Anne Frank (Bildquelle: picture-alliance / dpa)

Anne-Frank-Haus verliert Rechtsstreit Basel statt Amsterdam

Stand: 27.06.2013 16:12 Uhr

Das Tagebuch ist nicht betroffen, doch viele andere Dokumente, die bisher im Amsterdamer Anne-Frank-Haus archiviert sind: Sie müssen nach einem Gerichtsurteil zum Eigentümer, dem Baseler Anne-Frank-Fonds.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Hörfunkstudio Den Haag

So mancher Besucher muss den Kopf einziehen, wenn er durch die als Bücherregal getarnte Tür geht, die ins Hinterhaus der Prinsengracht 263 führt. Zwei Jahre lang hielt sich die aus Deutschland stammende Familie Frank in diesen Räumen versteckt. Anne schrieb hier ihr weltberühmtes Tagebuch.

Ihre Aufzeichnungen dürfen bleiben, doch von vielen anderen Zeugnissen der Geschichte muss das Amsterdamer Anne-Frank-Haus sich bis zum Jahreswechsel trennen.

Anne-Frank-Haus muss Teile des Archivs zurückgeben
L. Kazmierczak, WDR Den Haag
27.06.2013 15:09 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Museumssprecherin Garance Reus-Deelder nennt ein Beispiel: "Otto Frank hat hier im Versteck - also genau an diesem Ort - ein Gedicht für seine Frau geschrieben. Wir finden, gerade weil es hier geschrieben wurde, ist es ein ganz besonderes Archivstück von großem emotionalen Wert. Und das müssen wir abgeben."

So entschied es ein Amsterdamer Gericht. Nach einem zweijährigen Rechtsstreit gaben die Richter damit dem Anne-Frank-Fonds in Basel recht. Dieser hatte 2011 die Rückgabe des Familienarchivs gefordert, obwohl die Briefe, Fotos und Schriftstücke dem Museum in Amsterdam einst als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt worden waren.

1/9

Anne Frank: Bilder aus ihrem kurzen Leben

Bilder aus ihrem kurzen Leben

Anne Frank

Anne Frank hatte davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Mit ihren Tagebüchern, die sie in einem Amsterdamer Hinterhofversteck geschrieben hatte, wurde sie weltbekannt. Am 12. Juni 2013 wäre sie 84 Jahre alt geworden. (Bildquelle: picture-alliance / dpa)

Mit der Konzeption unzufrieden

Doch die Schweizer haben ein Problem mit der Konzeption des Museums, das jährlich von rund einer Million Menschen besucht wird. Diese kommerzielle Ausrichtung sei nicht im Sinne des 1980 verstorbenen Vaters von Anne Frank, meint Yves Kugelmann vom Stiftungsrat der Baseler Einrichtung: "Otto Frank wollte, dass der Text von Anne Frank im Zentrum steht: das Tagebuch. Er war gegen ein Museum und auch gegen eine Pilgerstätte. In diesem Sinne ist das, was in Amsterdam entstanden ist, sicher nicht im Sinne des letzten Willens des Vaters von Anne Frank."

Zwei Stiftungen ins Leben gerufen

Es war übrigens Otto Frank selbst, der das Grachtenhaus 1960 als Museum und Stätte der Begegnung eröffnete. In Amsterdam sollte nach seinem Willen eine Stiftung über die Immobilie wachen, und in der Schweiz eine zweite Stiftung die weltweiten Rechte an den literarischen Werken der Familie Frank verwalten.

Und hier liegt das Problem. In vielen Ländern laufen diese Rechte 2016 aus. Der Anne-Frank-Fonds wird sich wohl um neue Einnahmequellen bemühen müssen. So ist die Eröffnung eines Familie-Frank-Zentrums in Frankfurt geplant, wo Anne 1929 geboren wurde. Hier sollen die Exponate aus Amsterdam ein neues Zuhause finden.

Anne Frank (Bildquelle: dpa)
galerie

Eine Originalseite des Tagebuches von Anne Frank

Yves Kugelmann bestreitet jedoch, dass seine Stiftung deshalb die Rückgabe des Archivs eingeklagt habe. "Insofern ist das nie ein Grund gewesen für uns, uns in eine kommerzielle Richtung zu entwickeln und zu schauen, wie macht man am meisten Geld oder wie sichert man Einkünfte. Das ist überhaupt gar kein Thema."

Jahrzehntelang hatten die beiden Stiftungen in Amsterdam und Basel eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet - immer darauf bedacht, die Erinnerung an das Schicksal der Familie Frank zu wahren. Nun ist das Tischtuch zwischen den beiden Partnern zerschnitten. Es geht ums Geld und nicht mehr ums Gedenken.

Dieser Beitrag lief am 27. Juni 2013 um 11:56 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: