Schriftsteller Dogan Akhanli | Bildquelle: picture alliance / Henning Kaise

Akhanli in spanischer Haft Türkei lässt deutschen Autor festnehmen

Stand: 19.08.2017 18:34 Uhr

Während eines Urlaubs in Spanien ist der türkischstämmige deutsche Schriftsteller Akhanli festgenommen worden. Grundlage ist ein Antrag der Türkei, die schon vor Jahren einen internationalen Haftbefehl erlassen hatte. Bundespolitiker reagierten empört.

Auf Betreiben türkischer Behörden ist der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli während eines Urlaubsaufenthalts in der spanischen Stadt Granada festgenommen worden. Was ihm vorgeworfen wird, ist noch unklar.

Wie sein Rechtsanwalt Ilias Uyar auf Facebook mitteilte, hätten örtliche Polizeibeamte angeblich bei einer Ausweiskontrolle festgestellt, dass gegen Akhanli eine sogenannte Red Notice vorläge, ein Dringlichkeitsvermerk von Interpol. Der 60-jährige türkischstämmige Schriftsteller, der nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, müsse nun damit rechnen, in Spanien festgehalten zu werden, bis über eine Auslieferung in die Türkei entschieden wird.

Mit einer "Red Notice" kann ein Land dazu auffordern, eine gesuchte Person vorläufig festzunehmen. Sie ist ein Suchauftrag im Namen von Interpol und kein internationaler Haftbefehl. Laut Interpol entscheiden die Länder selbst, wie sie mit einer "Red Notice" umgehen.

Das Auswärtige Amt kündigte an, auf die spanischen Behörden zuzugehen und sich um konsularischen Beistand für Akhanli zu bemühen.

Flucht nach Deutschland

Akhanli war 1991 nach Deutschland gekommen, nachdem er während der Militärherrschaft in der Türkei mehrere Jahre im Gefängnis gesessen hatte.

2010 wurde er bei der Einreise in die Türkei festgenommen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, 21 Jahre zuvor an einem Raubüberfall auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Der Besitzer war damals getötet worden. Nach vier Monaten wurde Akhanli aus der Haft entlassen, 2011 in Abwesenheit aus Mangel aus Beweisen freigesprochen. Zwei Zeugen hatten ihre Aussage unter polizeilichem Druck gemacht und später wieder zurückgezogen. Dieser Freispruch wurde 2013 wieder aufgehoben und ein internationaler Haftbefehl gegen den Schriftsteller erlassen.

Angriff auf eine kritische Stimme?

Rechtsanwalt Uyar bezeichnete den Haftbefehl als "eindeutig rechtsmissbräuchlich" und forderte die Freilassung seines Mandanten. Er warf dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor, er wolle seine Macht über die Grenzen seines Landes hinaus ausdehnen und weltweit gegen unliebsame und kritische Stimmen vorgehen. Dem "Spiegel" sagte er, der Vorfall sei eine "gezielte Jagd der türkischen Regierung auf kritische Köpfe im Ausland".

Akhanli ist Mitglied in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN. In seinen Werken setzt er sich mit der politischen Entwicklung in der Türkei in den 1970er- und 1980er-Jahren sowie mit dem Völkermord an den Armeniern auseinander. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich Akhanli in Menschenrechtsvereinen sowie in der deutschen und türkischen Erinnerungsarbeit.

"Erdogans Verhalten trägt paranoide Züge"

SPD-Chef und -Kanzlerkandidat Martin Schulz verurteilte die Festnahme: "Das Verhalten von Präsident Erdogan trägt inzwischen paranoide Züge", sagte er der "Bild am Sonntag". Es müsse "mit aller Vehemenz" darauf gedrungen werden, dass Akhanli nicht an die Türkei ausgeliefert, sondern schnellstmöglich freigelassen werde.

Martin Schulz @MartinSchulz
Verhaftung von Akhanli ist ein Skandal. Verhalten von Präsident Erdogan trägt inzwischen paranoide Züge. Brauchen klare europäische Antwort.

Nach Ansicht von Grünen-Chef Cem Özdemir muss die EU ihre polizeiliche Zusammenarbeit mit der Türkei überprüfen. "Es gilt jetzt, jeden Hinweis, der vom Erdogan-Regime kommt, genauestens zu prüfen, denn offensichtlich arbeitet die türkische Justiz nicht nach rechtsstaatlichen Prinzipien", sagte er dem "Tagesspiegel".

Cem Özdemir @cem_oezdemir
#EU muss Neubewertung der #Polizei-Zusammenarbeit mit #Türkei durchführen. Regimegegner keine Kriminellen. Dogan #Akhanli sofort freilassen. https://t.co/XjttrBNXV1

"Wie weit wollen wir Erdogan in Europa noch kommen lassen?", fragte Linkspartei-Chefin Katja Kipping auf Twitter.

Katja Kipping @katjakipping
Unglaublich! Ich fordere die sofortige Freilassung von #DoganAkhanli! Wie weit wollen wir #Erdogan in #Europa noch kommen lassen? https://t.co/ceZoI3gwPZ

Die Schriftstellervereinigung PEN erklärte, das Verfahren sei "eindeutig politisch motiviert". Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di forderte die spanischen Behörden auf, den Autoren keinesfalls an die Türkei auszuliefern und sofort freizulassen.

Der Journalistenverband DJV riet kritischen Kollegen, sich vor Auslandsreisen beim BKA über mögliche Haftbefehle oder Fahndungen im Ausland zu informieren. Die Festnahme sei als Warnung zu verstehen, sagte der Bundesvorsitzende Frank Überall: "Journalisten brauchen Klarheit darüber, ob ein unbeschwerter Urlaubstrip ins Ausland im Knast endet."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. August 2017 um 14:24 Uhr.

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