Abzug aus Afghanistan - Weg in die Katastrophe?

Afghanische Sicherheitskräfte bei der Schießausbildung (Bildquelle: AFP)

Afghanistan vor dem Abzug der ISAF-Truppen

Strammstehen für eine ungewisse Zukunft

2014 - der Termin steht fest. Wenn das Jahr 2014 zu Ende ist, wird die afghanische Armee weitgehend auf sich allein gestellt sein. Die NATO-geführte Schutztruppe ISAF organisiert bereits ihren Abzug. Afghanistan steht vor einer ungewissen Zukunft, viele Probleme sind ungelöst - und auch die Taliban sind noch da.

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Alltag im Kabuler Militär-Trainingszentrum: Kurz nach dem Antreten robben die Männer in ihren Tarnuniformen durch den Staub, schlängeln sich durch Stacheldrahtzäune. Ein paar Meter weiter nehmen andere Soldaten mit Platzpatronen-MGs ausgerüstet eine feindliche Stellung auf einem Hügel ein. Gewehrfeuer ist zu hören.

Ein afghanischer Soldat bei der Ausbildung im Trainingszentrum in Kabul (Bildquelle: dpa)
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Ein afghanischer Soldat bei der Ausbildung im Trainingszentrum in Kabul

Filmreif klingt und wirkt das. Aber das hier ist kein Film, sondern Alltag. Hier im Trainingszentrum sollen junge Männer fit gemacht werden für die brutale Realität. Für den Krieg. Hier entsteht die afghanische Armee.

Einer von ihnen ist Sayed Aref, 18 Jahre alt. "Mich strengt das nicht an", sagt der junge Soldat. "Ich bin froh über das Training. Es macht mich hart. Damit ich meinem Land dienen kann."

Wen auch immer man hier befragt, immer bekommt man ähnliche Antworten: "Wir wollen unserem Land helfen. Die Taliban trauen sich nicht, uns Auge in Auge zu bekämpfen. Wer Angst hat, sollte keine Uniform tragen."

"Unsere Armee wird in der Lage sein, ihr Territorium zu verteidigen", ist Ausbilder Hasan Ahmed überzeugt. "Wir können das. Nicht nur bis 2014, sondern bis zum Ende unseres Lebens."

Das Taliban-Problem

2014 - das Schicksalsjahr. Wenn 2014 vorbei ist, wird die afghanische Armee weitgehend auf sich gestellt sein. Auf den Schultern von Männern wie Aref und Ahmed wird dann eine ganze Menge ruhen. Die Hoffnungen des Westens zum Beispiel. Damit die ISAF-Truppen das Land halbwegs gesichtswahrend verlassen können. "Erstmal müssen wir anerkennen, dass es sicher noch weiter Taliban hier geben wird. Und in der Tat werden die afghanischen Sicherheitskräfte weiter kämpfen müssen", räumt selbst der Sprecher der Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Günter Katz, ein. Und der NATO konnte man beileibe noch nie vorwerfen, zu den Schwarzsehern in Afghanistan zu gehören.

Abzug aus Afghanistan - ist das der Weg in die Katastrophe?
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
31.12.2012 16:55 Uhr

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Im Schnitt mehr als 500 Tote und Verletzte hatten die afghanische Armee und Polizei zuletzt zu beklagen - und zwar pro Monat. Die Frage ist: Was haben die afghanischen Sicherheitskräfte, kurz ANSF genannt, den Extremisten nach 2014 entgegenzusetzen?

Soldaten der afghanischen Armee sperren das Gelände ab nach dem Taliban-Angriff auf ein Hotel bei Kabul. (Bildquelle: AFP)
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Die Taliban begehen weiter Anschläge im Land. Das Foto zeigt Soldaten der afghanischen Armee nach dem Taliban-Angriff auf ein Hotel bei Kabul.

"Die Armee kann gegen die Taliban bestehen", sagt Afghanistan-Experte Abdul Waheed Wafa. "Auch wenn die Extremisten dann natürlich einige Landesteile beherrschen. Nur: Wenn die Armee weiter ohne Rettungshubschrauber auskommen muss oder wenn sie weiterhin zu wenig Artillerie hat, dann werden die Probleme wachsen und wachsen."

Abhängig von NATO-Truppen

Aus einem aktuellen Report des Pentagon geht hervor, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nach wie vor auf Gedeih und Verderb von den NATO-Truppen abhängen. Die aber befinden sich schon mitten im Ausdünnungsprozess. Seit September sind bereits etwa 30.000 US-Soldaten weniger im Land. Dass die Herausforderung für die Afghanen größer wird, je mehr die ausländische Präsenz schrumpft, leugnet niemand, auch nicht die Chefin der Friedrich Ebert-Stiftung in Kabul, Adrienne Woltersdorf. Sie sieht zwar keinen Bürgerkrieg vergleichbar dem in den 90er Jahren heraufziehen, aber Probleme erwartet auch sie. "Es geht sehr stark jetzt auch um Einflussgebiete der verschiedenen Ethnien über die großen Ressourcen, die es in Afghanistan gibt. Öl, Kohle, Kupfer, Eisen - all das birgt neuen Konfliktstoff. Das könnte zu einer Destabilisierung hier in Afghanistan führen."

"Rekruten leben wie Brüder zusammen"

Zurück im Militär-Trainingszentrum in Kabul. Immer wieder werden die Übungseinheiten durch Mini-Appelle unterbrochen. Teambildung durch Brüllen. Innerhalb der Armee sehen Skeptiker die Sollbruchstellen ganz genau entlang der ethnischen Grenzen. "Es gab mal in der Vergangenheit Probleme in dieser Hinsicht", sagt Ausbilder Ahmed. "Aber jetzt nicht mehr. Die Rekruten leben hier wie Brüder zusammen."

Afghanische Soldaten erholen sich in ihrer Unterkunft von einer Patrouille (Bildquelle: dapd)
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Afghanische Soldaten erholen sich in ihrer Unterkunft von einer Patrouille

"Unity Starts Here" (Einheit beginnt hier) - das steht in großen Buchstaben über dem Eingangsportal des Ausbildungszentrums in Kabul. Um die ethnische Zusammensetzung des Landes abzubilden, rekrutiert die Armee nach einem fest vorgeschrieben Schlüssel: 44 Prozent Paschtunen, 25 Prozent Tadschiken, zehn Prozent Hazara und so weiter. Die entscheidende Frage wird sein: Kann man nach 2014 dann wirklich von einer afghanischen Armee sprechen? Oder dient jeder dann doch dem lokalen Machthaber, der am besten zahlt oder am meisten einschüchert? Fabrizio Foschini vom angesehenen Afghanistan Analysts Network meint: "Die Armee mag auf dem Papier einen guten Ruf haben. Jeder Afghane findet sie toll, selbst die Taliban. Natürlich wollen sie diejenigen sein, die dort das Kommando haben. Aber die Qualität der Rekruten ist nicht die allerbeste in Fragen wie Bildung oder Motivation. Die Desertionsrate ist immer noch problematisch."

Abzug ist knifflig - und gefährlich

Während die Zukunft der afghanischen Sicherheitskräfte also völlig offen ist, haben die internationalen Truppen derweil ihre ganz eigenen Probleme. Vor allen Dingen im Süden und Osten des Landes wird noch immer erbittert gekämpft. Parallel dazu gilt es, die Sachen zu packen und den Abzug zu organisieren.

Ein Bundeswehrsoldat steht in Faisabad unweit der Baustelle einer Brücke mit einem Fernglas auf einem Dach (Archiv) (Bildquelle: dapd)
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Das Bundeswehrlager in Feisabad ist bereits greräumt.

Die Deutschen beispielsweise haben ihr Lager in Feisabad bereits komplett dicht gemacht. Alle Container sind versiegelt und abtransportiert. 2013 soll auch das Camp in Kundus schließen. Als Umschlagplatz für den Abzug dient das größte Feldlager außerhalb der Bundesrepublik - in Masar-i-Scharif. Der Rücktransport nach Deutschland von Mann und Material ist logistisch knifflig. Für die Afghanen ist er aber auch lebensgefährlich: Einheimische Lastwagenfahrer bekommen teilweise ein Gehalt von bis zu 1000 Dollar pro Tag. Darin enthalten ist auch Wegzoll für die Taliban. "Für die Fahrer ist es sehr gefährlich", sagt der für den Abzug zuständige Oberfeldwebel der ARD in Masar-i-Sharif. "Es ist mittlerweile so weit, dass sie nachts nicht fahren, weil die Bedrohungslage zu hoch ist. Uns wurde auch berichtet, dass schon ein oder zwei Fahrer während der Transporte ums Leben gekommen sind."

Nur langsam scheint sich in Deutschland die Erkenntnis durchzusetzen, dass mit Ablauf des Jahres 2014 keineswegs alle internationalen Truppen zu Hause und in Sicherheit sein werden. Es wird eine ISAF-Nachfolgemission geben, die dann die Afghanen vor allem ausbilden und beraten soll. Natürlich wird es dafür aber auch Einheiten geben müssen, die diese Berater wiederum beschützen.

Problem: die Innentäter

Im Armee-Rekrutierungszentrum in Kabul stellen sich die jungen Bewerber vor. Viele Tests müssen sie bestehen. Doch nicht nur das. "Die Rekruten müssen ein Empfehlungsschreiben aus ihrem Dorf mitbringen", berichtet Ibrahim Ahmadsai, Vize-Kommandeur des Rekrutierungszentrums. "Dann wird ihr Hintergrund vom Geheimdienst durchleuchtet. Hier bei uns gibt es dann weitere Prüfungen: eine biometrische und einen Gesundheitstest. Wenn das alles in Ordnung ist, nehmen wir den Mann auf."

ISAF-Soldaten der Bundeswehr in der Nähe von Baglan (Afghanistan) (Bildquelle: dapd)
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Freund oder Feind? ISAF-Soldaten der Bundeswehr müssen immer und überall in Afghanistan mit Angriffen rechnen.

Das Prozedere ist eine Reaktion auf ein Problem, das sowohl die afghanischen als auch die ausländischen Truppen betrifft: die sogenannten Innentäter. Im Jahr 2012 erhoben mehr Afghanen in Uniform ihre Waffen gegen ausländische Soldaten als je zuvor. "Die Taliban sagen praktisch zu jedem Innentäter: Er war einer einer von uns. Wir haben euch mal wieder infiltriert", sagt ISAF-Sprecher Katz. Tatsächlich gehen nach Berechnungen der NATO etwa 20 Prozent aller Attacken in irgendeiner Form auf das Konto der Taliban.

Beobachter sehen jedoch in der Tatsache, dass innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte vermeintliche Freunde schnell zu Feinden werden können, ein gefährliches Symptom für deren Unberechenbarkeit. Dabei müssen die afghanischen Sicherheitskräfte bis 2014 verlässlich sein. Ob das zu schaffen sein wird, daran gibt es erhebliche Zweifel.

Dieser Beitrag lief am 24. Dezember 2012 um 05:38 Uhr bei Deutschlandradio Kultur.

Stand: 31.12.2012 17:59 Uhr

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