Ein Junge im Westteil von Aleppo | Bildquelle: AFP

UN-Sicherheitsrat zu Syrien Eine Katastrophe, zwei Sichtweisen

Stand: 01.12.2016 10:50 Uhr

Wieder konnte sich der UN-Sicherheitsrat nicht auf eine Feuerpause für Aleppo einigen. Russland stellte sich quer - und lieferte seine Sicht auf den Syrienkrieg. Das Leid der Menschen geht damit weiter. Die UN warnen vor einem "gigantischen Friedhof".

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Warum? Das eine Wort machte die Runde durch das weite Rund des Sicherheitsratssaales in New York. Warum? 100.000 Kinder eingeschlossen, belagert, hungernd in Aleppo. Fast eine halbe Million Tote in mehr als fünf Jahren Krieg in Syrien. Körper zerschunden, zerquetscht unter Trümmern, Ärzte ohne Medizin. Kinder, die ihre Schulfreunde sterben sahen.

"Kinder fragen uns warum. Wir fragen uns: warum?", sagt Geert Cappelaere von UNICEF. "Syriens Kinder, gefangen in einem einzigen Alptraum", so der zuständige Regionaldirektor vor den 15 Mitgliedern des Sicherheitsrats. Kinder unter fünf Jahren würden nichts anders als Krieg in ihrem Leben kennen. UN-Nothilfekordinator Stephen O'Brien, auch er mit dem einen Wort auf den Lippen: "Warum um alles in der Welt kann dieser Sicherheitsrat sich nicht einigen, dieses Leiden zu beenden. Warum?"

Zwei Wahrheiten, zwei Welten

Warum? Dazu gab es auch in dieser von Frankreich und Großbritannien beantragten Dringlichkeitssitzung zwei Wahrheiten, zwei Welten. "Warum?", fragt der britische UN-Botschafter Matthew Rycroft: "Ganz einfach: Russland hat wieder und wieder per Veto verhindert, dass dieser Sicherheitsrat sich einig ist, den Krieg zu beenden."

Warum? Die amerikanische UN-Botschafter Samantha Power schaut ihrem russischen Kollegen Witali Tschurkin direkt ins Gesicht: "Weil Russland, ein ständiges Mitglied des Sicherheitsrats, es nicht will. So einfach ist das."

Aber was ist noch einfach in Syrien? Ägypten, Spanien und Neuseeland haben einen Resolutionsentwurf zur Abstimmung gestellt. Zehn Tage Feuerpause, sofortiger Zugang der humanitären Helfer. Russland aber will weitere Beratungen und sagt: hastige Resolutionen? Auch keine Lösung. Und Russlands Botschafter Tschurkin sagt noch mehr: Die UN könne doch nach Aleppo. Die größte Zugangsstraße, die Castello Road, sei frei.

Russland spricht von "Terroristen"

Die aktuelle Dringlichkeitssitzung sei ein verzweifelter Versuch, die "Terroristen" in Ost-Aleppo vor der Vernichtung zu bewahren sagt Tschurkin, auch mit Blick auf die USA. Dass der Westen jetzt humanitäre Fragen im Sicherheitsrat bespreche, sei nur ein Vorwand, um die eigene politische Agenda für einen Regimewechsel in Syrien voranzutreiben. So sieht der russische Botschafter die Dinge.

Allein im Westteil Aleppos aber seien mittlerweile 400.000 Binnenflüchtlinge, berichtet UN-Nothilfekoordinator O'Brien. 25.000 seien aus dem Ostteil der Stadt geflohen. 700.000 weitere Syrer seien in anderen Orten des Landes belagert und würden sich angesichts des Vorgehens in Aleppo jetzt fragen: Trifft es uns als nächste?

Menschen bei Aleppo auf der Flucht | Bildquelle: AP
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Tausende fliehen aus dem Ostteil Aleppos.

Grauenhafte Bilder

Die Bilder sind jedenfalls grauenerregend. Die amerikanische UN-Botschafterin fordert die Kollegen im Saal, aber auch - so sagt sie - alle Bürger der Welt auf, sich die Bilder anzuschauen: Zivilisten sind zu Fuß unterwegs, sie hätten ihre Koffer noch in der Hand, niedergemäht lägen sie dort neben ihren Habseligkeiten.

Zwei Wahrheiten, keine Lösung, keine Resolution. Nur Vorwürfe und mittendrin ein verzweifelter UN-Nothilfekoordinator O'Brien mit einer ebenso schlichten wie offenbar unmöglichen Bitte: "Im Namen der Menschlichkeit, wir bitten, wir flehen, tut alles, um humanitären Helfern Zugang zu gewähren, bevor aus Aleppo ein einziger großer Friedhof wird."

Aleppo - UN warnen vor "gigantischem Friedhof"

01.12.2016 09:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. Dezember 2016 um 11:00 Uhr.

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