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Konkurrenz für US-Nachrichtensender "Al Dschasira America" geht an den Start

Stand: 20.08.2013 04:12 Uhr

Der arabische Nachrichtenkanal Al Dschasira ist in den USA an den Start gegangen - mit einem eigenen Angebot für den amerikanischen Markt. Die US-Sender CNN und FoxNews geben sich offiziell gelassen. Doch sie schauen genau hin.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington

Ehab al Shihabi | Bildquelle: AFP
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Ist an Meinungsmache und Infotainment nicht interessiert: Senderchef al Shihabi

Eine solch große Investition in den Fernsehjournalismus hat Amerika lange nicht mehr erlebt. Al Dschasira hat in seinem US-Hauptquartier in New York 400 Journalisten eingestellt, darunter ein Team aus 16 investigativen Journalisten. Zusätzlich wurden Korrespondenten-Büros in zwölf amerikanischen Städten eröffnet.

Als Moderatoren holte man bekannte Fernsehgesichter wie Soledad O`Brian von CNN oder John Seigenthaler, der früher bei NBC moderierte. All das hat sich die Regierung von Katar mehrere hundert Millionen Dollar kosten lassen.

Und wozu der ganze Aufwand? Um dem amerikanischen Fernsehpublikum endlich wieder Qualitätsjournalismus anzubieten, sagt der Chef von "Al Dschasira America", Ehab al Shihabi: "Das Besondere bei uns wird der faktenbasierte hintergründige Journalismus sein, mit vielen Dokus und investigativen Berichten."

Al Dschasira America geht an den Start
M. Ganslmeier, NDR Washington
20.08.2013 03:27 Uhr

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Live, live, live

Al Shihabi sieht hier eine echte Marktlücke, obwohl im US-Fernsehen kein Mangel an Nachrichtensendern herrscht. Marktführer FoxNews mache jedoch konservativen Meinungsjournalismus, MSNBC sende für das linksliberale Publikum. CNN versuche seine bröckelnden Quoten durch mehr Infotainment zu steigern.

Deshalb werde das US-Publikum dankbar sein für Al Dschasiras altmodisch-seriösen Fernsehjournalismus, meint Al Shihabi: "An Meinungsmache und Infotainment bin ich nicht interessiert."

Auf Parteiengezänk, Mordprozesse und Hollywood-Promis will "Al Dschasira America" ganz verzichten. Stattdessen wollen die Macher täglich 14 Stunden lang klassische Live-Reportagen von überall aus Amerika senden - auch aus Gegenden, die von US-Sendern vernachlässigt werden, wie zum Beispiel aus dem Indianerreservat in South Dakota.

Newsroom bei "Al Dschasira America" | Bildquelle: AFP
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400 Journalisten fanden bei dem Sender einen Job. Für den Newsroom wurden keine Kosten gescheut.

Regie beim Sender "Al Dschasira America" | Bildquelle: AFP
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Regieraum: Bevor es richtig auf Sendung geht, werden die Abläufe hier noch geprobt.

Nicht Geld ist das Problem

Abends und nachts gibt es Dokus und Nachrichtenreports. Und während US-Nachrichtensender im Schnitt 15 Minuten pro Stunde Werbung ausstrahlen, will Al Dschasira die Werbung auf sechs Minuten begrenzen. Mit den reichen Unterstützern aus Katar im Rücken ist Geld ohnehin nicht das Problem.

Eher schon das Image von Al Dschasira. Viele Amerikaner haben nicht vergessen, dass es Al Dschasira war, der nach dem 11. September 2001 die Videobotschaften von Osama bin Laden ausgestrahlt hat. Seitdem wird der Sender in den USA auch schon mal als "Dschihad-TV" oder "Taliban-TV" bezeichnet.

Doch auch dies kann den Chef des neuen Nachrichtensenders nicht abschrecken: "Ich bin sehr zuversichtlich. Wenn uns die Zuschauer erstmal kennen- und schätzenlernen, dann werden sie ein sehr treues Publikum."

Interesse an Reportagen aus der Provinz?

Schriftzug "Al Dschasira America" auf einem Schild am Eingang des Senders in New York | Bildquelle: AFP
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Letztes Blankputzen in der West 34th Street in New York.

Amerikanische Medienexperten sind skeptischer. Zwar erreicht "Al Dschasira America" durch den Kauf von Al Gores "Current TV" auf Anhieb mehr als 40 Millionen US-Haushalte. Allerdings findet man den Sender nicht auf den vorderen Programmplätzen, sondern irgendwo zwischen Kanalnummer 500 und 700.

Experten bezweifeln, ob die ohnehin wenig politikbegeisterten Amerikaner so gezielt nach "Al Dschasira America" suchen werden, um sich traditionelle Reportagen aus der amerikanischen Provinz anzuschauen.

Deshalb soll nach gelungenem Sendestart eine große Marketing-Kampagne folgen, kündigt al Shihabi selbstbewusst an: "Schließlich sind wir nicht als Mitläufer nach Amerika gekommen, sondern um zu gewinnen."

Dieser Beitrag lief am 20. August 2013 um 08:39 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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