Polizisten sichern den Platz, auf dem der Anschlag statt gefunden hat. | Bildquelle: AP

Angespannte Lage in der Türkei 86 Tote in Ankara - Vorwürfe gegen Regierung

Stand: 10.10.2015 19:50 Uhr

Mindestens 86 Tote, knapp 200 Verletzte: Selbstmordattentäter sind nach Ansicht der Regierung für den Doppelanschlag auf eine Friedensdemonstration in Ankara verantwortlich. Der Wahlkampf ist unterbrochen. Die Kurdenpartei HDP erhob schwere Vorwürfe. Es gibt neue Demonstrationen.

Drei Wochen vor der Parlamentswahl in der Türkei sind beim schwersten Anschlag in der jüngeren Geschichte des Landes mindestens 86 Menschen getötet worden. Die Zahl der Opfer könnte noch steigen, da unter den 186 Verletzten viele Schwerverletzte sind.

Die konservative AKP-Regierung von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu vermutet zwei Selbstmordattentäter hinter der Tat in Ankara. Es gebe starke Hinweise in diese Richtung, sagte er. Verdächtig seien die kurdische Arbeiterpartei PKK, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und die linke DHKP-C.

Zahl der Toten nach den Anschlägen in Ankara steigt
tagesschau 20:00 Uhr , 10.10.2015, Martin Weiss, ARD Istanbul

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Erdogan verspricht Aufklärung

Innenminister Selami Altinok sprach von einem "Terrorakt" gegen den Staat, die Demokratie und das türkische Volk. Er wies Vorwürfe zurück, die Sicherheitskräfte hätten die Demonstration nicht genügend abgesichert, und lehnte einen Rücktritt ab. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus, der Wahlkampf ist unterbrochen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, der Anschlag ziele auf den Frieden in der Nation ab. Er rief seine Landsleute dazu auf, als Antwort auf den Terror solidarisch und entschlossen zu sein. Erdogan versprach eine Aufklärung des Anschlags.

Kurdenpartei HDP gibt Regierung Mitschuld

Zu dem regierungskritischen Protestmarsch hatte unter anderen die Kurdenpartei HDP aufgerufen. Ihr Ko-Chef Selahattin Demirtas sprach von einem "riesigen Massaker" und einem "barbarischen" Angriff auf diejenigen, die Frieden im Land und kein Blutvergießen wollten.

Der Anschlag dürfte die politischen Spannungen in der Türkei weiter anheizen. Die HDP sieht sich als Ziel der Bomben und machte die islamisch-konservative Staatsführung für den Anschlag verantwortlich. "Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk", sagte Demirtas. "Auch dieser Vorfall wird nicht aufgeklärt werden."

Demonstration gegen die Regierung in Diyarbakir | Bildquelle: REUTERS
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Demonstration gegen die Regierung in Diyarbakir

Es war der dritte Anschlag auf kurdische Aktivisten in der Türkei in den vergangenen Monaten. Im Juli kamen 33 Friedensaktivisten in der Grenzstadt Suruc ums Leben. Der Anschlag wurde der Terrormiliz "Islamischer Staat" zugeschrieben. Im Juni wurden bei einer Wahlkampfveranstaltung der pro-kurdischen Partei HDP zwei Menschen getötet. "Diese Attacke ähnelt den Attentaten von Diyarbakir and Suruc und ist eine Fortsetzung davon", sagte Demirtas.

In mehreren Städten der Türkei kam es zu Demonstrationen, unter anderem in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden. In Istanbul protestierten am Abend Tausende gegen die Regierung. In Sprechchören wurde die verbotene kurdische Arbeiterpartei zu Vergeltungsaktionen aufgefordert.

Am Sonntag in drei Wochen sollen im Land erneut Parlamentswahlen stattfinden. Die Beziehungen zwischen der türkischen Regierung und der legalen Kurdenpartei HDP sind angespannt, weil die Regierungspartei AKP der HDP eine Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorwirft. Die HDP wiederum hält Erdogan das Schüren nationalistischer Stimmungen vor, um im Zuge der anstehenden Parlamentswahlen seine Macht ausbauen zu können. ARD-Korrespondent Schramm hält es für möglich, dass die Wahlen verschoben werden.

Nach der Attacke von Suruc war die Türkei nicht nur aktiv in die Offensive gegen den IS eingestiegen, sondern begann auch, Angriffe auf die kurdischen Rebellen der verbotenen Arbeiterpartei PKK zu fliegen. Der zweijährige Waffenstillstand zwischen Regierung und PKK ist beendet. Seither eskaliert im Südosten der Türkei die Gewalt. Hunderte Menschen kamen dabei ums Leben.

Das Auswärtige Amt verschärfte nach dem Anschlag seine Reisehinweise für die Türkei. Die Innenstadt von Ankara und größere Menschenansammlungen sollten gemieden werden. "Landesweit ist mit einer Zunahme der politischen Spannungen zu rechnen, weitere Anschläge oder gewaltsame Auseinandersetzungen sind nicht ausgeschlossen", hieß es.

86 Tote durch Explosionen in Ankara
R. Baumgarten, ARD Istanbul
10.10.2015 21:04 Uhr

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