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Klima
Alaska: Neue Golfplätze dank des Klimawandels
Reportage von der Küste Alaskas

Neue Golfplätze dank des Klimawandels

Rund um Alaska verlieren die Gletscher an Gewicht. Doch anders als in der Südsee sinkt die Wasserlinie - neues Land entsteht. Während Klimaschützer versuchen, Einwohnern den Treibhauseffekt zu erklären, streiten diese über das neugewonnene Land.

Von Klaus Scherer, ARD-Studio Washington

Wenn man im Kleinflieger über Alaska unterwegs ist, wirkt der Eisschild noch, als sei er für die Ewigkeit gedacht. Und unser Pilot, Charles Lecour, glaubt fest daran, obwohl Forscher längst voraussagen, dass es hier bald so wenig weiß sein könnte wie auf seinem Bordcomputer. "Über den Klimawandel finden Sie in Alaska alle möglichen Meinungen", sagt uns Charles. "Ich glaube, dass es immer Temperaturwechsel gegeben hat. Lange bevor die Weltpolitiker sich damit befassten. Also, was soll's?"

Der Mendenhall-Gletscher Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Auch der Mendenhall-Gletscher schrumpft. ]

In Alaska steigt das Land

Tatsächlich schrumpfen die Gletscher hier seit gut 200 Jahren und geben so immer mehr Felsen frei, selbst an der Küste, obwohl dort zugleich der Meeresspiegel steigt - eben wegen der Eisschmelze. Hier in Alaska jedoch steigt seltsamerweise auch das Land, auf dem wir wenig später aufsetzen. 

Der küstennahe Golfplatz von Gustavus etwa wächst so seit Jahrzehnten. Besitzer Morgan DeBoer hat den Neun-Loch-Parcours schon vor Jahren nahe der alten Uferlinie angelegt, wo das Meer einst Baumstämme anschwemmte. Inwischen wäre hier locker für neun weitere Löcher Platz. "Früher war das alles Schlammland, wo wir Enten jagten. Ein bisschen Strandgras und Treibholz, sonst nichts", erzählt DeBoer.

"Aber weil die Gletscher leichter werden", erklärt er uns, "hebt sich das Land wie ein Kissen, wenn man aufsteht. Und es steigt weiter, je mehr die Gletscher abschmelzen." Schön für die Golfspieler - aber nur wenn sie einfliegen wie wir. Den Schiffen macht der Landhub schon Probleme. Denn der Anleger reicht kaum noch bis zur Fahrrinne.

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Verstärkte Wirkung durch den Klimawandel

"Nirgendwo sonst auf der Welt geschieht das anschaulicher als hier", sagt uns Professor Roman Motyka von der Universität Süd-Alaska. "Die Gegend steigt hier um mehr als einen Zentimeter pro Jahr." Der weißblaue Eisschild habe bereits sichtbar an Größe und Gewicht verloren. Der Klimawandel jetzt verstärke dies noch.   

"Wie wollen Sie den Leuten beibringen, dass Klimawandel ein Problem ist?", fragen wir. "Da liegt es doch näher zu sagen, das ist eine gute Sache, das bringt uns neues Land." Doch Motyka entgegnet: "Nun ja, wir wissen, dass anderswo darunter Menschen leiden. Nicht nur auf den Pazifikinseln, auch in Bundesstaaten wie Lousiana oder Florida, wo sich beispielsweise Hurricanes heute viel stärker auswirken. Das Meer muss dort nicht mehr stark ansteigen, um Schäden anzurichten." 

"Ich sehe nicht, dass Klimawandel mich betrifft."

Was jedoch stark ansteigen müsste, meint nicht nur er, ist das Problembewusstsein vieler Amerikaner. "Ich bin nicht sicher, ob das wichtig ist", sagen einige junge Golfer frei heraus. "Ich sehe nicht, dass Klimawandel mich betrifft." "Wir kommen ja aus der Stadt." "Klimawandel? Das ging an mir vorbei." - "Heißt das, Ihr habt gar keine Meinung, was die Politik nun tun soll?" "Tun? Nein."

Blick ins Grüne statt auf Ebbe und Flut

Klaus Scherer (r.) mit Mary Lou und Jim King Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Klaus Scherer (r.) mit Mary Lou und Jim King ]
Für Anwohner auf Wassergrundstücken liegen die Dinge nicht so einfach. Das Bauland in Uferlage etwa, das Jim King und seine Frau Mary Lou einst kauften, endete damals an einem kleinen Deich. Dahinter war Wasser. Inzwischen blickt das Paar rundweg ins Grüne - egal, ob gerade Ebbe oder Flut herrscht. "Ursprünglich hatten wir nur die Ecke hier oben - ein Dreieck, das laut Grundbuch vom Meer begrenzt wurde", erklärt Jim.

Zweimal sei seitdem das Land neu vermessen worden, zeigt er uns die Markierungspfeiler. In den 60er-Jahren habe sich die Grundstücksgröße so verdoppelt. "Das war 1969. Seit dem Jahr 2003 reicht es noch viel weiter. Bis zu einem Bachlauf in der Talmitte." Sie hätten das nun einem Naturschutz-Verband anvertraut, berichten die Kings. Die Kinder, die hier mal geplanscht haben, sind eh aus dem Haus. "Als die im Schlamm spielten und die Zeit vergaßen, mussten wir sie immer holen, bevor die Flut sie überraschte", erzählt Mary Lou.

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Landgewinn - nicht immer ein Segen 

Den Fischern trocknen die Bootsrouten aus, Nachbarn streiten um Grenzverläufe und Zugangswege. Landgewinn durch Klimawandel - für Alaskas Hauptstadt Juneau nicht nur ein Segen. "Es gibt viele Konflikte", erklärt uns der Bürgermeister Bruce Botelho. "Natürlich ist immer die erste Frage, wem das neue Land nun zusteht, vor allem wenn es um Privatinteressen geht. Das zog sich mitunter bis vor Alaskas Oberstes Gericht."

Noch einmal treffen wir Professor Motyka, dem weiterhin die Gletscher näher sind als Grundstücksgrenzen. "Verliert mal nicht den Blick fürs Ganze", mahnt er. Das Tempo, mit dem das Eis zurückgehe, habe sich alarmierend erhöht. Zudem verlören die Gletscher nunmehr auch in ihren Zentren, wo sie einst über 1000 Meter dick waren, dramatisch an Substanz: "So schmelzen die Groß-Gletscher Alaskas, das Grönland-Eis bricht zusammen, die Antarktis droht zu verschwinden. Das alles erhöht weltweit den Meeresspiegel. Die Politik muss entweder die Welt dem anpassen oder alles tun, was die Erderwärmung mindern kann."

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Warme Winter und noch wärmere Sommer

Vor unserer Abreise sagt uns der Chef vom Golfplatz, dass sich das Wetter in Alaska schon spürbar geändert habe: "Wir hatten hier meist kalte, klare Winter, heute ist es viel wärmer. Wir hatten klare, warme Sommer, nun ist es auch da wärmer und regnet fast wie in den Tropen. Ein Klima, das du 800 Meilen weiter südlich erwarten würdest." Dass die Welt-Politik da noch die nötigen Ziele erreichen kann, hält er für ziemlich unwahrscheinlich.

Immerhin aber, der neue Präsident in Washington möge weiterhelfen, sagt er. Im Gegensatz zur Mehrheit in Alaska, die hier lieber nach mehr Öl bohren würde, als bloß Golflöcher, hoffe er auf die Politikwende Obamas. Und darauf, dass zumindest hoch oben noch ein paar der Gletscher überleben werden. 

Stand: 11.12.2009 14:20 Uhr

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