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Nach elf Jahren Afghanistan-Einsatz der USA
"Wir sind nicht bereit, uns ermorden zu lassen!"
Die Stimmung in den USA kippt: Immer mehr Amerikaner stellen die Truppenpräsenz in Afghanistan infrage. Denn die Zahl der Opfer steigt, und die Kosten laufen aus dem Ruder. Längst ist klar: Der Afghanistan-Einsatz, der vor elf Jahren begann, könnte auch scheitern.
Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington
Es sind die Bilder der mit Flaggen bedeckten Särge, die Sergeant Louis Luftus immer wieder zu schaffen machen. Wenn in den Fernsehnachrichten über junge US-Soldaten berichtet wird, die in Afghanistan ums Leben kamen. Obwohl er seit einem Jahr wieder zu Hause ist, leidet er immer noch mit seinen Kameraden: "Dabei geht es Dir doch eigentlich gut. Du lebst, hast beide Beine", erzählt er. "Und trotzdem ist es fürchterlich."
So wie Luftus stellen sich viele US-Bürger die Sinnfrage: Hat sich das alles wirklich gelohnt? Kürzlich ist der 2000. US-Soldat in Afghanistan ums Leben gekommen. Mehr als 1000 starben allein in den vergangenen zwei Jahren. Und immer häufiger lautet die Todesursache "green on blue", also "grün gegen blau", wie die Insider-Attacken im Militärjargon heißen. Ausgerechnet unter den Afghanen, die Amerika mühsam zu Polizisten und Sicherheitskräften ausbildet, verstecken sich Terroristen und Mörder. Das sorgt für Frust und Ärger.
Afghanistan-Einsatz: Amerika ist kriegsmüde und frustriert
M. Ganslmeier, NDR Washington
07.10.2012 11:54 Uhr
"Ich bin stinksauer über diese Attacken!"
"Ich bin stinksauer über diese Attacken!", schimpfte der oberste Kommandeur der US-Truppen in Afghanistan, General John Allen, im Fernsehsender CBS: "Wir sind ja bereit, viel für Afghanistan zu opfern. Aber wir sind nicht bereit, uns ermorden zu lassen!"
Immer mehr Amerikaner fragen sich: "Warum sollen unsere Soldaten Afghanen an Waffen ausbilden, die diese dann nutzen, um unsere Jungs abzuknallen?" Zwei von drei Amerikanern befürworten mittlerweile einen schnelleren Abzug aus Afghanistan.
Präsident Barack Obama hat die Exit-Strategie längst eingeleitet: "Bis Ende 2014 werden alle regulären Truppen wieder zu Hause sein", verspricht er in nahezu jeder Wahlkampf-Rede: "Nach zwei Kriegen, die tausende Leben und Billionen Dollar gekostet haben, ist es Zeit, unser eigenes Land aufzubauen." Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben Amerika finanziell ausgezehrt. Beide zusammen haben mehr als eine Billion Dollar gekostet - also 1000 mal eine Milliarde Dollar. Kein Wunder, dass viele US-Bürger sagen: "Es reicht!"
Zumal aus dem luxuriösen Amtssitz des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai wenig Dank und oft Kritik kommt: Amerika müsse mehr gegen die Terrorzellen in Pakistan tun, sagte Karsai kürzlich im Sender CBS: "Der Terrorismus in Afghanistan hat zugenommen. Afghanistan fühlt sich im Stich gelassen."
Scheitern die USA am Vorhaben "Demokratie in Afghanistan"?
US-Verteidigungsminister Leon Panetta sieht die Insider-Attacken als Zeichen dafür, dass die Taliban in den letzten Zügen liegen. In der US-Regierung will niemand eingestehen, dass das Experiment "Demokratie in Afghanistan" auch scheitern könnte.
Auf die Frage, wie Afghanistan Ende 2014 aussehen muss, wenn die US-Soldaten abziehen, hat der ehemalige US-Botschafter in Kabul, Ryan Crocker, eine nüchterne Antwort: "Ein Afghanistan, das gut genug ist, um für Stabilität in einer gefährlichen Region zu sorgen." Das klingt bescheiden - nach elf Jahren Krieg und immensen Kosten.
Stand: 07.10.2012 14:19 Uhr
