Zelte und Toiletten im Lager Nyarugusu

Opfer zweiter Klasse Vergessene Flüchtlinge in Afrika

Stand: 20.02.2017 08:25 Uhr

Seit der so genannten Flüchtlingskrise ist Europa weitgehend mit sich selbst beschäftigt, wenn es um Flucht und Migration geht. Die Flüchtlinge auf dem afrikanischen Kontinent sind in Vergessenheit geraten: Rund 16 Millionen Menschen nach den jüngsten Zahlen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, so viele wie niemals zuvor. Ihre Lage ist oft katastrophal - wie etwa die der burundischen Flüchtlinge in Tansania .

Von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Carine kocht das Mittagessen für ihre Familie. Die kleine, windschiefe Küche aus Lehmziegeln unter einer Plastikplane ist Luxus. Die wackelige Konstruktion hat ihr Mann Michel selbst gebaut. In den verbeulten Töpfen auf dem kleinen Kochfeuer blubbern Maisbrei und ein paar Erbsen. So wie fast jeden Tag: "Erbsen und Maismehl sind alles, was wir haben. Manchmal sind die schon nach fünf Tagen alle", beklagt Michel. "Aber es sind noch einmal vier Tage, bevor neue Rationen verteilt werden. Dann können wir nichts machen: Wir warten mit den Kindern, bis es wieder Essen gibt."

Michel und seine Familie
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Michels Familie hat im Lager häufig nicht genug zu Essen.

Zehntausende fliehen aus Burundi

Der 32-jährige hat sich mit seiner Frau, seinen vier Kindern und ihrem Großvater aus Burundi nach Tansania in Sicherheit gebracht. Im Mai 2015 war das, kurz nach dem gescheiterten Putsch gegen Präsident Pierre Nkurunziza. Zehntausende sind damals geflüchtet. Viele unter schrecklichen Bedingungen. "Es gab einen Ort in einem Dorf namens Kagunga am Ufer des Lake Tanganjika drei Stunden mit dem Schiff von hier", berichtet Amah Assiama vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR. "Dort waren etwa 60.000 Flüchtlinge. Sie hatten nichts. Die lokale Bevölkerung hat sie aufgenommen, obwohl die selbst nichts hatte. Bis dort die Cholera ausgebrochen ist."

Das UNHCR hat die fiebernden, unter massiven Durchfällen leidenden Schwerkranken nach Nyarugusu gebracht - mit einem uralten deutschen Kriegsschiff aus dem ersten Weltkrieg, das sonst als Touristenattraktion über den See schippert. Immer 300 auf einmal, zwei Wochen lang. "Unser Ziel, Leben zu retten, auf jede mögliche Weise, inklusive der Not-Evakuierung aus Kagunga, haben wir erreicht", sagt Assiama. "Aber es bleiben große Herausforderungen im Lager."

Die UNHCR-Lager sind überfüllt

Michels Familie haust in einem Zelt. UNHCR steht in großen blauen Lettern auf der ehemals weißen Plane. Nach fast zwei Jahren in strömendem Regen und unter heißer Sonne ist es nicht mehr im besten Zustand. Das Zelt hat ein Loch, Wasser läuft herein. "Direkt daneben sind die Toiletten, die sich viele Leute teilen müssen. Sie sind nicht für so viele gedacht, deshalb sind sie sehr dreckig und nicht sauber zu halten", sagt Michel. "Wir sind zu siebt in einem kleinen Raum. Es ist nicht leicht."

Zelte im Lager von Nyagurusu
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Im Lager von Nyarugusu reiht sich Zelt an Zelt.

Die Zelte stehen dicht an dicht. Nyarugusu und die beiden anderen Lager an Tansanias Westgrenze platzen aus allen Nähten. Über 200.000 burundische Flüchtlinge leben jetzt schon dort. Jeden Tag kommen im Schnitt über 300 Neuankömmlinge dazu. Ein viertes Lager ist beantragt, aber noch nicht genehmigt. Überall fehlt es am Nötigsten.

"Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll, wir müssen alles machen", sagt Amah Assiama hilflos. Das UNHCR braucht Ersatz für die maroden Zelte, Kochherde, Lampen, neue Wasserbehälter. Es gibt nicht genug Hospitäler und Medikamente, nur provisorische Schulen unter Plastikplanen.

Ärzte ohne Grenzen warnt vor "Katastrophe"

Im vergangenen Oktober hatte das Welternährungsprogramm gewarnt, dass es die Nahrungsmittelrationen für die Flüchtlinge auf 60 Prozent der empfohlenen Menge zusammenstreichen muss. Aus Geldmangel. Eine unerwartete Spende hat das in letzter Minute verhindert. Aber das Risiko bleibt. "Wir haben eine Menge unterernährter Kinder, die stationär behandelt werden müssen", klagt eine Freiwillige von Ärzte ohne Grenzen. "Heute sind wir total überfüllt. Wir brauchen eine Lösung, um unsere Kapazitäten zu erhöhen."

Die Hilfsorganisation hat bereits vor Monaten gewarnt, dass sich in Tansania eine der größten Flüchtlingskrisen Afrikas anbahnt. "Ärzte ohne Grenzen verstärkt die Bemühungen im Bereich Gesundheitsversorgung", sagt Landeskoordinator David Nash. "Aber die Probleme mit Wasser und Unterkunft bleiben. Wenn daran nichts geändert wird, droht mit mehr und mehr Neuankömmlingen ein Desaster. Die Welt muss eingreifen und etwas tun, bevor die Katastrophe eintritt."

Spendengelder reichen bei Weitem nicht aus

Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Das UNHCR hat für das vergangene Jahr einen Finanzbedarf von 180 Millionen Dollar für die Burundikrise ausgerechnet. Die Spendengelder haben gerade einmal für gut die Hälfte dieser Summe ausgereicht. "Ich würde nicht sagen, dass die internationale Gemeinschaft nicht genug spendet", sagt UNHCR-Mitarbeiterin Assiama. "Aber unsere Notlage hat unglücklicherweise nicht die Aufmerksamkeit erregt wie andere. Deshalb war es hier sehr, sehr schwierig."

Die Situation in Tansania ist keineswegs einzigartig. Für die Krise in der Zentralafrikanischen Republik ist im vergangenen Jahr nur ein Fünftel des benötigten Geldes angekommen. Für die Flüchtlinge in Kenia fehlten 170 Millionen Dollar. Das Lager Dadaab macht erst wieder internationale Schlagzeilen, seit die kenianische Regierung es dicht machen will.

14 Millionen Menschen leben in Lagern

"Die reichen Länder wollen umgesiedelte Flüchtlinge nicht mehr aufnehmen. Deshalb sitzen die Menschen in den Camps fest", kritisiert Ben Rawlence, der Autor des Buches "Stadt der Verlorenen" über die somalischen Flüchtlinge in Dadaab. "Dadaab ist nur eine Stadt von vielen. Derzeit leben 14 Millionen Menschen permanent in Lagern. Die eine Million, die zuletzt nach Europa gekommen ist, ist nur ein Tropfen im Ozean."

Wie in Somalia drohen viele der vergessenen Krisen in Afrika zu unlösbaren Dauerkonflikten zu werden. Und die Flüchtlingslager damit zu permanenten Einrichtungen. So wie für Frank, der in dem Machtkampf in Burundi seine ganze Familie verloren hat. "Es ist wahr, das Leben hier im Lager ist armselig", sagt er. "Aber ein schlechtes Leben ist besser als der Tod. Ich kann nicht nach Burundi zurück. Ich sterbe lieber woanders als dort, wo meine Eltern und Geschwister ihr Blut vergossen haben."

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