Rauch über der afghanischen Stadt Ghasni | Bildquelle: AFP

Taliban stürmen afghanisches Ghasni Mehr als nur der Kampf um eine Stadt

Stand: 10.08.2018 17:27 Uhr

Kämpfer der Taliban haben die ostafghanische Stadt Ghasni gestürmt. Doch die Taliban wollen nicht nur militärisch Einfluss, sondern auch politische Anerkennung. Von einem Waffenstillstand oder gar Frieden ist das Land weit entfernt.

Von Katha Jansen, ARD-Studio Neu-Delhi

Im ersten Halbjahr 2018 wurden in Afghanistan so viele Zivilisten getötet wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Bundeswehr geht davon aus, dass mehr als ein Drittel der afghanischen Bevölkerung im Moment in Gebieten lebt, in denen die Taliban kämpfen oder die sie bereits kontrollieren.

Mit den Taliban politisch zu verhandeln, sei für die afghanische Regierung derzeit unmöglich, sagt der afghanische Politikexperte Davood Moradian: "Die Extremisten hatten schon immer die göttliche Überzeugung, das heißt, sie denken Gott sei auf ihrer Seite - warum sollten sie also Kompromisse eingehen. Sie sitzen die Feinde einfach aus." Aus Sicht der Taliban sei es ein religiöser Kampf - "und den werden sie daher gewinnen. Kompromisse kann es für sie nicht geben."

Angebot für längeren Waffenstillstand ausgeschlagen

In den vergangenen Jahren verfolgten die Taliban die Strategie, vor allem in ländlichen Gebieten ihre Macht auszuweiten. Inzwischen versuchen sie aber auch regelmäßig in Städte vorzurücken. Nach Kunduz und Farah stürmten sie jetzt die Provinzhauptstadt Ghasni - obwohl es von Seiten der Regierung gerade erst ein Friedensangebot gab.

Afghanistans Präsident Ghani | Bildquelle: AFP
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Afghanistans Präsident Ghani hatte einen längeren Waffenstillstand vorgeschlagen - die Taliban schlugen ihn aus.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani hatte den Taliban Anfang des Sommers einen längeren Waffenstillstand vorgeschlagen. Die Taliban ließen sich nur auf drei Tage ein: "Wenn wir erst auf einen Friedensvertrag warten, bevor wir eine Waffenruhe ausrufen, dann dauert das noch ewig, bis das Blutvergießen beendet werden kann", sagte Ghani. "Wir haben uns hier verkeilt - wie zwei Fahrzeuge, die eine Brücke überqueren wollen und keine Seite ist bereit, der anderen den Vortritt zu lassen. Die von mir angebotene Feuerpause sollte das eigentlich auflösen."

Taliban wollen mit den USA verhandeln

Derzeit sind die Taliban die größte bewaffnete Miliz im Land. Für Politikexperte Moradian ist es naheliegend, dass die Aufständischen kein Interesse haben, mit der afghanischen Regierung zu sprechen, "weil es aus ihrer Sicht eine illegitime Regierung ist, die zudem ein sterbendes Pferd ist. Deshalb wollen sie lieber gleich mit den USA verhandeln, so bekämen sie mehr Legitimität. Und es wäre perfekt für sie, mit einer Großmacht an einem Verhandlungstisch zu sitzen."

Tatsächlich gab es kürzlich offenbar Gespräche zwischen Talibanführern und US-Diplomaten - für die Taliban ein wichtiger Schritt, denn sie wollen als politische Kraft wahrgenommen werden. Moradian zufolge wollen "die Taliban ihre militärischen Errungenschaften mit politischen Erfolgen komplettieren. Militärisch stehen sie besser da, politisch nicht. Sie sind Terroristen - isoliert - und werden nicht anerkannt."

Noch ist nicht klar, ob die jetzt gestürmte Provinzhauptstadt Ghasni zum Teil in der Hand der Taliban ist oder ob die Regierungskräfte die Stadt halten konnten. Am Abend sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, die Taliban seien aus dem Zentrum vertrieben worden, die Situation sei unter Kontrolle. Die Sicherheitskräfte versuchten nun, die Extremisten auch aus den Außenbezirken zu vertreiben. Das Ministerium berichtete von 14 getöteten Polizisten und Soldaten sowie zwei toten Zivilisten. Mindestens 150 Taliban seien verletzt oder getötet worden.

Ein Erfolg wäre für beide Seiten strategisch sehr wichtig. Die Stadt liegt an der entscheidenden Nord-Süd-Verbindung des Landes. Die Straße verbindet die Hauptstadt Kabul mit der südlichen Stadt Kandahar. Sollten die Taliban Ghasni tatsächlich erobern, hätten sie praktisch den Norden vom Süden abgeschnitten.

Kein Ende des NATO-Einsatzes in Sicht

Auffällig ist: Auch diesmal mussten die afghanischen Streitkräfte von US-Militärs unterstützt werden. Und auch die seit vier Jahren laufende Unterstützungsmission der NATO scheint in der derzeitigen Situation unverzichtbar, auch wenn NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg beim letzten Gipfel in Brüssel den Fortschritt der afghanischen Sicherheitskräfte lobte: Die afghanischen Kräfte, die inzwischen seit drei Jahren angeleitet würden, seien immer professioneller und effektiver, so Stoltenberg. Ziel des NATO-Einsatzes in Afghanistan sei es, die Bedingungen für einen dauerhaften Friedensvertrag zu schaffen.

Absehbar ist ein tatsächlicher Friedensprozess im Moment aber nicht. Derzeit ist noch nicht einmal klar, wie eingeschränkt und sicher die anstehenden Parlamentswahlen im Herbst ablaufen werden. Bislang haben sich in einigen Regionen noch nicht einmal Kandidaten gemeldet - aus Angst vor den Taliban.

Gefechte im afghanischen Ghasni dauern an
Katha Jansen, NDR
10.08.2018 10:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk24 am 10. August 2018 um 10:00 Uhr.

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