Ein Bus der syrischen Regierung zur Evakuierung von Zivilisten in Ost-Aleppo. | Bildquelle: AFP

Evakuierung von Ost-Aleppo Die Busse bleiben leer

Stand: 14.12.2016 10:07 Uhr

Eigentlich sollten jetzt die Zivilisten aus Ost-Aleppo evakuiert werden. Es stehen wohl auch Busse bereit - genutzt werden sie aber nicht. Die Lage ist unklar. Die USA und die Vereinten Nationen sind nach eigenen Angaben nicht vor Ort im Einsatz.

Rebellen und Zivilisten in Aleppo warten weiter darauf, den Ostteil der syrischen Großstadt auf sicherem Weg verlassen zu können. Die Evakuierungen sollten nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte eigentlich in den frühen Morgenstunden beginnen, verzögerten sich aber um mehrere Stunden. Es gibt Berichte von oppositionsnahen Medien, wonach sich die Evakuierung bis Donnerstag verzögern könnte.

Die Situation im Ostteil der Stadt ist aktuell undurchsichtig. So warteten nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP im zwischen Rebellen und syrischen Regierungstruppen geteilten Viertel Salaheddin etwa 20 Busse stundenlang auf ihren Einsatz. Zivilisten oder Rebellen waren aber nicht zu sehen. Weder von Seiten der Rebellen noch von der syrischen Regierung oder aus Moskau gab es dafür zunächst eine Erklärung. Am Dienstagabend waren bereits sechs Busse nach Salaheddin gefahren, kamen aber leer zurück.

Mit gepackten Taschen im Regen

Andernorts sollen Menschen mit gepackten Taschen durch den strömenden Regen gezogen sein, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Menschen sollen berichtet haben, dass die Busse nicht an den vereinbarten Stellen gestanden haben.

Für viele sei es "sehr schmerzvoll", ihre Heimat verlassen zu müssen, sagte der Aktivist Abdulkhafi al-Hamdo. "Wir können zwischen zwei sehr schwierigen Möglichkeiten wählen: Unter der Kontrolle des Regimes zu bleiben ist schlimmer als die Hölle. Aber die Vertreibung selbst ist die Hölle", sagte er. Ein anderer Aktivist ergänzte: "Wir wissen nicht, ob wir zurückkommen können." Viele Einwohner befürchten Racheakte des Regimes, sollten sie in die Hände von Regierungstruppen fallen.

Drei Kinder gehen gemeinsam durch die Straßen von Aleppo. | Bildquelle: REUTERS
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Kinder in Aleppo: Viele Zivilisten ziehen mit ihrem Hab und Gut durch die Straßen.

Anderslautende Berichte aus Russland

Entgegen der Korrespondentenberichte aus Aleppo teilte Russland laut russischer Agentur Interfax mit, dass bereits 6000 Zivilisten Aleppo verlassen hätten. Die Vereinbarung zur Evakuierung von Ost-Aleppo war am Dienstag von Rebellengruppen verkündet und von Russland und der Türkei bestätigt worden.

Die USA und die Vereinten Nationen sind nach eigenen Angaben nicht in die Evakuierung Aleppos mit einbezogen worden. Die UN boten aber ihre Hilfe an. Kritischere Töne kamen aus Washington: "Selbst wenn dies das Ende der Belagerung von Aleppo ist, ist es nicht das Ende des Krieges in Syrien. Er wird weitergehen. Die Opposition wird weiter kämpfen", sagte der Sprecher des US-Außenministeriums John Kirby.

Wird "freies Geleit" gewährt?

Nach jahrelangen Kämpfen hatten die Rebellen ihren Widerstand in Aleppo aufgegeben. Die Metropole befindet sich nach russischen Angaben nach einer Einigung auf einen Waffenstillstand wieder vollständig unter Kontrolle des syrischen Militärs. Die Aufständischen hatten angekündigt, die wenigen noch von ihnen gehaltenen Viertel im Osten der Stadt zu räumen. Alle eingeschlossenen Zivilisten würden in Sicherheit gebracht. Russland sprach von einer Abzugserlaubnis für die Rebellen und ihre Familien. Diese erhielten "freies Geleit" und könnten gehen, wohin sie wollen.

Ob dieses Versprechen eingehalten wird, ist allerdings unklar. Die Vereinten Nationen hatten regierungstreuen Truppen vorgeworfen, in den vergangenen Tagen der Offensive mindestens 82 Zivilisten getötet zu haben.

Der UN-Botschafter Syriens wies Vorwürfe zurück, das syrische Militär habe sich an Zivilisten gerächt. Die syrischen Kräfte hätten die Bürger im Osten der Stadt von "Terroristen" befreit, sagte Baschar Dschaafari. Die Regierung überprüfe die Identität der Menschen, die Aleppo verließen, um Terroristen und ausländische Kämpfer auszumerzen. Einige von ihnen hätten sich als Frauen verkleidet.

Noch hunderttausend Eingeschlossene

Nach Angaben der Hilfsorganisation Médecins du Monde (Ärzte der Welt) sind noch etwa 100.000 Menschen auf einem Gebiet von lediglich fünf Quadratkilometern im Osten der Stadt eingeschlossen. Bisher sind nach Angaben der Beobachtungsstelle, die sich auf ein Netz von Aktivisten in Syrien stützt, bereits mehr als 130.000 Zivilisten aus Ost-Aleppo geflohen.

Die Türkei kündigte an, dass sie ein Zeltlager für bis zu 80.000 Flüchtlinge aus Aleppo aufstellen wolle. Vize-Ministerpräsident Mehmet Simsek gab dies im Onlinedienst Twitter bekannt. Nähere Einzelheiten nannte er nicht.

Syrische Soldaten laufen durch einen zerstörten Teil von Aleppo. | Bildquelle: AP
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Syrische Soldaten in Aleppo: Wann wird die Evakuierung abgeschlossen sein?

Ban attestiert UN Kapitalversagen

Nahezu seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien vor gut vier Jahren war die frühere Handelsmetropole Aleppo geteilt zwischen Regierungstruppen im Westen und der Opposition im Osten. Im Sommer kappte die syrische Armee dann zunächst die letzten Versorgungswege in die Rebellengebiete, vor einem Monat begann sie eine Großoffensive mit Hilfe russischer Kampfflugzeuge. Die humanitäre Lage in der Stadt war nach Angaben von Hilfsorganisationen katastrophal.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte seiner Organisation angesichts der Situation Versagen bei der Lösung des Konflikts in Syrien attestiert. "Wir alle haben die Menschen in Syrien bislang kollektiv hängenlassen", sagte Ban bei einer kurzfristig einberufenen Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats gestern in New York. "Dieses Versagen zwingt uns, mehr zu tun, um den Menschen in Aleppo jetzt unsere Solidarität zu zeigen."

Zivilisten fliehen aus Ost-Aleppo
Morgenmagazin, 14.12.2016, Stephan Lenhardt, SWR

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Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 14. Dezember 2016 ab 05:37 Uhr.

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