Bundeswehr in Afghanistan (Bildquelle: dpa)

Bundeswehr in Afghanistan Als der Krieg zur Realität wurde

Stand: 06.10.2013 09:48 Uhr

Kaum ein Ort in der Geschichte der Bundeswehr steht so sehr für Tod und Gewalt wie Kundus. Die Stadt im Norden Afghanistans ist zum traurigen Symbol des Einsatzes geworden - mit vielen Opfern auf beiden Seiten. Nun zieht die Bundeswehr ab.

Von Christian Thiels, SWR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Direkt neben einem Flughafen an einer staubigen Straße liegt "Bad Kundus". Der idyllische Spitzname für das deutsche Feldlager stammt aus der Zeit, in der das Lager 2006 errichtet wurde: hübsche Häuser mit Atrien und Rosengärten, die von Gärtnern gepflegt wurden.

Doch "Bad Kundus" wurde schnell zum Synonym für einen der gefährlichsten Orte, an dem Bundeswehr-Soldaten im Afghanistan-Einsatz stationiert werden konnten. Von den 54 Toten, die die Armee am Hindukusch zu beklagen hat, starben allein 20 in der Region Kundus. "Es gab damals eine deutliche Fehleinschätzung in der Politik und bei vielen in der Bundeswehr", erinnert sich der frühere Bundeswehr-General Rainer Glatz, der bis Sommer 2013 als Befehlshaber des Einsatzführungskommandos auch für die Mission in Afghanistan verantwortlich war.

Mit Panzerfäusten und Kalaschnikows beschossen

Für aufmerksame Beobachter war schon 2002 zu erahnen, dass mit dem Wiedererstarken der Taliban irgendwann auch der vermeintlich sichere Norden wieder ins Visier der islamistischen Krieger geraten würde. Glatz hatte davor gewarnt, zumal Kundus bis zur US-geführten Intervention 2001 eine Hochburg der Taliban war und es rund um das Feldlager etliche Dörfer gibt, in denen Afghanen wohnen, die offen mit den Taliban sympathisieren.

Bundeswehrsoldaten in Kundus (Bildquelle: dpa)
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Abzug der Bundeswehr - Kundus ist zum Symbol von Tod und Gewalt geworden

Ende Juni 2006 wurde eine deutsche Patrouille nahe Kundus mit Panzerfäusten und Kalaschnikows beschossen - eine Rakete traf einen "Fennek"-Spähwagen. Weil das Geschoss nicht vollständig explodierte, gab es dabei nur Leichtverletzte und ein schwer beschädigtes Fahrzeug. Dass nicht mehr passierte, war reiner Zufall. Schon ein knappes Jahr später, im Mai 2007, starben drei Bundeswehr-Soldaten bei einem Selbstmordanschlag auf einem Markt in Kundus.

Bundeswehr galt lange als Armee der Drückeberger

Von da an wurde Kundus für viele Soldaten das Synonym für Gefechte, Verwundete und Tote. "Man wusste gar nicht, wie man die Kameraden, die aus Kundus kamen, ansprechen sollte. Die kamen immerhin aus dem Krieg", erinnert sich ein Bundeswehr-Offizier, der selbst etliche Male in Afghanistan Dienst tat.

Durch die Gefechte, Anschläge und die Toten änderte sich aber auch die Einschätzung der Deutschen bei ihren Verbündeten. Lange galt die Bundeswehr als Armee der Drückeberger, die es sich im Norden Afghanistans gemütlich gemacht hatte, während Briten, Kanadier und Amerikaner im Süden in schwere Kämpfe verwickelt waren. "Das Image von den dicken, Kuchen essenden Deutschen, die am Nachmittag Kicker spielen, war weg nach den ersten Toten im Gefecht", sagt ein deutscher Offizier, der zwei Mal in Kundus eingesetzt war. "Während ich auf dem Balkan kein großes Bedrohungsgefühl erlebt habe, kam ich in Kundus bei fast jeder Patrouille in Situationen, in denen ich mich fragte: Musst Du jetzt den Motorradfahrer dort erschießen, nur weil er allein auf seiner Maschine sitzt und womöglich ein Attentäter sein könnte?"

Diskussion für viele Soldaten unverständlich

Anschläge und Gefechte waren in Kundus spätestens ab 2008 an der Tagesordnung. Doch die deutsche Politik wollte partout nicht von "Krieg" sprechen, verschanzte sich hinter fromaljuristischen Begrifflichkeiten. Für viele Soldaten war diese Diskussion unverständlich. "Denn auf der Grasswurzelebene wurde das natürlich als Krieg empfunden", erzählt Ex-General Glatz.

Als Schock traf die deutsche Öffentlichkeit dann der Luftangriff vom 4. September 2009. Bis zu 142 Menschen, darunter wohl auch viele Zivilisten, starben, als der deutsche Kommandeur des Feldlagers Kundus den Befehl zu einem Luftangriff auf zwei Tanklaster gab, die er für eine Bedrohung seiner Soldaten gehalten hatte.

Bundeswehr durch Afghanistan-Einsatz massiv verändert

"Die schiere Dimension dieses Ereignisses hat auf einen Schlag sehr bewusst gemacht, dass der Einsatz von Soldaten auch immer Tod in großem Umfang bedeuten kann", sagt Rainer Glatz. Die Politik habe darüber sehr lange nicht offen sprechen wollen und weigere sich bis heute, eine offene Debatte zur Bedeutung des Einsatzes von Soldaten und von der Rolle des Militärs in der Außenpolitik grundsätzlich zu führen.

Kundus und der gesamte Afghanistan-Einsatz haben die Bundeswehr allerdings massiv verändert. Nach elf Jahren komme nun eine mental veränderte Armee nach Deutschland zurück, sagt General Jörg Vollmer, seit Anfang 2013 deutscher Kommandeur im Norden Afghanistans: "Es war das erste Mal, dass Soldaten töten mussten, aber auch, dass sie gefallene Kameraden und Verwundete erlebt haben. Das hat sie verändert. Wenn sie heute in die Augen junger Soldaten schauen, dann schauen sie in deutlich ernstere Gesichter, die wissen, was das bedeutet."

alt Bundeswehr in Afghanistan

Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr

Die Bundeswehr will noch im Oktober 2013 aus Kundus abziehen. Ihren Kampfeinsatz in Afghanistan beendet sie Ende 2014.

Kundus zählt zu den größten Camps, die die internationalen Truppen in diesen Wochen und Monaten räumen. Die Unruheprovinz gilt daher auch für das übrige Afghanistan als Testfall dafür, was nach dem Weggang der ausländischen Soldaten geschieht.

Die Nato-Staaten fällten den Beschluss zum Abzug schon 2010, weil sie angesichts der schleppenden Fortschritte in Afghanistan und der Kriegsmüdigkeit ihrer Bürger zuhause nicht länger bereit waren, die hohen Verluste und Kosten des Einsatzes zu schultern.

Insgesamt kostete der Einsatz in Afghanistan 54 deutsche Soldaten das Leben. Die meisten Gefallenen hatte die Truppe in Kundus und in der Nachbarprovinz Baghlan zu beklagen.

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