Newsroom des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira | Bildquelle: AP

Abstieg von Al Dschasira Einst Stimme der Unterdrückten - und heute?

Stand: 11.06.2017 10:52 Uhr

Al Dschasira war angesehen: Der Sender gab Unterdrückten eine Stimme und setzte den klinischen Kriegsbildern der USA etwas entgegen. Und heute? Vom Vorzeige-Journalismus ist nicht viel über. Das hat viel mit dem Geldgeber zu tun: dem Emirat Katar.

Von Sabine Rossi, ARD-Studio Kairo

Die Krise am Golf und die deutschen Vermittlungsbemühungen waren Freitagmittag der Aufmacher in den Nachrichten von Al Dschasira Arabic. Nur wenige Stunden zuvor hatte der Medienkonzern von massiven Cyberangriffen auf seine Nachrichtenseiten berichtet.

Al Dschasira spielt eine zentrale Rolle im aktuellen Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und weiteren arabischen Staaten auf der einen und Katar auf der anderen Seite. Saudi-Arabien und Jordanien haben die Büros des Senders geschlossen und die Lizenz entzogen.

Mitarbeiter verließen den Sender

Der einstige Leuchtturm des Journalismus in der Arabischen Welt ist in Ungnade gefallen. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Reporter, Redakteure und Korrespondenten dem Sender den Rücken gekehrt - so wie Ali Hashem. Er sagt: "Der Grund, warum ich Al Dschasira verlassen habe, ist die mangelnde Professionalität. Ich hatte das Gefühl, dass ich dazu gedrängt wurde, eine bestimmte staatliche Agenda zu bedienen, die Katars."

Rückblende: Vor gut 20 Jahren - am 1. November 1996 - war Al Dschasira über Satellit auf Sendung gegangen. Für die Zuschauer in der Arabischen Welt etwas völlig Neues: Statt der Propaganda des Staatsfernsehens sahen sie kontroverse Diskussionen, über die brennenden Fragen in der Region. Al Dschasira, das vom Emirat Katar finanziert wird, wollte den Unterdrückten eine Stimme geben, denen, die sonst nicht gehört werden.

Sender durch Kriegsberichterstattung bekannt

Schon bald sorgte der Sender über den Nahen Osten hinaus für Aufmerksamkeit: Exklusiv erhielt Al Dschasira die Botschaften von Al-Kaida-Gründer Osama Bin Laden, berichtete live von den Kriegen in Afghanistan, im Irak oder in Gaza zum Jahreswechsel.

Unter Einsatz ihres Lebens zeigten die Reporter das Leid der Menschen. Sie setzten den Bildern vom klinisch-sauberen Krieg der US-Streitkräfte und ihrer Verbündeten etwas entgegen, zeigten Tote und Verletzte, statt Soldaten und deren Blick durch die Nachtsichtgeräte. Al Dschasira leitete damit auch ein Umdenken bei Zuschauern im Westen ein.

Internationaler Medienkonzern

Als 2011 Demonstranten quer durch die Arabische Welt gegen die Langzeitmachthaber auf die Straße gingen, war Al Dschasira zu einem internationalen Medienkonzern herangewachsen. Auch diesmal stand der Sender aus Katar auf der Seite der Unterdrückten. Doch in den Jahren darauf verschob sich das mehr und mehr hin zu ausgewählten Gruppen, denen, die das Emirat finanzierte.

In Ägypten eröffnete Al Dschasira den Ableger Al Dschasira Mubashr Misr. Unkommentiert liefen dort rund um die Uhr Bilder von Demonstrationen zugunsten des 2013 abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi. Vielen in Ägypten gilt Al Dschasira seitdem als Sprachrohr der Muslimbrüder, von denen viele in Katar Unterschlupf fanden.

Al Dschasira selbst verteidigt sich, wieder und wieder. In einem Interview mit dem ARD-Studio Kairo sagt Al Anstey, 2014 einer der führenden Programmmacher bei der englischen Ausgabe von Al Dschasira: "Was unsere Journalisten machen, ist Journalismus. Ganz einfach! Und das ist festgelegt in Al Dschasiras interner DNA."

Objektive Bericherstattung nicht gewährleistet

Doch Al Dschasiras Journalismus ist zunehmend fragwürdig, überschreitet die Grenzen der möglichst objektiven Berichterstattung. So wie im Herbst 2015 im Syrienkrieg: Reporter waren live vor Ort, als die libanesischen Streitkräfte und die Nusra-Front Gefangene austauschten. Den Deal mit den Extremisten vom Schlage Al Kaidas hatte zuvor das Königshaus in Katar ausgehandelt.

Auch diesen Vorfall führen Kritiker heute an - gegen Katar und sein Medienimperium, allen voran Al Dschasira. Wie es mit dem Sender weitergeht, der Programme in der Türkei und auf dem Balkan unterhält, ist offen. Beobachter gehen davon aus, dass Katar zu Zugeständnissen gezwungen ist, will es die derzeitige Krise beilegen.

Leuchtstern im freien Fall: Katars Medienkonzern Al-Jazeera
S. Rossi, ARD Kairo
11.06.2017 09:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juni 2017 um 15:42 Uhr

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