Demonstranten in Aleppo | Bildquelle: REUTERS

Lage in Aleppo Hoffnung für Kranke und Verwundete

Stand: 21.10.2016 02:22 Uhr

Hunderttausende Zivilisten sind im Osten Aleppos eingeschlossen. Der heutige Tag könnte zumindest für einige die Rettung bedeuten: Helfer der Vereinten Nationen wollen erstmals Verwundete und Kranke aus der Stadt herausholen. Doch nicht alle möchten weg.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Sie sind krank, haben schwere Schussverletzungen und ringen mit dem Tod. Eigentlich gäbe es für sie keine Hoffnung - die medizinische Versorgung ist in Ost-Aleppo faktisch zusammengebrochen. Doch der heutige Tag könnte die Rettung bedeuten: Die Vereinten Nationen haben angekündigt, erstmals Verwundete und Kranke aus Aleppo herauszuholen. 

Endlich habe man grünes Licht von allen Seiten, so UN-Koordinator Jan Egeland. Seit längerem hatten die Vereinten Nationen versucht, für den Einsatz Sicherheitsgarantien von allen Kriegsparteien zu erhalten, um ihre humanitären Helfer nicht zu gefährden. Jetzt sicherten die russische und syrische Regierung sowie die kämpfenden Gruppen innerhalb Aleppos der UN freies Geleit zu.

"Es wird ein sehr gefährlicher Einsatz", sagt Egeland. "Und vieles kann immer noch schief gehen, das lehrt uns unsere Erfahrung. Aber wir hoffen und beten, dass Russland, die USA und ihre jeweils Verbündeten in Syrien es uns möglich machen, diese so wichtige humanitäre Mission durchzuführen."

Lebensmittel werden knapp

Die Helfer wollen sich zunächst auf rund 200 Schwerverletzte konzentrieren. Was mit ihnen geschieht, entscheiden die Betroffenen oder ihre Angehörigen selbst. "Wir lassen ihnen die Wahl, in welche Klinik wir sie bringen", sagt Egeland. "Entweder in den von der Regierung kontrollierten Westteil Aleppos oder nach Idlib - die Stadt wird von den Aufständischen gehalten."

Die täglich jeweils elfstündige Feuerpause von Russland und der syrischen Armee geht nun in den zweiten Tag - sie wurde gestern verlängert. Man wolle Zivilisten die Möglichkeit geben, Aleppo zu verlassen, hieß es von russischer Seite. Schätzungen zufolge leben noch etwa 275.000 Menschen im umlagerten Ostteil Aleppos, die Zivilisten leiden unter ständigem Beschuss und mangelnder Versorgung - auch Lebensmittel werden knapp. Unter den Opfern des russisch-syrischen Bombardements waren in den vergangenen Wochen Hunderte Kinder.

Gestern hatten die syrischen Streitkräfte und Russland offenbar mehrere Korridore geschaffen, über die Zivilisten aus der Stadt gelangen könnten. In Lautsprecherdurchsagen wandte sich die syrische Regierung direkt an die Menschen der Stadt. "Liebe Familien in Ost-Aleppo", schallte es durch die Straßen der Stadt, "wir kündigen eine humanitäre Feuerpause an". "Wir garantieren freien Abzug. Nutzen Sie die Gelegenheit und bringen Sie Ihre Familien in Sicherheit!"

"Sie wollen keine Flüchtlinge werden"

Doch trotz der ausgerufenen Feuerpause kam es zu neuen Kämpfen - unter anderem nahe der vermeintlichen Hilfskorridore. Die syrische Armee und die Aufständischen machten sich gegenseitig für den Bruch der Waffenruhe verantwortlich. Der Sprecher einer Rebellengruppe erklärte, Scharfschützen von Machthaber Assad hätten die Region um die Hilfskorridore unter Beschuss genommen, um gezielt Flüchtende zu erschießen. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur dagegen vermeldete, die Terroristen hätten zuerst angegriffen.

Einige Zivilisten, die offenbar versucht hatten, Aleppo zu verlassen, wurden durch die neuen Gefechte daran gehindert. Der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, zeigte sich skeptisch, ob überhaupt viele Familien Ost-Aleppo verlassen wollen. "Wir haben in Ost-Aleppo vielleicht 7000 Kämpfer und bis zu 275.000 Zivilisten, darunter 100.000 Kinder. Die Stimmen dieser Zivilisten müssen gehört werden - und zwar nur diese Stimmen", sagte de Mistura. "Wie ich höre, wollen die Menschen ihr Zuhause nicht verlassen. Sie wollen keine Flüchtlinge werden. Sie fordern, dass die Bombardements aufhören - und das gilt für alle Kriegsparteien."

"Denkt nach und entscheidet"

Der Plan von Assad und seinem Verbündeten Putin ist ein anderer: Sie wollen offenbar möglichst viele Rebellen zur Aufgabe bewegen. Die Luftwaffe warf Flugblätter über der Stadt ab, die an die Aufständischen adressiert waren: An die, die Waffen tragen, heißt es wörtlich auf den Zetteln: "Denkt nach und entscheidet. Wir sind bereit!"

Beobachter sagen, die Aussage sei bewusst doppeldeutig gehalten: Entgegenkommen und Drohung zugleich. Wer jetzt nicht seine Waffen niederlegt, könnte in Aleppo ein Inferno erleben. Russland zieht gerade von allen Seiten seine militärischen Kräfte in der Region zusammen. Und auch die syrischen Streitkräfte konzentrieren sich ganz auf Aleppo. Denn Assad ist von seinem eigentlichen Ziel keinen Millimeter abgerückt: Er will Aleppo wieder vollständig unter seiner Kontrolle haben. Die zweitgrößte Stadt Syriens gilt als Schlüssel für die Frage, wer den Krieg in Syrien gewinnt.

Aleppo: UN will heute Verwundete retten - Frühsammel
A. Osius, ARD Kairo
20.10.2016 22:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Oktober 2016 um 5:20 Uhr

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