Bauern im ägyptischen Niltal vor der Wahl "Freiheit kann man nicht essen"

Stand: 20.11.2011 11:40 Uhr

Seit Monaten versuchen Aktivisten der Demokratiebewegung in Ägypten,  Dorfbewohner im Niltal für die Parlamtswahl in einer Woche für sich zu gewinnen. Doch an vielen Bauern scheint der Wahlkampf vorüberzugehen. Für sie reicht das Versprechen von Freiheit und Demokratie nicht aus. Dabei wird die Wahl auf dem Land entschieden: Dort leben die meisten der 83 Millionen Ägypter.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Da unten im Dorf hat es Anfang des Jahres keinen politischen Umsturz gegeben. Und jetzt, zum Jahresende hin, scheint auch der ägyptische Wahlkampf an den Bauern im Niltal vorüberzugehen. Wir sind 100 Kilometer südlich von Luxor, ein schmaler Pfad führt an schwarzglänzenden Äckern und Lehmhütten vorbei Richtung Ufer: "Ein Fremder im Dorf, ein richtiger Ausländer; das hat es hier schon lange nicht mehr gegeben. Friede sei mit Dir", grüßt ein alter Mann und zwingt einen mit seinem zahnlosen Lächeln neben sich auf die Holzbank. "Wo kommst Du her? Aus Deutschland? Das ist aber weit", sagt er, "Weib - bring Tee, der kommt aus Deutschland".

"Früher hatten wir wenig Geld, jetzt gar keins mehr"

Niltal | Bildquelle: picture alliance / Arco Images G
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Für die Bauern im ägyptischen Niltal hat sich nach der Revolution nicht viel verändert: "Freiheit kann man nicht essen", sagen sie.

Es dauert dann eine Weile, bis Am Ahmed soweit ist, über die Thawra zu reden, die Revolution; wichtiger sind die neugeborenen Kälber, die bevorstehende Aussaat und das siebte Baby der Tochter. Die Revolution, sagt er schließlich, habe dem Dorf nichts Gutes gebracht: "Früher war es hier besser", sagt der Alte. "Früher hatten wir wenig Geld, jetzt gar keins mehr", meint auch die Tochter. "Mein Baby braucht Milch. Aber die Milch ist zu teuer."

Anstieg der Lebensmittelpreise

Wir haben die Revolution nicht gemacht, damit die Wassermelonen billiger werden, sagte einmal Irans Ayatollah Chomeini. Aber genau darum geht es eben für diejenigen, die wenig haben – egal ob damals im Iran oder jetzt in Ägypten. Vor neun Monaten wurde Präsident Hosni Mubarak gestürzt, seitdem sind die Lebensmittelpreise weiter gestiegen und der regierende Militärrat in Kairo scheint sich ohnehin nicht sonderlich für die Bauern im Niltal zu interessieren: Neue Gouverneure wurden für Oberägypten berufen, alte angeklagt wegen Amtsmissbrauchs und Korruption. Ansonsten, sagen die alten Männer im Dorf, hat sich hier nicht viel geändert: "Mubarak ist weg. Der Ärmste, sitzt jetzt im Gefängnis. Gott sei ihm gnädig."

"Wir sind weit weg von allem"

In Kairo hat derweil der Wahlkampf begonnen: 55 Parteien bewerben sich für den ersten Wahlgang am 28. November mit den denkbar unterschiedlichsten Visionen für ein neues Ägypten: Muslimbrüder, Sozialisten, Salafisten, Konservative und Sozialdemokraten streiten über die künftige Verfassung des Landes, den Stellenwert der Sharia, freies Unternehmertum oder staatliche Kontrolle der Wirtschaft. Jenseits von Kairo verliert sich der politische Lärm: "Wir sind weit weg von all dem, wir leben auf dem Dorf, was haben wir damit zu tun?", sagen die Bauern.

Auf dem Land wird die Wahl entschieden

Karte von Ägypten mit Hauptstadt
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Nicht nur die großen Städte sind wahlentscheidend, sondern auch die ländlichen Gebiete: Dort leben die meisten der 83 Millionen Ägypter.

Und trotzdem wird die Parlamentswahl Ende November nicht nur in den großen Städten entschieden, sondern auch auf dem Land. Dort leben die meisten der 83 Millionen Ägypter. Vor allem die Aktivisten der jungen Demokratiebewegung versuchen seit Monaten, die Dorfbewohner für sich zu gewinnen: "Die Leute auf dem Land sind nicht so sehr politisch informiert", sagt der Menschenrechtler Mustafa Hussein. "Aber sie lassen sich auch nicht für dumm verkaufen. Die Alten wollen keine Veränderung mehr, aber die Jungen schon. Und in Ägypten sind 70 Prozent jünger als 30 Jahre. Das ist unsere Chance".

Das Versprechen von Freiheit und Demokratie wird aber womöglich nicht reichen, um die Bauern des Niltals für sich zu gewinnen."Freiheit ist schön, sagen sie, aber wir können sie nicht essen."

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