Die UN schicken mehr Blauhelme in den Südsudan

Milliarden gegen Migration UN-Blauhelme im Südsudan - hilflos oder unfähig?

Stand: 10.03.2017 16:43 Uhr

Die Aufgabe der UN-Blauhelme im Südsudan ist es, Flüchtlinge des Bürgerkrieges zu schützen. Doch es gibt Zweifel daran, ob die Soldaten ihren Job richtig machen. Das größte Problem: Vergewaltigungen von Frauen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Eines der größten Lager für Binnenflüchtlinge befindet sich nahe der zweitgrößten Stadt Malakal. Die dunklen Hütten sind aus Pappe, Wellblech, Holz, die Zelte aus Stoff, der von der Sonne ausgeblichen und verschlissen ist. Überall stinkt es nach Abwässern aus den Klohäuschen. UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, sorgt für Trinkwasser und für Schulunterricht.

UNMISS-Einheiten sollen die Lagerbewohner schützen. Überwiegend sind es Frauen und Kinder, die zu den Volksgruppen der Schillouk und der Nuer gehören. Die Männer kämpfen draußen an einer der vielen Fronten gegen die Soldaten der Volksgruppe Dinka, zu der auch Präsident Salva Kiir gehört. Zum Schutz der Menschen im Lager auch hat UNMISS um das Camp einen Wall gigantischer, grüner Sandsäcke gezogen; alle hundert, zweihundert Meter erheben sich Wachtürme; auf ihnen sind Blauhelme stationiert.

UN-Blauhelme im Südsudan | Bildquelle: AP
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UN-Blauhelme im Südsudan sollen Frauen und Kinder in den Lagern schützen.

Im Lager ist es daher halbwegs sicher. Jenseits des grünen Walls jedoch lauert Gefahr. "Wenn Frauen hier rausgehen, um Feuerholz zu suchen, dann kann es ihnen passieren, dass sie vergewaltigt werden; es ist gefährlich auf den Wegen draußen", sagt Diszipa Gimmes, die im Frauenzentrum des Lagers arbeitet.

Nur sporadischer Schutz?

Doch die Frauen müssen das Lager verlassen, wenn sie etwas dazuverdienen wollen, um sich etwas mehr als die Grundnahrungsmittel leisten zu können. Draußen beackern sie den Boden, bauen Gemüse an, oder suchen nach Brennholz. Immer wieder aber fallen im Busch Dinka-Männer über die Frauen her, vergewaltigen sie.

Das sagt auch eine Frau, mit der ich sprechen konnte, die aber unerkannt bleiben will. Sie hat so Schreckliches erlebt, dass sie das Lager Malakal nicht mehr verlässt: "Als ich beim letzten Mal rausgegangen bin, hatten sich Soldaten im Busch versteckt, um Frauen anzugreifen. Wir sind dann in Richtung einer UNMISS-Stellung gerannt. Die haben uns nicht rein gelassen. Von hinten schossen die Angreifer auf uns. Ich habe dadurch eine Nichte verloren", erzählt sie.

Häufig ist in den Lagern des Südsudans zu hören, dass UNMISS eher sporadisch für Sicherheit im Umfeld der Camps sorgt. Die Folge: Wie so viele Menschen im Norden des Südsudan träumen auch immer mehr Camp-Bewohner davon, den Südsudan eines Tages zu verlassen. Zu fliehen vom Südsudan in den Sudan und vielleicht noch weiter.  

Warum kommt UNMISS nicht der Aufgabe nach, die das UN-Mandat in den Vordergrund stellt: Schutz für Zivilisten? Können die Blauhelme nicht, weil sie überfordert sind? Fragen an Oberstleutnant Reinhard Herrmann, der für die UNMISS in Juba stationiert und unter anderem für Sicherheitsanalysen zuständig ist.

Menschen im Südsudan tragen Feuerholz | Bildquelle: REUTERS
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Feuerholz sammeln im Südsudan.

13.500 Polizisten und Soldaten für Millionen Binnenflüchtlinge

Kann es tatsächlich sein, dass UNMISS-Blauhelme Frauen zurückweisen, wenn die sagen, sie seien gerade vergewaltigt worden? Der Auftrag sei ganz klar die Bevölkerung zu schützen, auch vor Vergewaltigungen. Doch er fügt hinzu: "Aber es muss mir bekannt werden. Wir haben aber auch Fälle, wo Einlass erbeten wird in irgendwelchen Camps, wo dann Behauptungen in den Raum gestellt werden. Sie können aber auch nicht hinter jeder Frau einen Soldaten haben - das funktioniert nicht. Das funktioniert ganz einfach nicht."

Zumal Vergewaltiger ihre Verbrechen selten offen sichtbar verübten. Wenn UNMISS-Blauhelme davon erfahren, sei meist schon alles vorbei, das sei ja leider auch in Deutschland nicht viel anders, sagt Herrmann. Hinzu komme aber vor allem eine Unverhältnismäßigkeit: 13.500 UNMISS-Polizisten und Soldaten für mehrere Millionen Binnenflüchtlinge und deren Versorgung.

Der Menschheit ein klein wenig Hoffnung geben

Gerade mal 16 Bundeswehrsoldaten sind im Rahmen dessen in dem Bürgerkriegsland stationiert. Deutschland beteiligt sich im Rahmen der UNMISS aber mit Geld an dem Einsatz. Für 2017 wird derzeit von einsatzbedingten Zusatzausgaben für UNMISS in Höhe von rund 1,3 Mio. Euro ausgegangen. Ist der Einsatz unter diesen Bedingungen nicht fragwürdig; eine Verschwendung von Steuergeld?

Als Soldat muss Oberstleutnant Befehlen folgen, ohne zu fragen im Südsudan seinen Dienst leisten. Aber Herrmann ist auch Privatmann, deutscher Bürger, der auf die UN-Mission blickt, die Antwort klingt ernüchtert und fast bitter: "Was man nicht außer Acht lassen darf, wenn man jeden Tag hier Elend sieht - und da spreche ich immer von den Kindern - wenn wenigstens das Überleben gesichert wird, weil man sich hier engagiert... da sage ich als Privatmann, was haben Sie denn sonst noch für Organisationen, wenn Sie versuchen wollen, der Menschheit ein klein wenig Hoffnung zu geben? Was haben Sie sonst denn noch?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2016 um 21:00 Uhr

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