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Es regnet heftig in Afrika, Straßen und Felder sind überschwemmt. Hilfsorganisationen sprechen von der "schlimmste Flutkatastrophe des Kontinents". Aber sind die Auswirkungen tatsächlich so dramatisch, wie es in den Spendenaufrufen heißt?
Eine Einschätzung von Wim Dohrenbusch, ARD-Hörfunkstudio Nairobi
Der Mechanismus läuft mal wieder wie geschmiert. Es regnet in Afrika, und es regnet heftig. Hilfsorganisationen schlagen Alarm: "Land unter von Ost bis West". Der interessierten Öffentlichkeit wird ein Bauer präsentiert, der sagt, er könne sich nicht erinnern, schon einmal so viel Wasser gesehen zu haben. Stunden später schlagen die Agenturmeldungen ein: "Afrika erleidet die schlimmste Flutkatastrophe seit Menschengedenken."
[Bildunterschrift: Überflutete Region im Nordosten Ugandas. Schwere Regenfälle prasselten in den vergangenen Tagen auf die Region herunter. ]Offenbar müssen Hilfsorganisationen heute aus einer Überschwemmung eine Flutkatastrophe oder aus einer Dürre eine Hungerkatastrophe machen, um ihre Spendenkassen zu füllen. Denn im zweiten Satz der Pressemitteilungen folgt meistens unverhohlen moralischer Druck: Wenn nicht schnellstens soundsoviel zigtausend Euro auf folgendes Konto eingezahlt werden, dann drohen Hunger Seuchen und Tod. Da wird es schwierig zu differenzieren, zu relativieren und neutral zu bleiben.
[Bildunterschrift: Überschwemmtes Stadtviertel in der liberischen Hauptstadt Monrovia ]
Versuchen wir es dennoch: Was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, ist zum Teil tatsächlich ungewöhnlich. Ein gutes Dutzend Länder zwischen West- und Ostafrika erlebt Regenfälle zur gleichen Zeit. In einigen Regionen findet das außerhalb der normalen Regenzeit-Zyklen statt. Und in mehreren Ländern regnet es ungewöhnlich stark. Straßen sind überschwemmt, die Menschen waten knietief durchs Wasser, Bauern klagen über Ernteausfälle. Es sollen in den letzten Wochen und Monaten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen sein. Gezählt hat sie niemand.
Tatsache ist aber auch, dass der Regen insgesamt ein Segen ist. Die Böden, die Menschen und das Vieh brauchen das Wasser. Und das "Land unter" keine Katastrophe ist, konnte man in den letzten Tagen in mancher der betroffenen Regionen durchaus sehen, wenn man wollte.
Zum Beispiel in Äthiopien: Da werden - pünktlich, wie es sein sollte - aus schmalen Flüsschen Überschwemmungsgebiete größer als der Bodensee. Die Leute warten darauf, sie sind vorbereitet, nach dem Wasser mit der Aussaat zu beginnen. Sie haben ihre Dörfer so gebaut, dass niemand nasse Füße bekommt. Klein-Venedig im äthiopischen September. Wer es wissen will, kann erleben wie ein Wadi, also ein an vielleicht 300 Tagen im Jahr trockenes Flussbett, innerhalb von Minuten zum reißenden Strom wird und am nächsten Tag wieder friedlich da liegt, als wäre nichts gewesen.
Oder dass sich Wüsten innerhalb von 48 Stunden erst in einen Ozean und dann in eine blühende Wiese verwandeln. Und es ist heute noch so wie damals bei den alten Ägyptern: Wenn der Nil über die Ufer tritt und das Land mit seinem fruchtbaren Schlamm bedeckt, dann gibt es ein gutes Jahr.
[Bildunterschrift: Einziges Fortbewegungsmittel ist in vielen Gegenden Ugandas, wie hier bei Lira im Norden, das Boot. ]
Aber das alles zählt nicht, wenn erst einmal die Katastrophe ausgerufen und bebildert ist. Wenn sich die weiße Flotte der Helfer durch die Sintflut kämpft, wenn sich endlich mal der 4,3 Liter-Turbodiesel Allrad bezahlt macht. Die Hilfsorganisationen in Afrika haben die humanitäre Lufthoheit! Und wehe, einer stellt deren Inszenierungen in Frage. Der ist ein kaltherziger Zyniker, ein Ignorant und Spielverderber. Also lieber mitmachen, eine Story haben, Spendenkonto veröffentlichen, gut aussehen. Am Ende gibt es nur Gewinner bei "Afrikas schlimmster Flutkatastrophe seit Menschengedenken".
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