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Düstere Lage in Afghanistan
Erst der Abzug, dann der Bürgerkrieg?
Die Zukunft Afghanistans sieht nach Ansicht der International Crisis Group (ISG) düster aus. Es besteht ein reelles Risiko, schreiben die Experten in einem aktuellen Bericht, dass die Regierung in Kabul nach dem Abzug der NATO-Truppen 2014 in sich zusammenbrechen könne. ISG-Expertin Candace Rondeaux äußerte nur wenig Hoffnung auf Stabilität, sobald das Land selbst die volle Verantwortung für Sicherheit übernimmt. "Die afghanische Armee und Polizei gehen überfordert und unvorbereitet in den Übergang", sagte Rondeaux. Wenn die Wahl 2014 nicht gelinge, drohe ein Bürgerkrieg.
Die Zahl der Terrorangriffe bleibt indes unvermindert hoch. Heute wurden bei einem Selbstmordanschlag vor einer Polizeiwache im Süden Afghanistans mindestens zwei Sicherheitsvertreter getötet. 15 weitere Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt, als der Attentäter seine Autobome am Eingang der Wache von Laschkar Gah, der Hauptstadt der Provinz Helmand, zündete. Unter den Verletzten waren demnach ein Geheimdienstvertreter und ein Polizist, die restlichen Opfer waren Zivilisten.
Zuletzt hatte ein Attentäter vor einer Woche auf einem Motorrad eine gemeinsame Patrouille von NATO-Soldaten und afghanischen Streitkräften angegriffen. Dabei starben mindestens 20 Menschen, darunter drei NATO-Soldaten und sechs afghanische Polizisten.
Leben zwischen Sprengkörpern und Schusswechseln
Die Anschläge und Kämpfe verschlechtern die Lage der Bevölkerung immer weiter. "Ich verlasse dieses Land mit Sorge", sagte der scheidende Chef des Internationalen Roten Kreuzes in Afghanistan, Reto Stocker. Seit er im Jahr 2005 dort angekommen sei, hätten sich die lokalen bewaffneten Gruppen stark vermehrt, betonte er. "Zivilisten sind nicht nur zwischen einer, sondern mehreren Frontlinien gefangen und medizinische Versorgung bei Krankheit oder Verletzung wird zunehmend schwieriger für normale Afghanen", sagte Stocker.
Rotes Kreuz warnt vor humanitärer Krise in Afghanistan
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi zzt. Kabul
08.10.2012 16:59 Uhr
Für die Zivilbevölkerung sei es kaum noch möglich zu erkennen, wer gegen wen kämpfe, sagte er gegenüber dem ARD-Hörfunkstudio Südasien. Neben den internationalen Truppen und offiziellen afghanischen Sicherheitskräften gebe es eine Vielfalt von rivalisierenden Milizen und Dorfpolizei-Einheiten, die sich jeder Kontrolle entzögen. Diese lokalen Kräfte kämpfen nach Angaben des Roten Kreuzes nicht nur gegen aufständische Gruppen wie die Taliban, sondern auch untereinander.
Die Bevölkerung in den Konfliktzonen lebe in ständiger Angst vor Sprengkörpern und Schusswechseln. Außerdem litten die Menschen unter einer schlechter werdenden Wirtschaft, dem rauen Wetter und Naturkatastrophen, sagte Stocker. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sei immer mehr geschwunden. Die Ausweitung des Konflikts und eine schlechter werdende Sicherheitslage behinderten humanitäre Hilfe vor allem in den Regionen, wo sie dringend benötigt werde, so Stocker weiter.
Aber er sehe auch positive Entwicklungen: Es sei heute nicht mehr möglich, Zivilisten zu töten, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfahre. Die Zivilbevölkerung sei selbstbewusster geworden. Immer mehr Menschen würden erkennen, dass sie Rechte hätten. Das mache ihm Hoffnung, so Stocker, dass das Land nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen nicht zurückfallen werde in die unvorstellbare Brutalität der Bürgerkriege der vergangenen Jahrzehnte, so wie es die ISG-Experten befürchten.
Das IKRK arbeitet seit 1979 in Afghanistan und kümmert sich auch um tausende Gefangene. Stocker äußerte sich besorgt darüber, dass sich die Bedingungen in den Gefängnissen verschlechtern könnten, sobald die internationalen Truppen 2014 abziehen und die finanziellen Hilfen für die afghanische Regierung reduziert werden.
Böll-Stiftung zieht sich teilweise zurück
Angesichts der Lage in dem Land beschloss die Heinrich-Böll-Stiftung, ihre Büroleiterin in Afghanistan zum 1. Januar 2013 abzuziehen. Die ohnehin instabile Sicherheitslage habe sich seit der Bekanntgabe des Abzugs der internationalen Truppen verschärft, erklärte Vorstandsmitglied Barbara Unmüßig. "Die Bewegungsfreiheit für internationales Personal ist extrem eingeschränkt und die Gefahr für die deutsche Büroleitung ist nicht mehr kalkulierbar." Die Büroleiterin Marion Regina Müller soll die Arbeit der Stiftung ab 2013 von Berlin aus steuern. Die afghanischen Mitarbeiter werden unverändert vor Ort ihrer Arbeit nachgehen.
Stand: 08.10.2012 16:57 Uhr
