Zerstörte Häuser in Aleppo | Bildquelle: dpa

Krieg in Ost-Aleppo "Eine Katze führte zu der Leiche"

Stand: 05.12.2016 03:00 Uhr

Überall lägen Leichen, er fürchte, aus Versehen auf eine zu treten, sagt Abu Jaafar, Chef des Leichenschauhauses in Ost-Aleppo. Viele Opfer können nicht identifiziert werden - und nicht begraben, "denn die Friedhöfe sind absolut voll".

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Mohammed Abu Jaafar hat schon viel Schreckliches erlebt, als Chef der "Tababa", der Behörde in Ost-Aleppo, die Totenscheine ausstellt und das Leichenschauhaus verwaltet. Doch dieser Vorfall war zu viel für ihn: "Im Viertel Tal al-Zarazir wurde ein Körper deshalb gefunden, weil eine Katze ihn fraß. Eine Katze führte zu der Leiche", erzählt er. Als damals eine Frau zu ihm kam, um diesen Fund in einem Graben zu melden, brach er in Tränen aus, berichtet Mohammed Abu Jaafar. Noch immer ist die Identität dieses Toten ungeklärt.

Seit der Krieg vor vier Jahren auch Aleppo erreichte, sind mehr als 20.000 Einwohner der Stadt ums Leben gekommen, rund 80 Prozent davon im Osten, dem Teil, der in der Hand von Aufständischen ist, so die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Großbritannien. Mithilfe von Aktivisten vor Ort zählt sie die Opfer auf beiden Seiten, so gut das geht.

Es fehlen Bagger, um Massengräber auszuheben

Jetzt schrumpft die Rebellenenklave schnell zusammen, jeden Tag gibt es neue Tote, und Mohammed Abu Jaafar weiß nicht mehr, wo man sie noch bestatten könnte. Der alte Hauptfriedhof in Ost-Aleppo war vor einem Jahr voll, ein neuer füllte sich in der vergangenen Woche, zwei kleinere sind ebenfalls belegt.

"Seit zwei Tagen haben wir keinen Platz mehr, wo wir noch Tote begraben könnten. Die Friedhöfe sind absolut voll. Auch der Friedhof des Leichenschauhauses kann keine weiteren Leichen mehr aufnehmen. Wir schauen uns nach einem neuen Stück Land um, aber wir haben nicht die Ausrüstung, um Gräber auszuheben", berichtet er. Abu Jaafar spricht von Massengräbern - dafür bräuchte man Bagger.

Niemand holt die Leichen von den Straßen

Allein während der vergangenen Tage kamen bei Angriffen der Regierung mindestens 50 Menschen ums Leben, mitten auf der Straße, die Menschen hatten vor der Gewalt fliehen wollen. Häufig kommt dann niemand, um die Leichen von der Straße zu holen, für Rettungswagen ist das zu gefährlich oder das Benzin ist ausgegangen. Bilder zeigen die Toten auf dem Asphalt, daneben die verwaisten Taschen mit den Habseligkeiten der Opfer, nach ein paar Tagen beginnt die Verwesung.

Mohammed Abu Jaafar sagt, mittlerweile lägen Tote überall, er habe Angst, aus Versehen auf eine Leiche zu treten. "Ich habe jetzt 20 bis 25 Leichen aus verschiedenen Teilen von Alepppo, bei denen wir nicht wissen, wo wir sie begraben sollen", so der Chef des Leichenschauhauses.

Die meisten sind vermutlich Zivilisten

Das sind Opfer aus der vergangenen Woche, Menschen, die die Bodenoffensive der Regierung nicht überlebt haben. Dazu liegen in Abu Jaafars Leichenschauhaus bereits 70 weitere Tote, Menschen, die den Luftangriffen vor der Bodenoffensive zum Opfer gefallen waren. Und alle konnten bisher nicht identifiziert werden. Allerdings vermutet man, dass es sich um Zivilisten handelt, denn die Kämpfer begraben ihre Gefallenen selbst.

Und die Toten bei den Gesundheitsstationen zu verwahren, die man in Kellern eingerichtet hat? Geht auch nicht, sagt Abu Jaafar, denn das fiele auf: Die Informanten und Kollaborateure, die das Regime in Ost-Aleppo hat, würden die Standorte der Untergrund-Kliniken sofort melden, damit auch diese angegriffen und zerstört werden können.

Fast schon glücklich kann sich der schätzen, der ein Stückchen Land hat. Zakaria Amino, Vize-Chef des Stadtrats von Ost-Aleppo, sagt, schon seit einer ganzen Weile beerdigten Menschen ihre Toten einfach im Garten.

Ostaleppo ohne Platz für die Toten
C. Kühntopp, ARD Kairo
05.12.2016 09:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Dezember 2016 um 18:29 Uhr

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