das belagerte Aleppo | Bildquelle: REUTERS

Berichterstattung aus Ost-Aleppo Warum wir Männer wie Fadi brauchen

Stand: 10.08.2016 13:01 Uhr

Unabhängige Berichterstattung aus dem belagerten Ostteil von Aleppo? Unmöglich. Das ARD-Studio Kairo arbeitet daher mit Männern wie Fadi zusammen. Er lebt im Ostteil, kennt die Schleichwege und die Rebellen-Kommandanten. Ein Bericht über journalistische Arbeit in Zeiten des Krieges.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Fadi ist müde. Er war den ganzen Tag auf den Beinen mit seiner Foto-Kamera, hat dann die besten Video-Clips ausgesucht und per Internet überspielt. Dass im Osten Aleppos, wo nach jahrelangem Krieg ganze Straßenzüge in Trümmern liegen, Internet überhaupt möglich ist, grenzt an ein Wunder. Syrische Techniker der Opposition haben eine Möglichkeit gefunden, die Daten in die 30 Kilometer entfernte Türkei zu schicken. Dort werden die Videos, Mails und Skype-Gespräche aus den Rebellen-Vierteln ins Internet eingespeist. Den Zugang zum syrischen Netz hatte die syrische Führung für die Oppositions-Viertel schon 2012 gekappt.

Fadi Al Halabi war 17, als in Syrien der Bürgerkrieg begann. Er wollte eigentlich in Aleppo studieren, beschloss dann aber, als Medienaktivist zu bleiben. Zur Zeit arbeitet er immer wieder mal als freier Kameramann für das ARD-Studio Kairo. Dafür wird er natürlich auch bezahlt, so wäre es schließlich auch in Deutschland üblich. Fadi ist überzeugter Anhänger der Opposition, ein Gegner des Assad-Regimes, allerdings ohne Waffe. Er trägt eine Kamera. Sein Foto möchte er trotzdem nicht veröffentlicht sehen.

Leben im Bürgerkrieg in Ost-Aleppo
Mittagsmagazin, 09.08.2016, Volker Schwenck, ARD Kairo

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Warum mit Fadi?

Warum arbeiten wir überhaupt mit Fadi und ein, zwei anderen Aktivisten zusammen, die der syrischen Opposition nahestehen? Weil die Alternative wäre: gar keine Berichterstattung oder nur noch fremdes Material, das wir nicht beeinflussen können und dessen Autoren wir nicht kennen. Selber hingehen, mit eigenen Augen sehen - das ist leider, weltfremden Aufforderungen erboster Kommentatoren im Internet zum Trotz, nur unter extremen Risiken möglich, die ich nicht einzugehen gewillt bin und die ich auch keinem Kollegen zumuten kann.

Denn die Fakten sind diese: Man kann aus den Gebieten Syriens berichten, in denen Machthaber Bashar al Assad herrscht. Dafür gibt es ein Journalisten-Visum, Kollege Thomas Aders war die vergangenen Jahre "der Mann für Damaskus". Seine Berichte und sein Interview mit Assad haben die Lage in den vom Regime beherrschten Gebieten Syriens abgebildet. In der Regel wird einem Reporter, der auf der anderen, der Rebellen-Seite war, ein Visum verweigert. Darum gibt es Arbeitsteilung: ein Korrespondent fürs Regime, einer für die Opposition. Letzterer bin derzeit ich.

Rebellenviertel sind tabu

Nun kann man aber leider seit einiger Zeit in die Gebiete, die von der bewaffneten Opposition beherrscht werden, nur noch sehr eingeschränkt reisen. Syrien grenzt an Jordanien, Israel, den Libanon, die Türkei und den Irak. Aus dem Libanon fährt man in der Regel in die von der syrischen Führung beherrschten Gebiete, die libanesische Hisbollah unterstützt das Assad-Regime. In die von der Opposition beherrschten Gebiete kommt man so nicht. Aus dem Libanon kann man als Journalist mit offizieller syrischer Genehmigung und Visum nach Aleppo reisen - aber eben nur in den vom Regime beherrschten Westteil der Stadt. Die Rebellenviertel sind tabu.

Warum dann nicht direkt in Gebiete einreisen, in denen die Opposition herrscht? Also im Süden Syriens nahe Daraa, oder bei den Golanhöhen? Jordanien und Israel haben die Grenzen nach Syrien schon lange dicht gemacht, die Türkei vor mehr als einem Jahr ebenso. Seither ist die Anreise auch nach Nordsyrien, nach Azaz, Kobane, Idlib und Aleppo aus der Türkei nicht mehr möglich - zuletzt waren wir dort im Oktober 2014. Und selbst wenn man irgendwie die türkische Grenze hier überwände - seit die syrische Armee Aleppo im Norden eingeschlossen hat, kommt man da nicht mehr durch.

Volker Schwenck, ARD Kairo, zur Lage in Aleppo
Mittagsmagazin, 09.08.2016

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Auch die türkische Grenze ist dicht

Also von Westen nach Syrien, direkt ins Rebellen-Gebiet, Richtung Idlib: Das haben wir zuletzt Ende 2014 gemacht, damals konnte man hier die türkische Grenze noch legal überqueren, mit einer schriftlichen Erklärung, dass man es auf eigenes Risiko tut. Mittlerweile ist diese Grenze auch zu.

Überdies sind in den Oppositionsgebieten bei Idlib die Dschihadisten der ehemaligen Al-Nusra-Front, heute Jabhat Fatah al Sham, stark vertreten. Anders als gemäßigtere Oppositionsgruppen ist der einstige syrische Al-Kaida-Ableger nicht gerade für einen offenen Umgang mit westlicher Presse bekannt. Sogar Militärsprecher der bewaffneten Opposition raten westlichen Reportern von einer Reise in die Al-Nusra-/Jabhat-al-Fatah-Gebiete ab.

Bleibt die Anreise aus dem Irak: Das haben wir mehrfach gemacht, zuletzt im Mai. So kommt man in die Kurdengebiete bis nach Kobane und weiter über den Euphrat nach Manbij, doch spätestens dann beginnt das IS-Gebiet - Ende der Reise. So ist der Osten Aleppos für uns nicht zugänglich, selbst wenn die bewaffneten Assad-Gegner mittlerweile den Belagerungsring der syrischen Armee durchbrochen haben.

Ein wenig Kontrolle

Männer wie Fadi leben im Osten Aleppos. Sie kennen die sicheren Schleichwege, sie kennen die örtlichen Rebellen-Kommandanten. Denn natürlich sind Berichterstatter auch in den Oppositionsgebieten nicht ganz frei zu tun, was und wie sie es wollen. Das ist nie so in Krisengebieten, für niemanden. Aber Männer wie Fadi sind natürlich nicht im eigentlichen Sinne unabhängige Berichterstatter. Nun wird uns von einschlägigen Twitter-Usern und Internet-Kommentatoren ohnehin regelmäßig vorgeworfen, wir wären einseitig. "Öffentlich-rechtliche Medienhure", "Terror-Propagandist" gehört noch zu den netteren Schmähtiteln. Da scheint es ein gefundenes Fressen, wenn wir sogar ab und zu mit einem Kameramann aus der Oppositionsgegend zusammenarbeiten. Wir legen in jedem Film mit Bildern etwa von Fadi dar, wie dieser Kameramann politisch einzuordnen ist. Wir versuchen, transparent zu sein. Wir sagen ihm, was wir gerne gedreht hätten - das Leben der Zivilisten etwa - und welche Fragen wir haben. So haben wir ein wenig Kontrolle über das, was dort in unserem Auftrag geschieht.

Auch Journalisten sind keine Selbstmörder

Im Schnitt wählen wir aus, im Text versuchen wir, Informationen über die andere Seite einzubeziehen. Im ARD-Mittagsmagazin etwa: Seit Kämpfer der bewaffneten Opposition, ein Bündnis von Dschihadisten, Islamisten und gemäßigteren Gruppen, den Belagerungsring um Ost-Aleppo durchbrochen haben, verschlechtert sich nämlich die Versorgungslage im Westteil der Stadt, der vom Regime kontrolliert wird. Am Ende leiden Zivilisten in diesem Krieg, auf beiden Seiten.

Doch während auf der Regime-Seite eingeschränkt eigene Berichterstattung möglich ist, ist mir derzeit kein einigermaßen sicherer Zugang in die Rebellenviertel Aleppos bekannt. UN-Hilfsorganisationen können auch nicht hinein. Der Koordinator für UN-Nothilfe OCHA, Stephen O´Brien sagte: "Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sind mutig, aber sie sind keine Selbstmörder." Für Journalisten gilt das auch. Weil das so ist, brauchen wird auch in absehbarer Zukunft Männer wie Fadi, den Kameramann und Medienaktivisten aus Aleppo.

Wie werden Bilder aus dem Netz überprüft?

Auch wenn ARD-Korrespondenten keine Möglichkeit haben, selbst vor Ort zu filmen - die sozialen Netzwerke sind voll mit Bildern aus den Krisengebieten. Auf Twitter, youtube oder Facebook finden sich Augenzeugenberichte und Videos aus den Kriegsgebieten. Bevor diese Bilder von Korrespondenten verwendet und von der tagesschau gesendet werden, werden sie von der Redaktion gründlich geprüft: Kann man diesen Videos trauen, stammen sie von heute oder sind sie älter, ist die Quelle vertrauenswürdig?
Mit der Bilderrückwärts-Suche (http://www.amnestyusa.org/citizenevidence/) lässt sich feststellen, ob ein Video schon zuvor im Netz veröffentlicht wurde - oder ob es tatsächlich neu ist und noch nicht gezeigt wurde. Mit Hilfe von Google Maps (https://www.google.de/maps) oder Fotodatenbanken (http://www.panoramio.com/) lässt sich herausfinden, ob es sich auf den Bildern wirklich um den Ort handelt, von dem die Bilder sein sollen.
Wichtig ist auch, herauszufinden, wie vertrauenswürdig eine Quelle ist. Haben wir mit dieser Quelle schon zusammengearbeitet, wie gut ist sie in den sozialen Netzwerken vernetzt, wieviele Follower hat sie? Ein Twitterer mit einem neuen Account oder wenig Followern würde uns stutzig machen - es wäre ein Indiz, um nochmal genauer zu recherchieren, ob die gezeigten Bilder wirklich authentisch sind.
Michael Wegener, Verifikation

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