Zwei Frauen und ein Polizist in Diyarbakir | Bildquelle: REUTERS

500.000 Betroffene Amnesty rügt türkische Vertreibungen

Stand: 06.12.2016 05:16 Uhr

Schätzungen zufolge sind etwa 500.000 Menschen im Südosten der Türkei vor den dortigen Kämpfen geflohen. Amnesty International macht dafür das "brutale Vorgehen" der türkischen Behörden verantwortlich und wirft ihnen Vertreibung vor.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat der Türkei vorgeworfen, schätzungsweise 500.000 Menschen im Südosten des Landes vertrieben zu haben. Die Betroffenen seien innerhalb eines Jahres als Folge eines "brutalen Vorgehens der türkischen Behörden" aus ihren Häusern gezwungen worden, schreibt Amnesty in einem Bericht mit dem Titel "Vertrieben und enteignet". Das Vorgehen komme einer "kollektiven Bestrafung" gleich.

Viele Betroffene zwangsenteignet

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Vertreibung der Einwohner des historischen Viertels Sur in der Kurdenmetropole Diyarbakir. Das Viertel war seit Juli 2015 Schauplatz von Kämpfen zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und Sicherheitskräften. Alleine in Sur hätten rund 24.000 Menschen ihre Häuser aufgeben und das Viertel verlassen müssen, heißt es in dem Bericht. Grund seien vor allem die Ausgangssperren gewesen, die die Behörden immer wieder verhängten. Die Anwohner hätten damals unter Lebenmittel- und Wasserknappheit gelitten und fürchteten wegen der anhaltenden Kämpfe um ihr Leben. Viele hätten daher die kurzen Zeitfenster zwischen dem Ausgehverbot genutzt, um zu fliehen.

Etwa die Hälfte der Vertriebenen in Sur seien Hausbesitzer. Viele könnten jedoch nicht in ihre Häuser zurückkehren, weil diese noch im Sperrgebiet lägen oder ohnehin zerstört seien. Einige Häuser seien geplündert worden. Im März hätten die Behörden die meisten Grundstücke in Sur zwangsenteignet, heißt es in dem Bericht. Sie seien dem Umwelt- und Städtebauministerium unterstellt worden.

Forderung nach Rückkehrmöglichkeit und Entschädigung

Die Behörden müssten dafür sorgen, dass die Vertriebenen "sicher und mit Würde" in ihre Häuser zurückkehren könnten oder sich freiwillig in anderen Landesteilen niederließen, forderte Amnesty. Derzeit gebe es keine "konkreten, detaillierten und glaubwürdigen" Pläne, wie die 24.000 Betroffenen wieder in ihre Häuser in Sur ziehen könnten, sagte der Türkei-Experte der Menschenrechtsorganisation, Andrew Gardner. Die in Teilen Surs nach wie vor geltende Ausgangssperre müsse umgehend aufgehoben werden. Außerdem müssten die betroffenen Familien entschädigt werden, verlangte Gardner.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Dezember 2016 um 03:00 Uhr

Darstellung: