Prozess gegen deutsch-türkischen Autor Akhanli kommt auf freien Fuß

Stand: 08.12.2010 20:36 Uhr

Aufatmen am ersten Prozesstag: Nach vier Monaten ist der türkischstämmige Kölner Schriftsteller Akhanli aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Damit ist er zwar noch nicht freigesprochen vom Vorwurf, an einem Raubmord beteiligt gewesen zu sein. Doch die Chancen steigen.

Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli ist zwar noch nicht freigesprochen, doch er kann die Türkei verlassen. So lautet das Urteil des ersten Prozesstages, wie sein Kölner Anwalt Ilyas Uyar mitteilte: "Er ist heute aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Wir werden ihn gleich abholen. Es ist leider nicht zu einem Freispruch gekommen, der eigentlich notwendig gewesen wäre. Wir sind aber optimistisch hinsichtlich des weiteren Verfahrens."

Dogan Akhanli
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Wird aus der Untersuchungshaft entlassen: Dogan Akhanli.

Akhanli war im August bei der Einreise in die Türkei festgenommen worden und saß seitdem in Untersuchungshaft. Die türkische Justiz hatte ihn wegen der Beteiligung an einem tödlichen Raubüberfall im Jahr 1989 sowie eines Umsturzversuches vor Gericht gestellt.

Dürftige Anklage

Die Anklage allerdings war nach Dafürhalten fast aller Beobachter ausgesprochen wackelig. Denn die Staatsanwaltschaft berief sich auf zwei Zeugen, die ihre Aussage unter polizeilichem Druck gemacht und später wieder zurückgezogen hatten. Allerdings geschahen die Widerrufe in einer Weise, die für die Justiz nicht verwertbar waren.

Durch die Verhandlung in Istanbul, erklärt ARD-Rechtsexperte Arndt Künnecke, seien sie jedoch verwertbar: "Das war genau das, womit man heute rechnen konnte, als man erfahren hat, dass die Zeugen geladen worden sind." Allein auf ihren Aussagen vor 20 Jahren basiere die Anklage - und die sei heute in sich zusammengebrochen. "Insofern ist die Aufhebung des Haftbefehls gerechtfertigt, und ich sehe auch kein Hindernis für einen Freispruch im März", ergänzt Künnecke.

Im Vorfeld der Verhandlung war aus Deutschland, aber auch von liberalen türkischen Zeitungen immer wieder der Vorwurf zu hören, in der Anklage der türkischen Staatsanwaltschaft wirke noch der Geist des Militärputsches von 1980, in dessen Folge Akhanli als linker Oppositioneller mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte.

"Eine rechtsstaatliche Atmosphäre"

Zur Verhandlung waren zahlreiche Unterstützer vor allem aus Köln gekommen, wo der Schriftsteller heute lebt, unter ihnen auch Günter Wallraff, der sich erleichtert zeigte: "Das ist eine große Freude. Man hat fast den Eindruck, dass das Gericht eine gewisse rechtstaatliche Atmosphäre hatte." Nur habe leider erst die große internationale Öffentlichkeit dies erreicht, fügte er hinzu.

Der Prozess gegen Dogan Akhanli wird nächstes Jahr fortgesetzt. Die nächste Verhandlung ist am 9. März.

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