Die zerstörte Botschaft in Kabul | Bildquelle: AP

Sicherheitslage in Afghanistan "Sichere Gebiete können morgen unsicher sein"

Stand: 31.05.2017 15:02 Uhr

Die Sicherheitslage in Afghanistan habe sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschlechtert, sagt Mirco Günther von der Friedrich-Ebert-Stiftung im tagesschau.de-Interview. Selbst Gebiete, die heute noch als vermeintlich sicher gelten, könnten morgen schon unsicher sein.

tagesschau.de: Warum ist die Opferzahl bei diesem Anschlag so hoch?

Mirco Günther: Der Lastwagen detonierte an einer der Hauptverkehrsrouten. Der Kreisverkehr, an dem das passiert ist, liegt allerdings nicht innerhalb des Diplomatenviertels, sondern am Eingang davor. Der Kreisverkehr ist noch öffentliches Gebiet, wo sehr viele Leute in der Rushhour unterwegs waren - deshalb auch die vielen afghanischen Opfer.

Die Deutsche Botschaft ist deshalb so stark betroffen, weil sie die erste Auslandsvertretung in dem Viertel ist und ihre Mauern noch zur Straße hin und zu diesem Kreisverkehr hin hat. Unsere Stiftung liegt zwar etwas davon entfernt, aber so einen Anschlag hört man in der ganzen Stadt. Zunächst war deshalb nicht klar, wie nah das ist: Die Fensterscheiben vibrierten durch die Detonation mehrere Kilometer weit, so dass jeder in der Stadt verstanden hat, dass da etwas Schlimmes passiert ist.

alt Mirco Günther

Zur Person

Mirco Günther ist Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan. Zum Zeitpunkt des Anschlags war er in Berlin, lebt und arbeitet aber seit Beginn des Jahres in Kabul. Die Region kennt Günther als stellvertretender Missionsleiter der OSZE in Kasachstan und zuvor als politischer Referent in Tadschikistan. Er hat Public Administration an der Kennedy School in Harvard studiert.

tagesschau.de: Wie ist der Anschlag aus Ihrer Sicht einzuschätzen?

Günther: Es ist einer der schwersten Anschläge seit 2001. Es ist eine neue Eskalationsstufe - die Sicherheitslage in der Hauptstadt hat sich bereits in den letzten zwei Jahren deutlich verschlechtert.

tagesschau.de: Welche Folgen hat der Anschlag für Ihre Stiftung?

Günther: Momentan gilt unser Mitgefühl den Toten und den Verletzten und ihren Angehörigen. Man muss abwarten, was die nächsten Tage an Klärung und Information bringen. Jeder, der in Kabul arbeitet und nach Kabul geht, weiß, dass es letztlich keine garantierte Sicherheit gibt. Viele Kollegen - nicht nur von unserer Stiftung - setzen sich mit viel Leidenschaft und Liebe zu Land und Leuten ein - und wir alle wissen, dass ein Risiko besteht.

tagesschau.de: Gibt es in Afghanistan noch sichere Gebiete?

Günther: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass das letzte Jahr 2016 das tödlichste für die afghanische Zivilbevölkerung war, auch 2017 sind die Opferzahlen wieder sehr hoch. Die Taliban sind gerade in ihrer Frühjahrsoffensive, der IS ist ein weiterer Akteur. Man schätzt, dass ungefähr die Hälfte des Landes umkämpft oder unter Taliban-Kontrolle ist. In 31 von 34 Provinzen wird gekämpft.

Auch früher als vermeintlich sicher geltende Gebiete wie Kundus, wo die Bundeswehr bis 2013 stationiert war, sind punktuell unsicher. Wir hatten den großen Anschlag auf das Generalkonsulat in Masar-i-Scharif, das heißt selbst der Norden des Landes scheint eine tragische Entwicklung zu nehmen. Selbst Gebiete, die heute noch als vermeintlich sicher gelten, können morgen schon unsicher sein. Und gerade die Hauptstadt Kabul ist ja in besonderem Maße betroffen: Das war jetzt der achte Anschlag seit Beginn des Jahres.

tagesschau.de: Steckt da auch eine neue Strategie von Taliban oder IS dahinter?

Günther: Schwer zu sagen. Nach vorläufigen Informationen lehnen die Taliban die Verantwortung ab, bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Nach dem Abwurf der im Militär genannten "Mutter aller Bomben" in Ost-Afghanistan hätten Experten geschätzt, dass sich zumindest die physische Präsenz des IS auf diese Region konzentriert. Gleichzeitig sehen wir immer wieder Anschläge in Kabul, wo sich Gruppen, die sich zumindest mit dem IS identifizieren, Verantwortung dafür übernehmen.

Was man sich aber klar machen muss: Es gibt nach Angaben der afghanischen Regierung etwa 20 Terrororganisationen, da sind Taliban und IS nur die bekanntesten. Ich würde nicht ausschließen, dass Label von Gruppierungen in unterschiedlichen Landesteilen auch angenommen werden, um Aufmerksamkeit und Finanzierung zu bekommen. Ob wir da aber immer von unterschiedlichen Akteursgruppen sprechen oder ob die Grenzen in diesem Bereich fließend sind, ist nicht klar.

Fakt ist, die Taliban sind so stark wie nie seit Beginn der internationalen Intervention 2001 und sie sind ein Akteur, der immer wieder sehr wahrnehmbar auftritt.

tagesschau.de: Werden der Anschlag und die veränderte Sicherheitslage Auswirkungen auf das NATO-Engagement in der Region haben?

Günther: Das Commitment der internationalen Gemeinschaft zu Afghanistan ist ein langfristiges. Wir sind jetzt seit dem Abzug der Truppen der Internationalen Gemeinschaft 2014 in der sogenannten Transformationsdekade, die noch bis 2024 anhält. Solche abscheulichen Anschläge wie jetzt stärken eher die Geschlossenheit der internationalen Gemeinschaft, sich zusammen mit afghanischen Partnern für Sicherheit und Stabilität in dem Land und in der Region einzusetzen.

Das Interview führte Caroline Ebner, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Mai 2017 um 12:00 Uhr.

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