Afghanistan

ARD-Umfrage in Afghanistan Der Hass auf den Westen wächst

Stand: 09.02.2009 12:00 Uhr

In Afghanistan müssen die internationalen Truppen nicht nur gegen erstarkte Taliban kämpfen, sondern in zunehmendem Maße auch gegen eine feindliche Stimmung in der Bevölkerung. Eine Umfrage von ARD, ABC und BBC zeigt: Das Land verliert die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Von Arnd Henze, WDR

Gut sieben Jahre nach dem Sturz der Taliban hat die Mehrheit der Afghanen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft vorerst verloren. Unter der alltäglichen Erfahrung von Krieg, Gewalt, Korruption und Armut ist auch das anfangs große Vertrauen in USA und NATO umgeschlagen in Resignation, Ablehnung und in wachsendem Maße Hass. Das ist das Ergebnis einer großen repräsentativen Umfrage, die das "Afghan Institute for Social and Public Opinion Research" im Auftrag von ARD, ABC und BBC durchgeführt hat.

In einem sind sich die neue US-Regierung und die afghanische Bevölkerung einig: Die vergangenen Jahre waren für das Land am Hindukusch verlorene Jahre. Nur noch eine Minderheit der Afghanen (40 Prozent) meint, dass sich ihr Land in die richtige Richtung bewegt. Vor gut drei Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Ist im relativ ruhigen Norden vor allem die anhaltend schlechte Wirtschaftslage für den Stimmungsumschwung verantwortlich, belastet die Menschen im umkämpften Süden zusätzlich die allgegenwärtige Gewalt. Nach sieben Jahren Krieg stellen die Afghanen besonders den US- und NATO-Truppen ein vernichtendes Zeugnis aus: Nur noch jeder Dritte bescheinigt ihnen eine positive Leistung - vor drei Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele.

Noch drastischer fällt das Bild in den Kriegsprovinzen aus: Im Südwesten fällt nur noch jeder Fünfte ein positives Urteil über die US- und NATO-Truppen. Der Trend jedenfalls ist eindeutig: Der Westen hat den Kampf um die Herzen und Köpfe der Afghanen erst einmal verloren. Dabei hatten die Menschen nach den Schreckensjahren der Taliban viele Jahre auf das Prinzip Hoffnung gesetzt und der afghanischen Regierung und den westlichen Truppen einen großen Vertrauensvorschuss gegeben. Dieses Kapital an Geduld und Vertrauen ist zumindest in den Kriegsgebieten aufgebraucht. Der Norden, wo die Bundeswehr eingesetzt ist, erscheint dagegen auch weiter vergleichsweise stabil.

Nur ein Drittel glaubt an den Sieg über die Taliban

Noch profitieren die ausländischen Truppen allerdings davon, dass die Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit die erstarkten Taliban für die größte Bedrohung hält. Doch nur ein Drittel glaubt noch an einen militärischen Sieg über die Taliban. Ein weiteres Drittel rechnet mit einer Verhandlungslösung, jeder Fünfte befürchtet einen endlosen Fortgang der Kämpfe und immerhin acht Prozent erwarten einen Sieg der Taliban. Vor diesem Hintergrund ist es erklärlich, dass inzwischen zwei von drei Afghanen Verhandlungen mit den Taliban und deren Beteiligung an der politischen Macht befürworten.

Ohne die Hoffnung auf einen militärischen Erfolg über die Taliban sehen sich die Afghanen zunehmend als Opfer zwischen den Fronten. In Kriegsprovinzen wie Helmand oder Kandahar berichtet inzwischen nahezu jeder der Befragten auch über zivile Opfer von US-Angriffen in der Umgebung. So einig sich die Afghanen in der Ablehnung von Luftangriffen sind, so unterschiedlich beurteilen sie die Schuld an den zivilen Opfern: 41 Prozent sehen die Verantwortung ausschließlich bei den ausländischen Militärs, 28 Prozent sehen die Schuld bei den Kämpfern, die unter den Zivilisten Schutz suchen, und ebenso viele sehen beide Seiten gleichermaßen in der Schuld.

Mehrheit drängt auf schnellen Truppenabzug 

In jedem Fall aber werden die ausländischen Truppen immer weniger als Verbündete im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind und immer stärker als Teil der Misere wahrgenommen. Entsprechend drängt erstmals eine knappe Mehrheit der Afghanen auf einen schnellen Abzug von USA und NATO - im umkämpften Südwesten sind es 71 Prozent. Dort will nur noch jeder Vierte die Truppen solange im Lande halten, bis die Sicherheit wiederhergestellt ist. Entsprechend findet sich in Kriegsprovinzen wie Kandahar und Helmand kaum jemand, der eine Aufstockung der Truppen befürwortet. Eine explosive Stimmung: Denn die Verdoppelung der US-Truppen um weitere 30.000 Soldaten ist derzeit das einzig konkrete Element der neuen Strategie von US-Präsident Obama.

US-Präsident Barack Obama | Bildquelle: AP
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US-Präsident Obama weckt nur bei wenigen Afghanen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Ablehnung gegenüber den US- und NATO-Truppen ist schon jetzt so stark, dass in manchen Provinzen inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung Anschläge auf US- und NATO-Soldaten für gerechtfertigt hält, landesweit ist es jeder Vierte. In diesen Werten kommt das Dilemma für die neue US-Regierung zum Ausdruck: Barack Obama will eine Politik der ausgestreckten Hand gegenüber jedem, der seine Faust öffnet. Doch in den afghanischen Kriegsgebieten ist derzeit kaum einer bereit, die Faust gegenüber fremden Truppen zu öffnen. Und dieses Dilemma wird sich zwangsläufig verschärfen, wenn die Ausweitung der Kämpfe gegen die Taliban noch mehr zivile Opfer fordern wird.

Deutschlands Ansehen sinkt

Während die Bevölkerung bei den ausländischen Truppen nicht zwischen USA, NATO und einzelnen Herkunftsländern unterscheidet, gibt es bei der grundsätzlichen Einstellung gegenüber verschiedenen Ländern deutliche Unterschiede. An der Spitze der Beliebtheit steht Indien (74 Prozent), am unteren Ende Pakistan, dessen Rückhalt bei den Befragten seit November 2007 von 21 auf nur noch acht Prozent gefallen ist. Hier zeigt sich im übrigen, dass Afghanistan inzwischen auch ins Fadenkreuz des indisch-pakistanischen Konflikts geraten ist. Deutschlands Ansehen ist leicht zurückgegangen (von 70 auf 61 Prozent) und liegt nur noch knapp über dem des Iran.

Am deutlichsten ist der Sympathie-Einbruch der USA: von in der islamischen Welt beispiellosen 83 Prozent im November 2005 auf nur noch 47 Prozent. Im hohen Ansehen des Iran könnte im übrigen eine Chance liegen: Wenn es um die Stabilisierung Afghanistans geht, haben der Westen und der Iran die gleichen Interessen. Kein Land leidet zum Beispiel so stark unter afghanischem Opium wie der Iran mit seinen vielen Drogenabhängigen.

Lesen Sie hier Teil 2 der ARD-Umfrage in Afghanistan: Viel Verständnis für den Drogenanbau

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