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Wenn Nachrichten zur Waffe werden Alles Lüge - oder was?

Stand: 24.10.2015 17:07 Uhr

Eine Doppelhinrichtung beim IS, ein Foto des toten IS-Führers Baghdadi, ein Kind im ukrainischen Bürgerkrieg: alles Fake-News, die sich im Internet schnell verbreiten. Nie war es so leicht, Propaganda zu verbreiten. Was ist wahr, was ist Lüge? Und wie können sich Nachrichtenredaktionen vor Falschmeldungen schützen?

Von Klaus Scherer, NDR

"Die Polizei lügt", schrieb der Zuschauer nach dem Mordanschlag auf die Redaktion der Pariser Zeitschrift "Charlie Hebdo". Wenn schon die Bilder der angeblichen Fluchtautos gefälscht seien, warum soll man den ganzen Rest noch glauben? Dazu schickte er zwei Fotos, auf denen die Außenspiegel des schwarzen Kleinwagens kreisförmig markiert waren: Einmal sei darauf der Spiegel schwarz und einmal weiß. Es könne unmöglich derselbe Wagen sein. Lügenpresse. Klarer Fall.

Julien Pain, Forensik-Redakteur beim Nachrichtenkanal "France24", der rund um die Uhr auf Englisch, Französisch und Arabisch sendet, ist solche Mails gewohnt. Und er nimmt sie ernst. "Auf dem zweiten Foto reflektierte der Lack das Sonnenlicht und erschien deshalb heller", erklärt er. Noch Fragen? "Früher glaubte man uns, weil wir für renommierte Marken arbeiten. Wir waren 'Le Monde', 'France 24' oder die 'ARD'. Aber das ist vorbei", sagt er uns. Vor allem junge Leute misstrauten heute Journalisten. "Deshalb müssen gerade wir nachweisen, wie wir handwerklich arbeiten. Wir müssen auch Verschwörungstheoretikern erklären, warum wir recht haben und nicht sie." 

Eine Hinrichtung, die keine ist

Ortswechsel: Berlin, Bundesnachrichtendienst (BND). Es ist das erste Mal, dass ein TV-Team den Experten über die Schulter schaut, die täglich Propagandavideos der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sichten. Meist bluttriefendes, brutales Zeug.

IS nutzt gefälschte Videos und Fotos als Propagandamittel
tagesschau 17:00 Uhr, 24.10.2015, Klaus Scherer, NDR

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Doch ein Clip fällt aus der Reihe. Darin brüstet sich die Terrortruppe mit einer angeblichen Doppelhinrichtung russischer Spione durch einen etwa zwölfjährigen Jungen. Sowohl deutsche als auch internationale Print- und Online-Medien hatten das Video Anfang des Jahres zitiert, manche nicht einmal im Konjunktiv. Auf den Bildern wirkt der Junge blass. Schon die Armbanduhr scheint viel zu groß an der Kinderhand. Von der schweren Pistole, die sie umklammert, nicht zu reden. Neben ihm posiert ein bärtiger IS-Kämpfer in Kampfanzug. Davor knien die beiden kahlrasierten Opfer.

Wer genau hinsieht, erkennt, dass alle offenbar frisch gebügelte Kleidung tragen. Die BND-Leute analysieren Bild für Bild. Wie der Junge die Waffe hebt und den Männern nacheinander auf den Rücken richtet, wie er abdrückt und sie ins Gras sinken. Dann kommen sie zum überraschenden Ergebnis. "Wir können ausschließen, dass diese Männer während dieser Aufnahmen ermordet wurden", sagt uns ein BND-Experte. Tatsächlich sind weder Kugeln zu erkennen, die den Pistolenlauf verlassen, noch Einschusswunden, wo sie hätten treffen müssen. Was aber könnte der Grund für eine inszenierte Hinrichtung gewesen sein? Vielleicht wollte man so nur neue Kinderkämpfer anwerben, heißt es beim BND, oder es sollte ein Signal an wirkliche Spione sein.

Angebliches Video von IS-Kämpfern in Rakka | Bildquelle: AFP
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Angebliches Video von IS-Kämpfern in Rakka. Viele Nachrichtenredaktionen haben längst Verifikatoren, um die Echtheit solcher Videos zu prüfen.

Mehr Quellen, mehr Wahrheit, mehr Lügen

Was ist wahr, was ist gefälscht? Und wie können sich Qualitätsnachrichten wappnen, um das eine vom anderen zu trennen? Seit die Euphorie über das Internet als demokratische Errungenschaft verflogen ist, fassen Redaktionen den Wandel eher so zusammen: mehr Quellen, mehr Ausspielwege, mehr Wahrheit, mehr Lügen. Viele stellen eigens Mitarbeiter ab, um Online-Material zu prüfen. Ein Handy-Video brachte so ans Licht, wie Saudi-Arabien einen Blogger mit Schlägen bestrafte. Details hatte die Tagesschau zuvor verifiziert: Das Wetter entsprach den Wetterdaten, die örtliche Moschee war erkennbar, die Polizeiuniform stimmig.

Was aber, wenn es derlei Details nicht gibt? "Wir nehmen eher in Kauf, dass wir mit einer wahren Meldung zu spät sind, als dass wir einer Fälschung aufsitzen, nur weil es andere tun", sagt BBC-Fachmann Chris Hamilton und zeigt uns reihenweise gefälschte Bilder, vom mit Photoshop bearbeiteten Hurrikanwirbel "Sandy" über New Yorks Freiheitsstatue bis zum angepriesenen Mitschnitt aus der sinkenden "Costa Concordia", in dem das Schiffsmobiliar hin und her purzelt. "Man wusste, dass sie nicht im Sturm gesunken ist, sie schaukelte nie", sagt Hamilton. Er sieht das Problem auch bei den Usern. "Die Leute teilen Dinge viel zu schnell, ohne nachzudenken, ob sie schlüssig sind", sagt er. Schon in traditionellen Medien sei es schwer gewesen, Irrtümer zu korrigieren. Im Netz aber verbreiteten sie sich auch dann noch, wenn sie längst widerlegt seien.

Jede Menge Fake-Beispiele

Das "France24"-Forensikteam um Julien Pain gilt als das erfahrenste der Branche. Die Fake-Beispiele, die es auflistet, sind imposant. Sie reichen von einer Fotomontage, die den toten IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi zeigen soll, über das mit Photoshop bearbeitete "US-Army"-Tatoo auf dem Unterarm eines IS-Kämpfers bis zum schmutzverschmierten Mädchen, das prorussische Aktivisten als Kriegsopfer ukrainischer Truppen präsentierten, das in Wahrheit aber nur in Australien einen Fotowettbewerb gewann. "Das herauszufinden kostet Geld und Zeit", sagen die France24-Kollegen. "Darauf hat sich unser Haus eingestellt."  

Wie die Nachrichtenwelt ohne Handwerk aussieht, malt uns in Washington CNN-Veteran Frank Sesno aus, der an der George Washington Universität lehrt. "Die Schleusenwärter-Rolle der Redaktionen geht mehr und mehr verloren", sagt er. "Im Netz fragt keiner, was ist Nachricht, was ist Hass, was  kommt ins Blatt, was auf den Müll?" Das Problem mit dem IS sei auch, dass nunmehr jeder von irgendeiner Höhle aus eine Enthauptung in die ganze Welt senden könne.

Frank Sesno, Journalist, zur Auswirkung mobiler Nutzung auf die Medienwelt (engl.)
Alles Lüge oder was?, 22.10.2015, Klaus Scherer, NDR

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Sesno beobachtet aber noch einen Wandel. "Mehr als die Hälfte der Amerikaner empfängt Nachrichten heute per Smartphone", sagt er. "Du gehst also nicht mehr zweimal am Tag an deinen großen Bildschirm, sondern zwanzig Mal an den kleinen und konsumierst Häppchen." Die Inhalte würden mithin kürzer, plakativer und weniger substanziell. Zwar gebe es Nischen für ausführliche Geschichten, aber der Markt zersplittere.  

Welche Rolle spielt das Publikum, das diesen Trend ja offenbar wünscht? "Es wird auch künftig zu schätzen wissen, wer ihm gute Matratzen verkauft und welcher Wetterbericht zuverlässig ist", sagt Sesno. "Wenn es aber um Politik geht, ist das, was jeder wissen sollte, und das, was er nur gerne hört, nicht unbedingt dasselbe. Wofür sich die Leute da entscheiden, sollte uns sorgen."

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