Hinter den Kulissen Abenteuer Arbeiten in Afrika

Stand: 20.02.2017 08:25 Uhr

In vielen afrikanischen Ländern arbeiten Journalisten unter ganz besonderen Bedingungen - so auch unsere Korrespondenten bei der Recherche für das Projekt "Milliarden gegen Migration". Linda Staude aus dem ARD-Hörfunkstudio Nairobi gewährt Einblick in den ganz normalen Wahnsinn.

Journalisten sind schon eine gefährliche Bande. Zumindest in den Augen der meisten Regierungen in Afrika. Ist der Westeuropäer an sich als Tourist und Devisenbringer hoch willkommen und bekommt ein Visum oft gegen ein bisschen Cash direkt bei der Einreise am Flughafen, ändert sich das ganz schnell, wenn man mit Mikrophon und Kamera anreist.

Selbst wenn es eigentlich um eine durchaus positive Geschichte wie neue Ansätze bei der Fluchtursachenbekämpfung geht. Berichterstatter sind eben grundsätzlich suspekt, weil möglicherweise kritisch und müssen ihre finsteren Besuchsabsichten für gewöhnlich im Voraus anmelden. Lange im Voraus.

Die Botschaft als Leumund

Für den Besuch in Äthiopiens Flüchtlingslagern, zuständigen Regierungsstellen und bei Entwicklungsprojekten Anfang Februar zum Beispiel haben wir den ersten Antrag auf Akkreditierung schon im November gestellt. Und weil da ja noch so viel Zeit war, passierte erst mal lange gar nichts.

Mit einem simplen Antrag ist es ohnehin nicht getan. In Äthiopien muss die deutsche Botschaft versichern, dass der berichterstattende Besucher auch vertrauenswürdig ist. Im Kongo braucht man eine Einladung von einem möglichst wichtigen Gesprächspartner. Und in Tansania will die Behörde üppige Geldbeträge vor der Genehmigung.

Sind diese Hürden genommen, passiert wieder erst mal lange gar nichts vor dem zweiten Akt: Der Visa-Erteilung. Was dem interessierten Korrespondenten Zeit gibt, noch einmal in sich zu gehen, ob auch wirklich jeder mögliche Gesprächspartner im ursprünglichen Antrag erwähnt wurde. Spätes Nachbessern geht nämlich gar nicht. Wer nicht draufsteht, wird nicht befragt.

Linda Staude interviewt eine Afrikanerin.
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Bis Linda Staude (rechts) mit Interviewpartnern sprechen kann, ist es oft ein langer Weg.

Wer draufsteht, auch nicht unbedingt. Ich bin zum Beispiel schon mit allen offiziellen Genehmigungen ausgerüstet nach Tansania eingereist - und dann gestrandet: "Nein, mit diesen Leuten können Sie nicht reden." - "Steht aber im Antrag!" - "Egal!" Was zu hektischen Improvisationen vor Ort führt und mittelfristig zu einem Magengeschwür.

In Burundi ist es weniger problematisch, sich heimlich mit Rebellen zu treffen als offiziell auf der Straße Passanten zu interviewen. Das endete im vergangenen Jahr mit einem eindringlichen Verhör durch die Geheimpolizei, weil auf der hochoffiziellen Regierungsgenehmigung der Stempel des Provinzgouverneurs fehlte. Was natürlich kein Mensch vorher erwähnt hat.

Reporter als Briefträger

Und in Äthiopien plant der reisende Korrespondent besser genug Zeit für ein paar Schichten als Briefträger ein. Denn für jeden offiziellen Gesprächspartner muss die Kommunikationsbehörde einen Extra-Brief schreiben. Und bloß weil sie das drei Monate lang gewusst hat, heißt das noch lange nicht, dass die Briefe geschrieben wurden, geschweige denn zugestellt. Also: Büro belagern, Briefe entreißen und höchstselbst ausliefern. Was alles erst einmal nur unter Vorarbeiten fällt: Bis zu diesem Zeitpunkt ist schließlich überhaupt noch nichts Berichtenswertes passiert.

Am Ende kommt es durchaus vor, dass ich im Vorzimmer eines Interviewpartners sitze, überglücklich, dass ich so weit vorgedrungen bin - nur um dann in aller Eile darüber nachzudenken, worüber ich eigentlich inhaltlich mit dem Menschen sprechen möchte.

Beharrlichkeit zahlt sich aus - manchmal

Glücklicherweise bin ich nicht die einzige, der das ständige Hin und Her lästig wird. Zuletzt habe ich die Leute im äthiopischen Kommunikationsbüro offenbar so sehr genervt mit meinen Reiseplänen zu einem deutschen Agrar-Projekt der GIZ, dass der zuständige Chef nur noch meinte: Fahr doch einfach und sag es keinem. Wobei keiner in diesem Fall der Chef des Kommunikationsbüros ist. Absurd? Nein. Arbeiten in Afrika!

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