitter Privatpersonen darum gebeten, nichts über soziale Netzwerke oder andere Plattformen im Internet während des laufenden Einsatzes mitzuteilen. Um die Nachrichtensperre beim Kurzmitteilungsdienst Twitter während der laufenden Polizeiaktion aufrecht zu erhalten luden Nutzer unter dem Hashtag #BrusselsLockdown im Sekundentakt Fotos von Katzen hoch. In der Flut der Katzenbilder sollten mögliche Informationen über die Großrazzia schwerer auffindbar sein.

Höchste Terrorwarnstufe verlängert

Zuvor hatte Premierminister Charles Michel nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates mitgeteilt, dass die höchste Terrorwarnstufe für die belgische Hauptstadt auch am heutigen Montag gilt. Er begründete dies mit einer "ernsthaften und unmittelbaren Bedrohung". Für den Rest des Landes gilt demnach weiter die zweithöchste Warnstufe drei, die bereits vor knapp einer Woche in Folge der Terroranschläge von Paris ausgerufen wurde.

Weiterhin höchste Terrorwarnstufe in Brüssel
tagesschau 09:00 Uhr, 23.11.2015, Christian Feld, ARD Brüssel

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"Wir fürchten einen Angriff wie in Paris"

Die Schulen und Universitäten in der belgischen Hauptstadt und die U-Bahn bleiben nach Angaben des Regierungschefs geschlossen. Michel sprach von konkreten Hinweise auf ein geplantes Attentat von Terroristen in Brüssel. "Wir fürchten einen Angriff wie in Paris", sagte er. Mögliche Ziele seien Geschäftsviertel, Einkaufszentren und der öffentliche Nahverkehr. Die Präsenz von Polizei und Armee werde verstärkt.

Das Treffen der Finanzminister der Eurogruppe soll stattfinden. Allerdings seien weniger wichtigere Treffen von EU-Vertretern abgesagt worden, so ARD-Korrespondentin Scharkus.

In der Nacht zum Samstag hatte das nationale Krisenzentrum die Terrorwarnstufe für die Hauptstadtregion auf die höchste Stufe angehoben. Viele Veranstaltungen wurden abgesagt und der Betrieb der U-Bahn eingestellt. Museen, Einkaufszentren, Kinos sowie viele Geschäfte und Cafés in der Innenstadt blieben geschlossen - ebenso zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Das öffentliche Leben der Stadt steht teilweise still. Das Krisenzentrum empfiehlt den Bürgern weiter, belebte Orte wie Bahnhöfe und Flughäfen zu meiden sowie Konzerte und Großereignisse abzusagen.

Mit Informationen von Ralph Sina, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

Terrorwarnstufen in Belgien

In Belgien übernimmt ein Krisenzentrum im Auftrag des Innenministers die Beobachtung der Bedrohungslage durch Ereignisse im In- und Ausland. Auf Basis eines Gesetzes von 2006 erhält das Krisenzentrum Bewertungen der terroristischen Bedrohungen vom sogenannten Koordinierungsorgan für die Bedrohungsanalyse (OCAM). Dabei gibt es vier mögliche Bedrohungsstufen:

Stufe 1 ("gering") bedeutet, dass Personen, Gruppen oder Ereignisse, auf die sich die Analyse bezieht, "nicht bedroht" sind.
Stufe 2 ("mäßig") bedeutet, dass die Bedrohung der Person(en), Gruppe(n) oder Ereignisse, auf die sich die Analyse bezieht, "wenig wahrscheinlich" ist.
Stufe 3 ("ernst") bedeutet, dass die Bedrohung der Person(en), Gruppe(n) oder Ereignisse, auf die sich die Analyse bezieht, "möglich und wahrscheinlich" ist.
Stufe 4 ("sehr ernst") bedeutet, dass die Bedrohung der Person(en), Gruppe(n) oder Ereignisse, auf die sich die Analyse bezieht, "ernst zu nehmen ist und nahe bevorsteht".

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